Halal um die Welt

Wie verändern muslimische Reisende den Tourismus?

Von Celina Plag
Aktualisiert am 16.05.2019
 - 18:47
Halal-Speisen und Gebetsteppiche gibt es auch im „Hotel Adlon Kempinski“ in Berlin.zur Bildergalerie
Schon mal etwas von Halal-Reisen gehört? Keine Bevölkerungsgruppe wächst weltweit stärker als die der Muslime. Nun stellt sich die Tourismusindustrie auf die neue Zielgruppe ein – auch in Deutschland.

Mit süßsaftigem Baklava, Datteln und getrockneten Früchten aus dem arabischen Begrüßungstreatment lässt sich der Blick auf das Brandenburger Tor am Pariser Platz in der Suite des „Adlon-Kempinski Berlin“ verschönern. Im Hintergrund läuft leise ein arabischer Sender, der Koran liegt griffbereit, der Gebetsteppich auch. Ein Pfeil weist dem Betenden den richtigen Weg. In der Minibar warten Erfrischungsgetränke, jedoch kein Alkohol – wer hungrig wird, kann unbesorgt Essen bestellen, das gibt es hier auch halal: Keine Bevölkerungsgruppe wächst weltweit stärker als die der Muslime, und mit halal-freundlichen Reisen stellt sich die Tourismusindustrie auf die neue Zielgruppe ein.

„Halal“, das beschreibt nach islamischem Recht „alle Dinge oder Handlungen, die erlaubt sind, im Gegensatz zu haram“, sagt Professsor Jamal Malik vom Institut für Religionswissenschaften an der Uni Erfurt. Das bedeutet die Einhaltung von islamischen Speisevorschriften, also den Verzicht auf Schweinefleisch sowie nicht regelgerecht geschlachtete Tiere, kann sich aber auch auf den gesamten Lebensstil beziehen und ist aufgrund verschiedener Rechtsschulen „bis zu einem gewissen Grad Auslegungssache“. Dazu gehören fünf Mal täglich Richtung Mekka beten, Kleiderordnungen wie etwa das Tragen von Kopftüchern befolgen sowie der Verzicht auf Alkohol, Drogen und außerehelichen Sex.

„Kunden wollen keine Kompromisse mehr eingehen“

Wer nach islamischen Regeln lebt, legt auch beim Reisen auf Halal-Services Wert. Egal ob beim Business- oder City-Trip, beim Wellnesswochenende oder Strandurlaub. Wie das „Adlon-Kempinski Berlin“ bemühen sich deutschlandweit immer mehr Hotels um die Zielgruppe – auch, weil der sogenannte „Halal Travel“-Markt explodiert: Laut „Muslim Millennial Travel Report“ (2017) wird die Zahl muslimischer Reisender bis 2020 auf knapp 160 Millionen steigen. Bis 2020 werden die neuen Jetsetter voraussichtlich jährlich 220 Milliarden Dollar ausgeben, 2026 sollen es bereits 300 Milliarden sein. Das steigende Interesse an halal-freundlichen Reisen ist auch auf die stark wachsende Gruppe junger und kaufkräftiger Muslime zurückzuführen. Bis 2030 werden fast 30 Prozent der Weltbevölkerung Muslime im Alter zwischen 15 und 29 Jahren sein. Kamen Weltenbummler mit einem Interesse an Halal-Angeboten bislang meist aus reichen Ölstaaten wie Saudi-Arabien, nimmt jetzt die Nachfrage in Ländern wie Malaysia oder Indonesien zu, wo die Mittelschicht wächst. „Aber auch die zweite und dritte Generation Muslime in Deutschland möchte schöne Reisen antreten“, so Malik.

„Mit der neuen Kaufkraft sind die Kunden anspruchsvoller geworden und wollen keine Kompromisse mehr eingehen“, sagt Ufuk Seçgin vom Buchungsportal halalbooking.com. Seçgin, der mit türkischen Wurzeln in Hamburg geboren wurde und seit 16 Jahren in London lebt, kennt das Dilemma selbst. „Wenn ich auf Reisen bin, würde ich gerne mal in ein schickes Sternerestaurant gehen, ich habe auch nicht immer Lust auf türkische Küche.“ In London stellten sich mittlerweile viele britische Gastronomen auf die muslimischen Gäste aus dem In- und Ausland ein, während hippe Bars ihr Cocktailmenü um alkoholfreie Alternativen erweitern. Und Freizeitveranstalter wie „Muslim History Tours“ bieten Sightseeing-Trips mit Fokus auf die britisch-muslimische Geschichte. Für viele Städte, Tourismusverbände, Reiseveranstalter oder Hoteliers schlummert da ein lukratives Potential.

