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Blick nach vorn

Foto: Nikita Teryoshin, Deutschland

Das Virus hat das Leben überall auf der Welt verändert, in jedem Land ein bisschen anders, aber die Bedrohung war global. Wir haben Fotografen aus zwölf Ländern um ein Bild gebeten, das am besten ausdrückt, wie sie jetzt nach vorne schauen.

2. Juli 2020

Nikita Teryoshin, Deutschland


Ein Catocala nupta oder auch Rotes Ordensband – keine einfache Motte, sondern immerhin vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland zum Schmetterling des Jahres 2015 gekürt – verirrte sich in unser Berliner Wohnzimmer und flatterte hilflos zwischen Fenster und Wasserglas. Was im ersten Moment nach Gefangenschaft aussehen mag, war in diesem Fall ein unausweichlicher Schritt, um das Insekt aus der Wohnung unversehrt zurück in die Freiheit zu befördern. Es bleibt nur zu hoffen, dass die Regierungen dieser Welt auch so freundlich sind und die Bürger nach dem Ende der Corona-Krise in die gewohnte Freiheit entlassen werden.

Foto: Nikita Teryoshin

Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

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Feng Li, China


Im Mai beginnt in Chengdu der Sommer erst, aber die Temperaturen liegen schon bei 35 Grad. Trotzdem sind die Menschen gerne auf der Straße. Auf einer kürzlich fertiggestellten Brücke habe ich dieses Mädchen fotografiert, das einen Lutscher in der Hand hielt und mich ruhig anblickte. Ihr Großvater nahm die Szene mit seinem Smartphone auf. Nur die Maske des Mädchens erinnerte mich in dem Moment daran, dass die Welt immer noch von dem Virus bedroht wird. Zum Glück wurde die Stadt selbst nicht von der Pandemie heimgesucht – dank der Entscheidung der Bewohner, die ersten zwei Monate zu Hause zu bleiben, um das Infektionsrisiko zu minimieren. Die Straßen waren wie ausgestorben. Jetzt ist der Alltag wieder zurückgekehrt. Aber natürlich halten wir alle Abstand voneinander und tragen Masken. Schließlich ist das Virus noch nicht endgültig verschwunden.

Foto: Feng Li

Alex Majoli, Italien  


In der U-Bahn in Mailand. Die neue Normalität im Blick eines Jugendlichen. Wir spüren die Ungewissheit, ein Gefühl der Furcht und Leere angesichts der politischen und sozialen Perspektiven.

Foto: Alex Majoli

Yusuf Sevinçli, Türkei  

 

Ist diese Pandemie wirklich nur durch ein halblebendiges Virus erzeugt worden? Oder ist es auch der Geist unserer Zeit, dass man Distanz halten soll zu seinen Mitmenschen? Unsicherheit, vor allem wenn es um die Zukunft geht, ist ein unangenehmes und stressendes Gefühl. Besonders wenn man diese Zukunft ganz allein bewältigen soll, ohne die Hilfe und Solidarität der Familie, der Freunde und der Gesellschaft. Werden die Kinder von heute aufwachsen, ohne die Bedeutung physischer Interaktion in der Öffentlichkeit zu kennen?

Fotos: Yusuf Sevinçli

Eva O’Leary, Vereinigte Staaten  


In den letzten Jahren habe ich viel Zeit allein verbracht, um an Projekten in ländlichen Teilen des Landes zu arbeiten. Dabei habe ich die sozialen Medien als eine Art Notizbuch benutzt – und manchmal als einen Ort, um meine Sorgen und Ängste zu teilen. Dadurch habe ich mich weniger isoliert gefühlt. In den vergangenen Monaten habe ich bemerkt, wie die Leute ihre Gefühle bereitwilliger online teilen. Wir sind uns der anderen bewusster geworden. In Zukunft werden wir uns vielleicht alle mehr als ein Teil eines größeren Ganzen verstehen (obwohl ich zugleich befürchte, dass es nicht so kommt). Nachdem wir alle so viel Zeit allein verbracht haben, hoffe ich, dass wir uns immer wieder daran erinnern, dass wir alle mehr zusammengehören, als wir denken.

Foto: Eva O’Leary

Ricardo Cases, Spanien  


Ich habe dieses Bild von meiner Tochter während eines der ersten Spaziergänge aufgenommen, die wir in den Wochen des Ausnahmezustands unternehmen durften. Wir leben auf dem Land, und für mich verbirgt sich in dieser Aufnahme ein Hinweis auf die Zeit, die vor uns liegt. Als ob die Gegenwart uns eine Gelegenheit zu einer Pause auf unserem Weg gewährte, die sich durch zwei Blumen ausdrückt. Als ob der Weg uns selbst mit einer Warnung überraschte, einem Weckruf, einer Möglichkeit, unsere Entwicklung zu überdenken und zu verändern.

