FAZ plus ArtikelVerfallene Ruinen

Was macht man mit verwaisten Hochhäusern?

Von Elena Witzeck
Aktualisiert am 19.05.2020
 - 06:45
Der Torre de David in Venezuelas Hauptstadt Caracas.zur Bildergalerie
Überall auf der Welt übertrumpfen sich Bauherren mit immer spektakuläreren Wolkenkratzern. Einige werden nie fertig. Auf den Spuren der riesigen städtischen Ruinen, die besetzt oder gemieden werden – oder vergessen.

Als Kind verbrachte Lucas Pohl viel Zeit in Ruinen und inspizierte ihren Verfall. In Sachsen-Anhalt, wo er aufwuchs, nachdem seine Familie aus Berlin weggezogen war, gab es viele davon, und in den großen Städten des Ostens, in Leipzig, Halle und Chemnitz, konnte man sie in aller Ruhe erkunden. Es faszinierte ihn, dass die Menschen ihr Interesse an ihnen verloren hatten. Ihn reizte der Ruin. Später zog er nach Frankfurt, in die Skyline-Stadt, in ein Wohnhochhaus, 13. Stock. Von da an blickte er von oben auf Fortschritt und Verfall.

Im vergangenen Jahr wurden weltweit 126 über 200 Meter hohe Wolkenkratzer fertig – mehr als doppelt so viele wie vor zehn Jahren. Überall auf der Welt planen Bauherren neue Objekte, übertrumpfen sich in Höhe und spektakulärer Architektur. Und jedes Jahr verfallen überall auf der Welt Hochhausbauten, die ihren Zweck verfehlt haben: der Torre de David in Venezuela, ein gigantischer, unfertig gebliebener Bankenturm ohne Außenfenster, ein Skelett über Caracas, in dem nur einmal pro Woche Wasser fließt. Das Holiday Inn in Beirut, mit seinen Einschusslöchern Mahnmal des libanesischen Bürgerkriegs der siebziger Jahre. Das Ryugyōng-Hotel in Pjöngjang, ein 1987 begonnener, nie zu Ende gebrachter Glas-Pyramidenbau. Sie werden besetzt, heimlich erobert, gemieden. Statistiken über die Hochhausruinen weltweit gibt es keine, nur Neubauten werden erfasst.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly
Autorenporträt / Witzeck, Elena
Elena Witzeck
Redakteurin im Feuilleton.
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