Adele und ihr Gewicht

Frauenkörper, ein Politikum

Von Johanna Dürrholz
03.08.2020
, 17:03
Dieser Post von Adele regte hitzige Diskussionen um ihre Körpermaße an.
Adele hat abgenommen – und wird dafür sowohl überschwänglich gefeiert als auch heftig kritisiert. Warum nur fühlen sich Menschen noch immer ungefragt bemüßigt, Frauenkörper zu kritisieren?
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Die Sängerin Adele hat es mal wieder in die Schlagzeilen geschafft, nicht mit Musik, sondern mit einem einzigen Bild, das sie auf Instagram gepostet hat. Ein Beben geht seither durch die Presse, die sozialen Medien und vor allem die Kommentare unter ihren Posts. „Ist sie es wirklich?”, fragt „TZ”, „kaum wiederzuerkennen”, schreiben gleich mehrere Medien wie „T-Online”, „Rheinische Post” oder „Stern.de“, „Express.de“ meint gar, dass ihre eigenen Fans die Sängerin nicht wiedererkennen würden. Ja, Mensch, was hat die Gute denn gemacht? Haare ab? Jacke zu? Nase noch dran? Nope, Adele ist – Horrorschock! – jetzt schlank. Und erhitzt damit die Gemüter, in alle nur erdenklichen Richtungen.

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Zum einen passiert nämlich das, was vielen Menschen widerfährt, die eine größere Menge an Gewicht verlieren: Sie werden bejubelt! Gefeiert! Am liebsten würde man sie hochleben lassen – geht ja jetzt, wo sie leichter sind, höhö. Es gibt jedenfalls immer sehr viele Menschen, die zu einem Gewichtsverlust gratulieren, und das ist in den meisten Fällen auch bestimmt sehr nett gemeint. Bei Adele etwa ist bekannt, dass sie gemeinsam mit einem Personaltrainer und einer bestimmten Diätform hart daran gearbeitet hat, die 45 Kilogramm loszuwerden. Was der Grund für ihren Abnehmwillen ist, weiß man wiederum nicht. Vielleicht wollte sie einfach nur dünner sein. Vielleicht ist sie auch krank und musste aus gesundheitlichen Gründen abnehmen. Vielleicht geht es ihr mental nicht gut, und der Sport sollte helfen. Jedenfalls ist es eigentlich immer problematisch, Menschen ungefragt dazu zu gratulieren, dass sie abgenommen haben. Vielleicht wollten sie gar nicht. Vielleicht haben sie großen Kummer. Vielleicht sind sie krank. Will man wirklich jemandem zu einer Krankheit gratulieren? Glückwunsch, zwar nicht kerngesund, aber dafür endlich dünn!

Was sagt es außerdem aus über uns, dass wir noch immer meinen, dass dünner gleich besser ist? Dass es, egal, wie der Gewichtsverlust zustande kam, auf jeden Fall gut ist, endlich schlank zu sein? Keine Frage, es ist wunderbar, wenn Menschen sich Ziele setzen und hart daran arbeiten, diese auch zu erreichen. Doch im Fall des Gewichtsverlusts weiß man das eben nicht immer. Es schwingt außerdem noch immer eine Fettphobie mit, dass nämlich größere Körper irgendwie schwer auszuhalten sind, dass dicke Körper als extrem ungesund und ihre Besitzer als faul gelten. Dabei steht den Menschen ihre Krankheitsakte ja nun wirklich nicht auf den Körper geschrieben, ob dick oder dünn.

