Cardi Bs Song „WAP“

Wenn Frauen gerne Sex haben

Von Johanna Dürrholz
20.08.2020
, 14:48
Rapperin Cardi B bei einem Auftritt 2019
Der Song „WAP“ von Cardi B und Megan Thee Stallion hat schon jetzt Rekorde gebrochen – und in Amerika eine Debatte entfacht. Dabei wird mit zweierlei Maß gemessen.

„Du f**** mit einer arschnassen Pussy“: So ungefähr könnte man die Zeilen im Refrain von Cardi Bs neuer Hitsingle „WAP“ (= Wet-ass pussy) übersetzen. Vor zwei Wochen wurde das dazugehörige Video auf Youtube veröffentlicht, 115 Millionen Mal wurde es seither angeschaut. Cardi B und ihre Kollegin Megan Thee Stallion haben mit dem Lied laut dem „Billboard Magazine“ einen Rekord gebrochen: Noch nie wurde ein Song innerhalb der ersten Woche so häufig gestreamt, in den Vereinigten Staaten allein 93 Millionen Mal. And counting…

Nun hat der Song für einige Furore gesorgt, denn sein Text ist wirklich explizit. Cardi B und Megan Thee Stallion rappen, grob zusammengefasst, von sehr feuchten Scheiden, so feucht, dass man einen Eimer und einen Wischmopp für das Vaginalsekret braucht. Sie beschreiben, welche Sexualpraktiken sie dabei besonders bevorzugen und machen nicht unbedingt dezente Vergleiche, wie den, dass jemand doch bitte sein großes Auto in ihrer winzigkleinen Garage parken solle. Im Video sind Cardi B und Megan Thee Stallion zu sehen, die durch eine Villa laufen, in der goldene Hintern und Brüste an den Wänden hängen, aus den Nippeln spritzt Wasser. Die beiden räkeln sich in verschiedenen Settings oder tanzen mit anderen Frauen. Es gibt auch Gastauftritte, von Kylie Jenner, die lasziv einen Flur entlanggeht, von den Sängerinnen Normani and Rosalía und den Rapperinnen Mulatto, Sukihana and Rubi Rose.

So weit, so gewöhnlich. Dies ist schließlich nicht der erste Rapsong, in dem es um Sex, Stellungen, Praktiken und Vorlieben geht, und nicht das erste Musikvideo, in dem sich spärlich bekleidete Frauen schütteln. Trotzdem hat „WAP“ die Gemüter erhitzt. Konservative Stimmen in den Vereinigten Staaten fordern ein Verbot des Songs, von dem es übrigens eine jugendfreie Version gibt, in der es „gushy“ statt „pussy“ heißt (und die laut „The Vulture“ eigentlich trotzdem viel versauter ist als die unzensierte). Der republikanische Politiker James P. Bradley etwa schreibt auf Twitter: „Cardi B und Megan Thee Stallion zeigen, was passiert, wenn Kinder ohne Gott und ohne eine starke Vaterfigur aufwachsen. Als ich – versehentlich – ihren neuen Song hörte, wollte ich mir heiliges Wasser in die Ohren spritzen, und ich habe Mitleid mit künftigen Mädchengenerationen, wenn das ihre Rollenvorbilder sind.“

Heiliges Wasser? Das aus den Ohren quillt? Sollte womöglich die Bibel, die menstruierende Frauen unrein nennt und ihnen empfiehlt, nicht das Haus zu verlassen, künftige Generationen von Mädchen adäquater beeinflussen? Kommentator Ben Shapiro hat ein ganzes Video aufgenommen, in dem er selbst das Video zu „WAP“ schaut, dazu den Songtext zitiert und das Ganze kommentiert. „Das ist ‚female empowerment‘“, sagt er immer wieder ungläubig und zitiert dann die Eingangszeile: „Da sind einige Huren in diesem Haus.“ Es ist für ihn und andere Kritiker schwer zu verstehen, dass Frauen, die halbnackt rappen und sich als Huren bezeichnen, gleichzeitig weiblichem Empowerment dienen. Sie finden es obszön und unanständig, wenn Frauen sich so präsentieren. Und klar, man kann das Video geschmacklos finden, den Text unanständig. Man muss es nicht mögen, wenn Menschen sich halbnackt in ihren Videos räkeln, wie es ja auch männliche Rapper oft tun.