Foto: Ricardo Cases

Erli Grünzweil, Österreich  

 

Wir erkennen, welche Menschen für uns wichtig sind und wem wir vertrauen können – im privaten wie m gesellschaftlichen Kontext. Wir sehen, wie wichtig unterbezahltes Personal in Supermärkten, Pflegeberufen oder auf den Erntefeldern für unsere Gesellschaft ist – und werden es hoffentlich besser bezahlen. Nach der Krise werden wir sehen, was wir loslassen können und was uns nicht fehlt. Wir werden unsere Freizeit wieder mehr schätzen, und unser Alltag wird nicht ausschließlich von Arbeit bestimmt sein. Diese Welt wird sich weiter drehen, wenn auch etwas langsamer und vorsichtiger, und unsere Gesellschaft wird sich menschlicher, nachhaltiger und bewusster darin wiederfinden. Zumindest sehne ich mich nach dieser Welt.

Foto: Erli Grünzweil

Newsha Tavakolian, Iran  

 

Erst wenn uns jemand verlässt, versteht man wirklich, was das Zusammensein bedeutete. In Iran sagen wir dazu: Sein Platz ist leer. Nach dem Tod meines Vaters blieb sein Platz so leer. Wir fühlten uns sehr einsam, auch an seinem Grab. Aber trotz Corona kamen meine Cousins und Cousinen zur Beerdigung. Wir mussten Abstand halten, aber wir fühlten uns sehr verbunden.

Foto: Newsha Tavakolian

Paul Rousteau, Frankreich  

 

Wie sollen wir, ohne uns zu berühren, in Zukunft jene grüßen, die uns nahestehen? Unsere Zuneigung zeigen? Ein Kind trösten oder jemanden in Not? Im Moment müssen wir – wie in Asien, wo die Menschen sich grüßen, indem sie sich mit gefalteten Händen verbeugen – unser eigenes Repertoire an affektiven Gesten erfinden, um Mitgefühl zum Ausdruck zu bringen, das Glück, sich wiederzusehen, Liebe, Freundschaft . . . In Frankreich ist der „Ellenbogen-Check“ verbreitet. Doch der Kontakt zweier Knochenenden ist nicht so warmherzig wie ein Kuss, eine Umarmung, ein aufrichtiger Händedruck.

Foto: Paul Rousteau

Kent Andreasen, Südafrika  

 

Wenn ich mir anschaue, was hier bei uns passiert, bekomme ich eine Ahnung, dass unsere nahe Zukunft von Eskapismus und Isolation geprägt sein wird. Viele Leute verkriechen sich in die Einsamkeit entfernter Gegenden, weil sie ihre Freunde nicht mehr sehen und nicht mehr an normalen sozialen Aktivitäten teilnehmen können. Ich spüre denselben Impuls, in abgelegene Teile des Landes zu fahren, bis ich wieder normal arbeiten kann. Ich kämpfe um eine Zukunftsperspektive nach den nächsten Monaten, und meine Bilder sind ein Ausdruck dafür – und für mein Bedürfnis nach Isolation. In Kapstadt festzusitzen, ohne die gewohnten Freiheiten genießen zu können, bringt Leute dazu, in den Bergen, Wäldern oder am Meer zu „überwintern“, wo sie sich sicher fühlen und nicht darüber nachdenken müssen, was ihnen die Behörden gerade erlauben und was nicht. Meine Arbeit ist derzeit geprägt von der Selbstisolierung und langen Autofahrten. Viele von uns glauben, dass sie gut allein zurechtkommen, aber wir merken schnell, dass wir zur wahren Erfüllung andere Menschen in unserem Leben brauchen. In den kommenden Monaten werden wir sehen, wie diese Theorie in der Praxis funktioniert, wenn wir neue Ideen entwickeln, wie wir auf verantwortungsvolle Weise die Menschen wieder in unser Leben integrieren, die wir jetzt nicht mehr um uns haben konnten.

Foto: Kent Andreasen

Sophie Green, England  

 

Als ich einmal durch Indien reiste, fiel mir auf, wie selbstverständlich Männer ihre Freundschaft zueinander in der Öffentlichkeit zeigen, indem sie sich umarmen oder an der Hand halten. Das Bild fängt den intimen Moment ein, wie sich zwei Geschäftsleute inmitten des Gedränges in Neu-Delhi durch die Berührung ihrer Hände ihrer Freundschaft vergewissern. Mir vermittelt diese Szene ein großartiges Gefühl von Solidarität. Am Ende brauchen wir alle Gemeinschaft, Liebe, Verbindungen und Austausch. Diese Werte geben uns Hoffnung, und mit diesen Werten werden wir die Krise überstehen.

Foto: Sophie Green

Vicente Manssur, Ecuador  

 

Wir werden die Sonne aus geschlossenen Räumen beobachten, mit einer Schutzschicht gegen praktisch alles, so werden wir unsere Art zu leben radikal ändern.

Foto: Vicente Manssur

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02.07.2020
Quelle: F.A.Z. Quarterly

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