Zum anderen aber passiert auch genau das Gegenteil, und zwar gerade Personen, die in der Öffentlichkeit stehen und nicht den oft üblichen Schlankheitsstandards entsprechen: Sie werden für ihren Gewichtsverlust angegriffen. Wie können sie es nur wagen abzunehmen, heißt es dann oft, wo sie doch vorher Identifikationsfigur für andere Menschen, die vielleicht auch nicht ganz schlank sind, waren. „Ich weiß wirklich nicht, was ich meinen kleinen Töchtern nun sagen soll“, schreibt etwa eine Userin unter Adeles letzten Post. Andere finden, sie sehe „ungesund“ aus, „krank“, „alt“, „nicht wiederzuerkennen“. „Wo ist meine Adele?“, fragt ein User. Es ist also offenbar egal, ob Adele dick oder dünn ist, ob sie geschminkt oder ungeschminkt ist (sie trägt auf dem Bild kein Make-up und wird auch dafür sowohl überschwänglich gelobt als auch beißend kritisiert), ob sie einfach existiert – sie wird kritisiert, für alles, was sie tut. Und das ist kein Zufall.

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Immerhin geht es hier nicht um irgendeinen Körper, sondern um den Körper einer Frau, und dann noch einer Frau, die in der Öffentlichkeit steht. Noch immer nämlich denken viele Menschen, Körper, die irgendwie öffentlich gezeigt werden, stünden bereit zum Abschuss. Dürfe man kommentieren, bewerten, beleidigen, wie man lustig ist. Auf „Bild.de“ findet sich eine ganze Bilderstrecke zu Adeles „unglaublicher Verwandlung“, das Onlineportal „Tz“ vermutet direkt eine Verschwörung hinter dem Gewichtsverlust Adeles und – jetzt kommt’s! – der Gewichtsabnahme der australischen Schauspielerin Rebel Wilson. Hallo, kann doch nicht sein? Dass gleich zwei Frauen auf dieser Welt abnehmen – und sich damit womöglich gehässigen Kommentaren zu ihren nicht der Norm entsprechenden Körpern entziehen?

Noch immer jedenfalls ist es nicht nur ein weit verbreiteter Irrglaube, man dürfe Körper bewerten, es ist vor allem eine universelle Annahme, der Körper einer Frau habe einziger Gegenstand der Diskussion um diese Person zu sein. Wenn Frauen angegangen werden, die andere tolle Sachen erreichen – in Adeles Fall etwa ein Oscar, unzählige Grammys und überhaupt ihre betörende Fähigkeit, Musik zu machen und zu singen –, dann geht das ganz schnell über ihre Körper. Es geht dabei oft darum, Frauen zu entmenschlichen, sie auf ihren Körper zu reduzieren, sei es, weil man sie zu einem Sexobjekt macht oder zum Gegenteil davon. Für die Autorin Laurie Penny herrscht in unserer Kultur eine „Abscheu vor dem menschlichen Fleisch, besonders vor dem weiblichen Fleisch“ vor. Es wird zwar überall gezeigt und zur Schau gestellt, aber nur, weil damit Geld verdient werden soll, und nicht, weil wir Körper in all ihren Facetten und Eigenheiten und Merkwürdigkeiten wahrnehmen würden. Mit Sinnlichkeit hat diese Fixierung auf den weiblichen Körper nichts mehr zu tun.

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Auch 2020 noch ein Politikum

Und so scheint es, dass der Körper einer Frau auch im Jahr 2020 noch immer ein Politikum ist, für alle, außer für die Frau selbst, die sich im Meer der Schönheitsideale und unrealistischen Standards zurecht finden und irgendwie wohlfühlen will, die ja auch existieren muss in diesem für Bewertung frei zugänglichen Körper. Adele weiß darum und nutzt diesen Missstand auch zu Marketingzwecken – Fans wissen, dass ein neuer Post von Adele in der Regel bedeutet, dass da bald neue Musik kommen könnte. Andererseits: Was soll sie machen? Ihren Gewichtsverlust verheimlichen? Sich nur noch im Jutesack zeigen? Im Übrigen war Adeles letztes Bild eine Hommage an die Sängerin Beyoncé, deren Outfit sie kopierte und die sie mit den Worten bedachte: „Danke, Königin, dass wir uns immer so geliebt fühlen durch deine Kunst.“ Da ging es um Größeres als um Körpergrößen. Aber darüber redet natürlich wieder mal keiner.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Duerrholz, Johanna
Johanna Dürrholz
Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin
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