Waffen in Amerika

Wer fühlt sich sicher, wenn alle Pistolen tragen?

Von Steve Przybilla
Aktualisiert am 04.08.2020
 - 08:01
Ein Paar in St. Louis richtet Waffen auf Demonstranten
Nach Ansicht der Waffenlobby sollte am besten jeder anständige Amerikaner bewaffnet sein. Was macht das mit einer Stadt und ihren Menschen, wenn das umgesetzt wird? Ein Besuch in der Kleinstadt Rifle.

„Warnung! Dies ist keine waffenfreie Zone“, schreit es in großen Buchstaben vom Schild draußen neben dem Eingang. Im Schaufenster liegen Revolver, Jagdgewehre und Karbidlampen, umringt von amerikanischen Fahnen. Aber das ist kein Waffengeschäft, sondern ein Burger-Restaurant: Der „Shooters Grill“ liegt in der Kleinstadt Rifle im US-Bundesstaat Colorado. Rifle, wie Gewehr. So heißt die Stadt wirklich.

Bei „Shooters“, wie Einheimische das Lokal nennen, sind Schießeisen so wichtig wie die Waffeleisen in der Küche. Eine Pappfigur des Präsidenten begrüßt vorne die Gäste, man kann T-Shirts erwerben, auf denen für „Gott, Waffen und Trump“ geworben wird. Die freundliche Kellnerin hält einen Notizblock in der Hand, an ihrem Gürtel hängt eine Beretta, Kaliber 40. „Manche Kunden geben uns Munition als Trinkgeld“, sagt die junge Frau und zwinkert mir zu.

„Hier würde niemand einen Überfall wagen“

Im „Shooters“ ist das gesamte Personal bewaffnet, der Colt an der Hüfte gehört hier zum festen Programm. Die Gerichte heißen „Smoking Gun“-Steaks, „M16-Burritos“ und „Swiss & Wesson“-Sandwiches (mit Schweizer Käse), die Vorspeisen werden als „Schießübungen“ bezeichnet. Das kommt bei den Gästen gut an. „Wir fühlen uns hier sehr wohl“, sagt Ken Kriz, ein Vietnamkriegsveteran, der hier regelmäßig speist. Seine Frau Karma stimmt zu: „Das ist der sicherste Ort der Stadt. Hier würde niemand einen Überfall wagen.“

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Die Kellnerinnen, der Papp-Trump, die Speisekarte: all das klingt nach einem lustigen Werbe-Gag, nach Fotomotiven, die sich bei Facebook und Instagram gut machen und neue Kundschaft anlocken. Das ist die eine Seite. Aber hinter dem Restaurantkonzept steckt eine politische Dimension. Das „Shooters“ setzt im Kleinen all die Forderungen um, die die mächtige Waffenlobby für das gesamte Land fordert: keinerlei Beschränkungen, keine Verbote, kein schlechtes Gewissen.

Rund 300 Millionen Waffen sind in den Vereinigten Staaten im Umlauf, statistisch kommt auf fast jeden Einwohner ein Gewehr oder eine Pistole. Großstädte wie Chicago oder Baltimore, in denen jedes Jahr Hunderte durch Schießereien sterben, gehen vermehrt dazu über, Pistolen in Restaurants, Kneipen und Shoppingzentren zu verbieten. Die Supermarktkette Walmart zog im vergangenen Jahr nach, die mächtige Lobbygruppe „National Rifle Association“ (NRA) schäumte vor Wut. Statt Kriminelle anzuprangern, kriminalisiere der Konzern unbescholtene Bürger. Schon bald, prophezeite die NRA, würden die Menschen anderswo einkaufen – in Geschäften, „die Amerikas fundamentale Freiheiten unterstützen“. Besonders in ländlichen Regionen ist der zweite Zusatz der amerikanischen Verfassung, der allen Bürgerinnen und Bürgern das Recht auf Waffenbesitz garantiert, heilig.

„Wir wachsen mit dieser Mentalität auf, für uns ist das ganz normal“, sagt Barbara Clifton, die Bürgermeisterin von Rifle. Sie hält ihr 10.000-Einwohner-Örtchen nicht für besonders konservativ: Der Müll wird getrennt, Marihuana ist legal, die Dächer der städtischen Gebäude sind mit Solarpanels gepflastert. Nur beim Thema Waffen verstünden die Einheimischen keinen Spaß: „Wir haben sogar zwei Stadträte, die bewaffnet zu unseren Sitzungen kommen.“

Diese Mentalität ist für Außenstehende schwer nachvollziehbar, hatte doch gerade Colorado in jüngerer Vergangenheit diverse Opfer durch bewaffnete Attentäter zu beklagen: Weltweit erregte etwa 1999 der Amoklauf in der Columbine-Highschool mit 15 Toten Aufsehen, 2012 das Kino-Massaker von Aurora, bei dem zwölf Menschen starben. „Solche Vorfälle haben wir hier zum Glück nicht“, sagt Bürgermeisterin Clifton. Es gebe keine Gegend in Rifle, durch die sie nachts nicht allein laufen würde. Und wenn doch einmal etwas passiert? „Dann weiß ich mich zu wehren.“ Sie besitzt einen Waffenschein, der ihr das verdeckte Tragen einer Pistole erlaubt (für das offene Tragen braucht man in Colorado keine Genehmigung).

