Beliebte Vornamen

Der Hang zum Wohlklang erklärt den sanften Auslaut

Von Alfons Kaiser
10.05.2021
, 16:09
Die beliebtesten Vornamen des Jahres 2020 klingen gut. Für die so kurzen wie weichen und sanft endenden Mädchenvornamen gibt es Gründe. Und die Jungen nähern sich an.

Es fällt nicht schwer, sich auf diese Namen einen Reim zu machen: Emilia, Hannah/Hanna, Emma, Sophia/Sofia, Mia, Lina, Mila, Ella, Lea/Leah, Clara/Klara – das sind, in dieser Reihenfolge, die beliebtesten Mädchennamen des vergangenen Jahres, wie die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) am Montag bekannt gab. Alles hat ein Ende: Die am häufigsten vergebenen Namen für neugeborene Mädchen enden auf „a“.

Für die so kurzen wie weichen und sanft endenden Mädchenvornamen gibt es Gründe. Zunächst einmal hat der Soziologe Jürgen Gerhards in seiner Studie „Die Moderne und ihre Vornamen“ (2003) am Beispiel der Städte Gerolstein und Grimma für das 20. Jahrhundert die Großtrends Säkularisierung, Enttraditionalisierung, Individualisierung und Globalisierung nachgewiesen. Noch Ende des 19. Jahrhunderts waren 85 Prozent der vergebenen Vornamen deutsch oder christlich. Vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg lockerten sich die Deutschen immer mehr auf. Zunehmend setzten sich andere Trends durch, zuletzt vor allem die Euphonie. Der Hang zum Wohlklang erklärt den sanften Auslaut: Das „A“ gibt es in fast allen Lautsystemen der Welt, der Selbstlaut ist leicht auszusprechen, international verständlich, universell anschlussfähig.

Die Mainzer Sprachwissenschaftlerin Damaris Nübling hat weitere Erklärungsansätze für die euphonischen Namen. Die Eltern all der Sophias, Mias und Leas haben keine Angst vor dem Hiatus, also zwei aufeinanderfolgenden Vokalen, die verschiedenen Silben angehören. Der „Maoam-Effekt“, wie Nübling ihn nennt, war 1945 nur bei Marion und Michael zu erkennen, weitete sich dann über Christian und Florian aus und ist nun bei beiden Geschlechtern in voller Schönheit angekommen: Vokale sind beliebter, weil sie schön tönen.

Das sieht man auch bei den Jungen. Noah, Leon, Paul, Mat(t)(h)eo, Ben, Elias, Finn, Felix, Henry/Henri, Louis/Luis: Die zehn Jungennamen, die in dieser Reihenfolge im vergangenen Jahr am häufigsten vergeben wurden, haben nicht nur einige Hiatus zu bieten. Noch etwas fällt auf: Es gibt – außer bei Henry – keine Konsonantencluster mehr, also kein hartes Aufeinandertreffen zweier Mitlaute wie etwa bei Alexander. Das trägt zu dem Eindruck bei, dass sich die Jungen den Mädchen über den Wohlklang annähern: Lea und Leon, Ella und Elias – so ganz weit sind sie lautlich nicht mehr voneinander entfernt. Auch die Karriere des hellen Vokals „I“, der bisher eher nach Mädchen klang, stützt die Vermutung, dass in der Vergabe von Vornamen ein Unisex-Trend herrscht.

Die GfdS, die Daten von mehr als 700 Standesämtern mit insgesamt etwa einer Million Namenseintragungen auswertete, macht auch regionale Unterschiede aus: Die so beliebte Sophia/Sofia taucht im Norden Deutschlands nicht einmal unter den Top Ten auf; dort wiederum gehören Ida und Mila zur Spitzengruppe, die im Süden selten zu hören sind. Und bei den Jungen erscheint Finn, der beliebteste Nord-Name, im Süden nicht einmal unter den beliebtesten zehn. Sofia, Ida, Mila, Finn: sogar den Vornamen mit regionaler Färbung kommt es auf den Wohlklang an.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kaiser, Alfons
Alfons Kaiser
Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.
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