Was aber macht jetzt ausgerechnet diesen Song so kritikwürdig? Sein riesiger Erfolg? Auch in anderen Liedern, die gerade erfolgreich sind, sind Frauen „bitches“ (=Schlampe, Zicke), und es geht dauernd um „Sex“ und „pussy“ und so weiter. „Mood Swings” etwa von Pop Smoke feat. Lil Tjay enthält folgende Zeilen: „Every time I fuck, she call me daddy / My lil' mama nasty / I see the pussy through the panties (whatever you want) / She taste like candy“. In „Laugh Now Cry Later“, dem derzeit zweiterfolgreichsten Song nach „WAP“, singt Drake von einer Frau, der das Herz gebrochen wurde. Deswegen hasst sie nun Penisse und muss mit ihrem Vibrator spielen. In „What’s Poppin“ von Jack Harlow, Tory Lanez, DaBaby und Lil Wayne heißt es, dass die „bitch“ fragt, ob es wehtut, wenn Herr Harlow ihr seinen Penis tief in den Rachen schiebt, und er erklärt: Ja, tut es. „What’s Poppin“ ist auf Spotify derzeit auf Platz 21 der Welt-Charts.

Es ist in Ordnung, wenn Männer darüber rappen

Noch mehr Beispiele gefällig? Lieber nicht. Sprache im Rap ist schon lange grob, explizit, unanständig, sexualisiert, geschmacklos. Warum werden jetzt ausgerechnet Cardi B und ihre Kollegin angegriffen? Wahrscheinlich, weil sie Frauen sind, schwarze Frauen obendrein, also besonders marginalisiert – eigentlich. Denn natürlich sind sie inzwischen stinkreich, haben eine Wirkmacht, die viel größer ist als die vieler weiße Männer, die sich über die wackelnden Hintern der Frauen aufregen. Es ist offenbar immer noch in Ordnung, wenn vier Männer darüber rappen, dass sie Frauen beim Sex verletzen, ihnen womöglich Gewalt antun. Es ist aber nicht in Ordnung, wenn zwei Frauen davon singen, dass sie Lust auf Sex haben, dass sie selbst bestimmen wollen – und nicht erst ängstlich fragen müssen, wie weh es denn nun tun könnte.

Wenn Cardi B nun also von weiblichem Empowerment spricht, meint sie damit einen weiblichen Blick auf Sexualität. Den gibt es im popkulturellen Mainstream nämlich immer noch nicht oft. Ihre Lyrics sind versaut, sie tun aber niemandem weh. Es geht eben nicht darum, dass eine Frau eine „bitch“ ist, wenn sie nicht tut, was der sexuelle Gegenpart will, nicht darum, dass eine Frau als Sexobjekt austauschbar ist, ohne Namen, ohne Geschichte, ohne Sinnlichkeit. Bei Cardi B sollen sich alle Frauen als „bad bitch“ fühlen, wie sie selbst in einem Interview sagte – als eine Frau, die ohne sich entschuldigen zu müssen selbst weiß, was sie tun möchte, auch beim Sex.

Das ganze Drama kann Cardi B und ihre Kollegin Megan Thee Stallion natürlich nur recht sein. Ihr ohnehin wahnsinnig erfolgreicher Song, dessen Erträge ganz sicher auch damit zu tun haben, auf welche Weise sich die Frauen bewusst in Szene setzen, wird so bloß noch erfolgreicher. Die Narrative, die die beiden Rapperinnen bedienen, sind definitiv männlich geprägt, stammen aus einer Rapkultur, in der sonst eben Männer auf eine bestimmte Weise über Frauenkörper rappen. Cardi B und Megan The Stallion haben den Spieß umgedreht, nehmen das Zepter – oder den Candy Stick, Love Stick, Disco Stick, was auch immer – selbst in die Hand. Das kann man gut finden oder eben nicht. Dass jetzt ausgerechnet zwei selbstbestimmte Frauen ein falsches Frauenbild prägen sollen und nicht die Männer, die mit willenlosen „Bitches“ spielen – das ist f**** crazy.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Duerrholz, Johanna
Johanna Dürrholz
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET
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