Comeback des Vokuhilas

In die Haare gekommen

Von Artur Weigandt
04.11.2021
, 12:33
„Mit dieser geilen Frise darfst du mir jede Frage stellen.“ Autor Artur Weigandt und die Münchner Polizei sind sich einig: Der Vokuhila ist eine Ode an die Stilgötter.
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Diese Frisur überwindet und verbindet: Der Vokuhila ist plötzlich wieder aktuell – auch als Widerstand gegen die glattgebürstete Gegenwart.
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Als ich vor ein paar Tagen einen Polizisten fragte, warum Jugendliche in der Nacht von der Isar vertrieben werden, antwortete er: „Mit dieser geilen Frise darfst du mir jede Frage stellen.“ An den Seiten sind meine Haare rasiert. Vorne sind sie kurz. Hinten lang. Für viele ist diese Frisur der lebende Beweis für schlechten Geschmack. Für mich – und für die Münchner Polizei – ist diese Frisur eine Ode an die Stilgötter. Ich trage Vokuhila. Und bin stolz drauf.

Der Vokuhila („vorne kurz, hinten lang“) wurde immer wieder totgesagt und war dann wieder angesagt. Nach seinem Trend-Höhepunkt in den achtziger Jahren und einer Bad-Taste- Phase in den nuller Jahren ist der Schnitt zurück. Alt und jung, reich und arm, Hipster und Gangster: Der Club der Vokuhila-Träger ist ein Querschnitt – oder besser Längsschnitt – der deutschen Gesellschaft. Zum Club der Nackenspoiler, wie die Frisur verniedlichend auch genannt wird, gehören heute internationale Prominente wie Demi Lovato und Miley Cyrus. Und ich. Der Vokuhila ist nicht nur Kult – diese Frisur ist Kultur.

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Mein Britney-Spears-Moment

Was hat es mit der Frise auf sich? Ich trage den Vokuhila nicht, weil er angesagt ist. Ganz im Gegenteil. So wie sich Britney Spears nach einer nervenaufreibenden Zeit den Kopf kahl rasierte, wollte ich mir meine Haare auch ganz abschneiden. Stattdessen ließ ich sie mir von einer Freundin nach einem nervenaufreibenden Projekt vorne kurz und hinten lang schneiden. Ein Glas Wodka in der rechten, eine Zigarette in der linken Hand. Modern Talking dröhnte durch die Lautsprecher meines Laptops. Oberkörperfrei auf einem Küchenstuhl, Maschine an, Seiten wegrasiert. Mein Britney-Spears-Moment. Oder besser gesagt: mein Maaskantje-Moment.

Zum Club der Nackenspoiler, wie die Frisur auch genannt wird, gehören heute internationale Prominente wie Miley Cyrus.
Zum Club der Nackenspoiler, wie die Frisur auch genannt wird, gehören heute internationale Prominente wie Miley Cyrus. Bild: dpa

Das niederländische Dorf Maaskantje dürfte jedem Millennial bekannt sein. Es war Schauplatz für die Serie „New Kids“. Von 2007 bis 2012 randalierte dort eine Gruppe von fünf jungen Männern aus den neunziger Jahren in Trainingsanzügen, mit Kippen und Billigbier. Ihr primitives Verhalten brannte sich auf ewig in das Gehirn einer ganzen Generation ein. So wie ihre Vokuhilas. Wenn ich mit meinen 26 Jahren durch Nymphenburg laufe, höre ich, wie mir junge Leute hinterherrufen: „So ein großer Feuerball, Junge.“ Eine Anspielung auf die Serie. Und ein Kompliment an mich.

