Adele ist zurück

Wenn du jemals ein  gebrochenes Herz hattest ...

Von Johanna Dürrholz
16.10.2021
, 11:12
Die Sängerin Adele ist nach sechs Jahren Pause mit einem neuen Song zurück.
Niemand kann so gut Herzschmerz besingen wie die Britin Adele. Nach sechs Jahren Pause ist sie mit einer neuen Single und einer Albumankündigung zurück. Und?
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Mit vielem wurde Adele in den vergangenen Jahren in Verbindung gebracht – Gewichtsabnahme, Scheidung, Schönheitsoperationen, Body­shaming –, aber nicht mit Musik. Was doch seltsam anmutet, bedenkt man einmal die Jahrhundertstimme dieser Sängerin, und denkt man einmal zurück an ihr Album „21“, das ein Stück purer Pop war (und was für eines!). Und so war Adele zwar in den vergangenen sechs Jahren nach wie vor viel in den Medien, doch ihr Wahnsinnstalent schien weitgehend vergessen – außer natürlich von den Fans, die beständig um neue Musik bettelten. Ihr letztes Album „25“ erschien 2015. Seither sah man immer mal wieder Bilder von einer dünneren Adele (vollkommen unnötig, sich damit zu beschäftigen, aber Frauenkörper stehen für viele eben noch immer wie selbstverständlich zur öffentlichen Begutachtung bereit) oder wurde von der Boulevardpresse informiert, dass sie Mutter geworden war oder ihre Ehe in die Brüche ging.

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Jetzt aber ist sie doch mit Musik zurück, mit einer neuen Single, „Easy On Me“, und der Ankündigung, das neue Album „30“ werde im November erscheinen. Fans hatten schon vor einigen Tagen spekuliert, bald werde es so weit sein: Die Zahl „30“ war Anfang Oktober überall auf der Welt an öffentlichen Orten auf Gebäude und Werbeflächen projiziert worden. Aufgeregte Adele­-Fans teilten Bilder mit der „30“ vom New Yorker Empire State Building, aus London, Toronto, Venedig, München, Stockholm, Madrid. Da Adeles vorherige Alben „19“, „21“ und „25“ betitelt waren und diese Art des teasing ihrer Marketingstrategie entspricht, lag die Vermutung nahe.

Eine halbe Ewigkeit im Popkosmos

Sechs Jahre zwischen zwei Alben, das kann im Popkosmos eine halbe Ewigkeit sein. Aus künstlerischer Sicht ist es das freilich nur bedingt, und auch wenn die Beatles jedes Jahr ein Album veröffentlichten, nehmen sich viele Musiker inzwischen mehr Zeit für ihre Platten. Nur bei Popmusikerinnen und -musikern war genau das eben lange nicht der Fall. Wer so richtig erfolgreich war, brachte so viele Alben wie möglich heraus – auch, weil ein Popstar in einem komplizierten Geflecht aus Plattenfirmen, Marketing, Zeitgeist, Hype und Fans selbst agiert und zugleich fremdbestimmt ist. Dabei spielt selbstredend immer das Streben nach noch mehr Erfolg und vor allem noch mehr Geld eine große Rolle.

Ein gutes Beispiel für das unermüdliche Veröffentlichen von Hits und noch mehr Hits ist die Sängerin Rihanna: Sie brachte in den Jahren 2005, 2006, 2008, 2009, 2010, 2011, 2012 jeweils ein Album heraus; auf jedem fanden sich Welthits wie „Umbrella“, „Diamonds“ oder „Stay“. Erst dann, so schien es, machte die Sängerin aus Barbados eine Atempause. Vier Jahre später dann veröffentlichte sie „Anti“, ihr wohl bestes Album. Sie ging auf Welttournee und machte in den vergangenen Jahren ein Vermögen mit ihrer Kosmetikfirma und ihrem Unterwäschelabel.

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Und musikalisch? Nichts. Es ist inzwischen ein Running Gag unter Fans, dass Rihanna, die ein ganzes Jahrzehnt musikalisch prägte und zu einer der wichtigsten Popikonen ihrer Generation wurde, einfach keine Musik mehr veröffentlicht.

Es geht dabei aber nicht nur um künstlerische Fragen, sondern auch um persönliche Selbstbestimmung. Wenn der Fall Britney Spears eins gezeigt hat, dann unser generelles Unvermögen, hinter dem schillernden Popstar-Produkt, das in der Öffentlichkeit verkauft und angepriesen wird, den Menschen zu erkennen. Dass die Frau, die da tanzt und gut aussieht und gut singt, tatsächlich nur mit viel Disziplin und Talent so viel erreicht. Und dass die Frau eben eine Frau ist, auch wenn ihr Name längst eine Marke geworden ist. Diese Form der Selbstbestimmung können sich gerade weibliche Popstars oft erst dann herausnehmen, wenn sie schon sehr, sehr erfolgreich sind. Auch von Beyoncé zum Beispiel hat es lange keine neue Musik gegeben. Und das liegt sicher nicht nur am Druck, ihr bisher nahezu makelloses Werk nicht mit schlechterer oder weniger erfolgreicher Kunst zu schänden.

Nun also Adele, die sich für ihre letzten Alben stets ein wenig mehr Zeit gelassen hat, um dann mit der nächsten Power­ballade um die Ecke zu kommen. Was macht sie, die lange nicht dem typischen Bild des hypersexualisierten Popstars entsprach, so erfolgreich? Zum einen genau das: Adele war immer eine gute Identifikationsfigur für die moderne Frau – lustig, schlagfertig, gängige Konfektionsgröße, very down to earth.

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Doch auch ihre Musik, besonders ihr Talent dafür, ein Gefühl oder eine Situation in einen Song zu packen, der sich unweigerlich aufs eigene Leben übertragen lässt, sich direkt in die Seele bohrt, macht sie zu einer Projektionsfläche und schlussendlich zum Weltstar. Der Moderator James Corden hat es einmal treffend formuliert: „Es gibt kaum ein vergleichbares Gefühl: Du hörst einen Song von jemandem, den du nicht kennst, den du nie getroffen hast, der es aber irgendwie geschafft hat, ganz genau zu beschreiben, wie du dich in einem bestimmten Moment in deinem Leben gefühlt hast. Wenn du jemals ein gebrochenes Herz hattest – du wirst dich jetzt daran erinnern.“

„Go eaaaaasy on me“

Damals sang Adele davon, dass sie eines Tages jemand Neuen kennenlernen würde. Heute besingt sie ihre Trennung, und sie singt für ihren Sohn: Das ganze Album habe sie ihrem Sohn gewidmet, sagte sie der BBC. Und es gehe eben auch um Streit, um schwierige Situationen „mit dem Vater meines Sohnes“. „There ain’t no gold in this river / That I’ve been wash­ing my hands in forever / I know there is hope in these waters / But I can’t bring myself to swim“, heißt es in „Easy On Me“. Eine Popballade à la Adele, also: viiiiel Klavier, viiiiel Gefühl und vor allem viiiiel von dieser einzigartigen Stimme, die einen viiiiel zu eingängigen Refrain singt, den wohl bald die halbe Welt im Auto oder unter der Dusche mitträllern wird: „Go eeeeeeaaaaaasy on me“.

Und auch das ist etwas, das Adele auszeichnet: Sie ist die Große-Balladen-Sängerin unserer Zeit. Und die Große-Balladen-Schreiberin sowieso. Mit einer Stimme mit so viel Tiefe und Wärme, dass sowieso jeder Song, den sie singt, zum Hit werden würde.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Duerrholz, Johanna
Johanna Dürrholz
Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin
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