Gebetsteppiche im Zimmer und entsprechende kulinarische Angebote sind erst der Anfang. Halal zu reisen geht für viele bereits bei der Anreise mit entsprechenden Speisen im Flugzeug oder sogar Gebetsräumen an Bord und an Flughäfen los, geht bei Freizeitaktivitäten weiter und hört beim stillen Örtchen auf. „Im arabischen Raum ist es üblich, sich nach dem Gang zur Toilette mit Wasser zu säubern“, sagt Seçgin. „Wer sich als Hotelier mit speziellen sanitären Anlagen darauf einstellt, bedient wirklich eine große Nachfrage.“

Von der wachsenden Zielgruppe profitieren natürlich Reiseveranstalter und Buchungsplattformen wie seine 2009 gegründete halalbooking.com. Beliebt sind Strandresorts und Privatvillen, die meisten Angebote gibt es in der Türkei, Länder wie Indonesien, Thailand oder Marokko ziehen nach. Von einem erschwinglichen Drei-Sterne-Bungalow auf Ko Samui bis zu einer Privatvilla mit Pool auf den Malediven ist auch in der Halal-Welt für jedes Budget etwas dabei. Seçgin: „Gerade wenn befreundete Familien verreisen, buchen einen Halal-Urlaub nicht nur Muslime.“ Seinen Kunden seien „familiäre Werte“ wichtig, etwa, dass in öffentlichen Hotelanlagen vor Kindern nicht wild geknutscht werde. Oder dass das Hotelpersonal gegenüber Frauen nicht in den Flirtmodus verfalle.

Der größte Unterschied der Angebote zu herkömmlichen Resorts besteht – neben fehlenden All-inclusive- Alkohol-Flatrates vielleicht – darin, dass Spa- und Badeeinrichtungen geschlechtsgetrennt sind. Mit separaten, nicht einsehbaren Pools oder Strandabschnitten nur für Frauen, wo sich diese „ungestört im Bikini sonnen können“, so Seçgin. Und solchen, wo sich die gesamte Familie trifft, dann in entsprechender Kleidung: Für Männer bedeutet das in der Regel knieumspielende Badeshorts, für Frauen Burkini – den Ganzkörperbadeanzug. Die schiere Notwendigkeit solcher Konzepte lässt sich natürlich kritisieren. „Man sollte aber nicht vergessen, dass es für eine gläubige Muslima das Hinzugeben von Freiheitsbereichen bedeutet“, sagt Professor Jamal Malik. Seçgin betont: „Früher konnten verschleierte Frauen den Strandurlaub nur in Maßen genießen.“

Oder auch mal überhaupt nicht: Als 2016 im französischen Cannes eine Gruppe von Muslima vom Strand verbannt wurde, weil sie diesen in einem den ganzen Körper verhüllenden Burkini betreten hatten, wurde das im Kontext Hygiene und nationale Sicherheit erklärt – der Vorfall ereignete sich kurz nach dem Terroranschlag in Nizza. Weil sich Mehrheiten und Minderheiten laut Malik „immer gegenseitig konzeptionalisieren“, dürfte dieser Fall den Halal-Angeboten ebenfalls geholfen haben. Das Bußgeld von 38 Euro investieren die Ladys künftig wohl lieber ganz halal in ein paar Virgin Colada am sonnigen Privatstrand.

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Ziemlich sichtbar sind Muslima im Kontext Halal-Reisen jedenfalls in den sozialen Medien: Wer einmal den Hashtag #halaltravel oder #halaltrip auf Instagram durchstöbert, findet dort unzählige Selfies muslimischer Influencerinnen, die mit farbenfrohen Kopftüchern und selbstbewusstem Lächeln vor orientalischen Sehenswürdigkeiten in Oman, beim Segeltörn auf Mallorca oder beim Halal-Sushi in Tokio geknipst wurden. Überhaupt ist die digitale Vernetzung für die wachsende Gruppe der jungen Muslime auch beim Reisen entscheidend – „staying relevant with social media“ ist laut „Muslim Millennial Travel Report“ eine zentrale Anforderung der Zielgruppe an ihre Destinationen.

Beliebte Reiseziele im muslimischen Raum sind übrigens Malaysia und die Türkei genauso wie Saudi- Arabien, das mit rund 16 Millionen Besuchern jährlich – natürlich vor allem dank der Wallfahrten – absoluter Spitzenreiter ist. Und Deutschland? Obwohl sich die Bundesrepublik ja nicht gerade mit High-Speed-Internet brüsten kann, das man brauchte, um all die hübschen Urlaubsfotos unmittelbar hochzuladen, steht sie laut „Muslim Millennial Travel Report“ auf Platz eins der beliebtesten nichtmuslimischen Reiseländer, noch vor Russland, Indien, Großbritannien und China. Halal-Reisen? Gehören also auch zu Deutschland.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly
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