Boykott der Rabattschlacht

Der „Black Friday“ soll grün werden

Von Anna Wender
Aktualisiert am 26.11.2020
 - 12:23
Ein Protestschild zum globalen Aktionstag für mehr Klimaschutz 2019.
Während die „Black Week“ in vollem Gange ist, verweigern sich einige Modemarken der Rabattschlacht – aus ökologischen Gründen. Den „Black Friday“ wollen sie zum Wohle des Planeten boykottieren.

Die Rabattschlacht tobt. Händler locken mit 30, 50, oder sogar bis zu 70 Prozent Preisnachlass. Was in den vierziger Jahren als „Black Friday“ in Amerika begann, dem Freitag nach Thanksgiving, ist mittlerweile zu einem weltweiten Phänomen geworden. Der Kampf um das beste Schnäppchen beschränkt sich längst nicht mehr auf einen Tag: „Black Week“ heißt es nun in immer mehr Geschäften und auch online – und viele shoppen plötzlich weit mehr als ursprünglich geplant.

Aber nicht mehr alle Unternehmen machen mit. Statt mit „Special Deals“ und „Rabatten“ zu locken, setzten immer mehr Marken darauf, den Tag zu boykottieren und machen stattdessen auf seine Auswirkungen aufmerksam. Die spanische Modemarke Ecoalf etwa thematisiert in einem Webinar die Ressourcen-Verschwendung durch den Sale-Wahnsinn. Unterstützt wird Gründer Javier Goyeneche vom britischen Modedesigner Christopher Raeburn, Orsola de Castro, der Mitbegründerin der globalen Bewegung „Fashion Revolution“, und Clare Press, Modejournalistin aus Australien.

Was ist so schlimm an Schnäppchen?

Der Black Friday mache weder Sinn noch sei er mit der Unternehmensphilosophie von Ecoalf vereinbar, sagt Goyeneche. „Dieses Jahr war offensichtlich für jeden von uns schlimm, aber es war unglaublich zu sehen, wie Delfine und andere Tiere an die Orte zurückkehrten, die wir Menschen ihnen genommen haben.“ Entsprechende Bilder hatte es unter anderem aus Venedig gegeben: Durch das Fernbleiben der Touristen zeigten sich die Kanäle der Stadt blau und klar wie nie zuvor. Aber was hat das mit Sonderangeboten zu tun? Und was ist überhaupt so schlimm daran, ein Schnäppchen machen zu wollen? Goyeneche ist nicht nur gegen den „Black Friday“, sondern generell gegen Sale-Kampagnen, egal an welchem Tag. Dabei geht es ihm vor allem um den Müll und die Verschwendung natürlicher Ressourcen, die dafür anfallen. „Die Zahl der Retouren – 61 Prozent –, die nach dem Black Friday 2018 eingingen, sprechen für sich“, so Goyeneche, der mit dem Leiter der Auslieferung sprach, der den „Black Friday Sale“ für viele andere Marken organisiert und auch mit Ecoalf zusammenarbeitet. Mit Nachhaltigkeit habe das nichts mehr zu tun. Christopher Raeburn fügt hinzu, dass es den Menschen nicht mehr um Qualität, sondern um Quantität gehe. Produziert werde nicht, um eine Nachfrage zu befriedigen, sondern um eine Nachfrage zu generieren.

Kunden werden hinters Licht geführt

Dabei würden Produkte oft nur für den Sale hergestellt, berichtet Goyenche. Bei einer Geschäftsreise habe er mitbekommen, wie ein Kunde seine Produkte zusätzlich in einer billigeren Version bestellte, um sie im Sale zu verkaufen. Dass sie hinters Licht geführt werden, wissen die wenigsten Kunden – viele interessiert es womöglich nicht einmal.

Manche Kunden sind aber auf Rabatte angewiesen: Sale bedeutet für viele, sich das langersehnte Kleid leisten zu können. Auch dieser Gedanke hat seine Berechtigung in der Diskussion, wie Nachhaltigkeit und „Black Friday“ zusammenpassen. „Es ist nichts falsch daran, ein Kleid am Black Friday zu kaufen, es zu lieben, zu bewundern und für Jahre zu tragen“, meint auch Orsola de Castro, Mitbegründerin der globalen Bewegung „Fashion Revolution“.

Zuspruch zum Boykott der Rabattschlacht

Dennoch hat Modedesigner Raeburn für den Boykott der Rabattschlacht bereits viel Zuspruch bekommen. Am „Black Friday“ 2018 konnte man weder in seinen Filialen noch online an diesem Tag einkaufen. Nicht nur von anderen Marken, auch von Kunden gab es dafür Lob: „Wir sind auf dem richtigen Weg“, meint er. Im vergangenen Jahr blieben die Stores dann offen. Statt neue Artikel zu verkaufen, wurden die Kunden aber dazu aufgefordert, alte Ware reparieren zu lassen.

Filippa K boykottiert erstmals den Black Friday. Auch die Erfahrung während der Pandemie habe dazu beigetragen. „Wir haben beschlossen, unser Sortiment zu verkleinern und eine Weniger-aber-besser-Philosophie zu verfolgen“, sagt Jodi Everding, Sustainability Managerin von Filippa K. Im Rahmen ihrer Kampagne „0% off“ thematisiert das skandinavische Label den gedankenlosen Überkonsum dieser Tage. „Wir versuchen die Verbraucher zu ermutigen, ihre Einkäufe mit Bedacht zu tätigen, langsamer zu kaufen und in Stücke zu investieren, die zeitlos sind, gut passen und aus langlebigen und hochwertigen Materialien gefertigt sind.“ Jodi Everding beruft sich auf Daten des Forschungsprogramms „Mistra Future Fashion“, die zeigen, dass, je länger ein Kleidungsstück in Gebrauch bleibt, die Auswirkung seiner Produktion auf den Planeten auch viel geringer ist.

Noch weiter geht das Hamburger Modelabel Bahd’or: Es schlägt satte 50 Prozent auf jeden Artikel drauf. Sollte bei dieser Anti-Sale-Kampagne trotzdem jemand auf die Idee kommen, etwas zu kaufen, will das Unternehmen den Aufschlag an wohltätige Zwecke spenden. Die Botschaft der Kampagne: Qualität hat ihren Preis, Kommerz ist nicht alles, und Geiz schon lange nicht mehr geil.

Statt eines „Black Friday“ ist nun im Gespräch: ein „Green Friday“, der zur Nachhaltigkeitsbewegung passt. Die Verantwortung tragen dabei nicht alleine die Marken oder Hersteller, sondern auch die Konsumenten. Alle können und müssen dazu beitragen, eine Bewegung des achtsamen Konsums zu fördern. Ecoalf-Gründer Javier Goyeneche appelliert: „Wir befinden uns an einem Scheidepunkt. Die Entscheidungen, die wir jetzt treffen, werden großen Einfluss darauf haben, wie unsere Zukunft aussehen wird.“

Quelle: FAZ.NET
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