Die Polizei sieht es ähnlich. „Ich bin seit 28 Jahren im Dienst und hatte noch nie ein Problem mit einem gesetzestreuen Bürger, der eine Pistole trägt“, meint Tommy Klein, der örtliche Polizeichef. Wie viele Einwohner eine Pistole, eine Shotgun oder ein Sturmgewehr besitzen, weiß er nicht: Es gibt keine Datenbank, die solche Informationen erfasst. „Im ländlichen Raum gehören die Jagd und das Sportschießen zum Lebensgefühl dazu, schon die Kinder wachsen damit auf.“ Selbst wenn er keinen Dienst hat, trägt der Beamte seine Pistole immer bei sich. „Eine Walther PPQ M2“, sagt Klein und strahlt. „17 Patronen, leicht zu handhaben, sehr zuverlässig. Ich liebe sie.“

Der Polizeichef glaubt, dass ihm im Ernstfall seine bewaffneten Mitbürger zur Hilfe kämen, sollte er auf Streife in Schwierigkeiten geraten. Die Aussage ähnelt verblüffend dem Leitsatz, den die NRA der Bevölkerung seit Jahren einbleut: „Der Einzige, der einen bösen Typen mit einer Waffe stoppen kann, ist ein guter Typ mit einer Waffe.“ Aber wie würde die Polizei bei einer Schießerei überhaupt unterscheiden können, wer „gut“ und wer „böse“ ist? „Ich hoffe, dass ich nie in diese Situation komme“, räumt Klein ein. In einem solchen Fall würden die Beamten alle Beteiligten auffordern, ihre Waffen niederzulegen. „Die guten Leute würden das dann auch tun.“

Im „Shooters Grill“ brummt am frühen Nachmittag der Laden. Die meisten Kunden tragen keine sichtbaren Pistolen. Nur bei einem Mann Mitte 30, der seine Frau und seine zwei Kinder zum Essen ausführt, ist das Lederholster am Gürtel sichtbar. Manche Gäste tragen Pullover mit aufgenähten US-Flaggen, andere haben Tarnanzüge an. Ein betagter Mann mit Krückstock legt seine rote NRA-Mütze auf den Tresen. Doch man sieht auch viele „Normalos“. Unter dem T-Shirt eines jungen Mannes, der wie ein College-Boy aussieht, zeichnet sich eine verdächtige Silhouette ab. Eine Friseurin, die in Rifle geboren wurde, erzählt, sie habe als Kind sogar ihre Gewehre mit zur Schule genommen: „Damit sind wir hinterher gleich zur Elchjagd gegangen. Da hat niemand komisch geguckt, das war ganz normal.“

„Alles andere ist doch liberaler Bullshit“

Tina Pasieta gehörte anfangs zu denen, die das eher seltsam finden. Die 28-Jährige aus Chicago wohnt seit 2014 in Rifle. „Ich habe meine Einstellung komplett geändert, seit ich hier wohne“, erzählt die junge Frau. „Waffenfreie Zonen sind doch geradezu eine Einladung an Gangster.“ Sie hofft, dass sich die Gesetze nie verschärfen, denn als Amerikaner müsse man sich im Ernstfall selbst verteidigen können, statt den Notruf zu wählen. „Alles andere ist doch liberaler Bullshit.“

Natürlich denken auch in Rifle nicht alle gleich. Auf dem Walmart-Parkplatz steht ein mit Aufklebern übersätes Auto: „Ich bin kein Republikaner“, „Amtsenthebung für Trump!“, „Hört auf, euren Rassismus als Patriotismus zu tarnen!“ Die Dame an der Hotelrezeption hat eine eigene Idee, wofür der Papp-Trump im „Shooters“ nützlich sein könnte: „Da drauf sollten sie ihre Schießübungen machen. Es träfe den Richtigen.“

Was am Ende hier alle vereint, ist ihre klare Meinung zu Waffen, egal ob pro oder contra. Nur eine Person stand nicht für ein Interview bereit: Lauren Boebert, die Besitzerin des „Shooters“. Sie möchte republikanische Kongressabgeordnete werden und befindet sich derzeit im Wahlkampf. Auf ihrer Website trägt sie Blazer, Jeans und Halskette. Und eine Waffe

Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly
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