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Zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit

Seien wir mal ehrlich: Neue Frisuren sind dazu da, sich wohlzufühlen und Aufmerksamkeit zu generieren. Doch der Vokuhila ist nicht nur ein Anlass für trashkulturelle Sprüche. Nach „New Kids” wurde es still um die Frisur. Bis das Virus kam. Und mit ihm der Hype um die Netflix-Dokumentation „Tiger King“, eine der am häufigsten gestreamten Serien der Welt. Man brauchte damals dringend etwas Aufmunterung, Ablenkung, Trash. Außerdem suchte man nach Ideen für die wuchernde Haarpracht. Und wer konnte da ein besseres Vorbild sein als Joe Exotic, der Hauptdarsteller der Doku? Zwischen „Tiger King“ und der Idee, sich selbst einen Vokuhila zu schneiden, liegt nur eine Haaresbreite. Denn diesen Schnitt kann man sich halbwegs vernünftig im Spiegel selbst beibringen. Gut, mir wurde er geschnitten, aber ich hätte es auch selbst machen können – ideal in Zeiten der Abstandsgebote.

Im Ausland hat der Vokuhila eine noch größere Bedeutung als in Deutschland. Während man ihn hier mit Fußballspielern wie Rudi Völler verbindet, geht es dort um eine andere Bedeutung: um Auflehnung. Wie keine andere Frisur steht er für die verschwimmenden Grenzen zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit. Er ist die Haar gewordene Rücksichtslosigkeit gegenüber gesellschaftlichen Normen. Dabei gehört die Frisur zur goldenen Pop-Epoche der Emanzipation: Der Vokuhila brachte zum Ausdruck, dass seine Trägerinnen und Träger sich nicht auf eine sexuelle oder sonstige Identität festlegen. Männliches und Weibliches, Gezähmtes und Wildes verbinden sich in ihm ebenso wie die Auflehnung gegen die bürgerliche Welt (durch das Tragen von langen Haaren) und die Auflehnung gegen die Auflehnung (durch das Tragen von kurzen Haaren).

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Die Frisur der Götter

Der erste Träger dieser Frisur war übrigens David Bowie. Er ließ sich den Vokuhila 1972 in London schneiden. Revolution und Spießertum gingen eine perfekte Symbiose ein. So viel zur Theorie. Für mich ist der Vokuhila mehr als eine Antwort auf gesellschaftliche Fragen. Der Vokuhila ist Kommunikation. Als ich an einer Baustelle entlanglief, sprachen mich Bauarbeiter auf die Frisur an. Fußball, Pop, Alltag: Der Vokuhila bürstete ihre Erinnerungen auf. Er ist das in Haare gegossene Fundament einer ganzen Generation. Und das paradoxerweise generationsübergreifend. Denn bei jungen Studenten scheint die Frisur anzukommen. In einer U-Bahn kamen sie auf mich zu, mit Bauchtaschen, bunten Trainingsjacken, Sneakern: „Coole Frisur, Mann! So wie du aussiehst, hast du bestimmt Kippen.“ Ich hatte. Und teilte.

Nach „New Kids” wurde es still um die Frisur. Bis das Virus kam. Und mit ihm der Hype um die Netflix-Dokumentation „Tiger King“.
Nach „New Kids” wurde es still um die Frisur. Bis das Virus kam. Und mit ihm der Hype um die Netflix-Dokumentation „Tiger King“. Bild: dpa

Der Vokuhila ist der Feuerball unter den Frisuren, eine Explosion im öffentlichen Raum. Diese Frisur überwindet und verbindet. Sei es nur, weil viele Menschen fasziniert davon sind, dass da jemand diese Zeitgeistmaschine wieder angeworfen hat. Hier passt sich niemand einem Trend an, sondern er widersetzt sich dem glattgebürsteten Mainstream. Gegen Alternative und Friedensbewegte, gegen Yuppies und Dandys und Papis. Gegen die Politisierung des Alltags und gegen politische Apathie. Gegen Risikogesellschaft, Spaßgesellschaft und Globalisierungsgegner.

Das Flair der Achtziger ist lebendig. Karottenhosen, Schulterpolster, Stirnbänder, breite Taillengürtel, in Neonfarben und Metallic-Tönen, dazu ein Vokuhila-Schnitt. Rudi Völler war einst die Antwort auf die Glamour-Girlies, auf das Künstliche und Entrückte. Nicht zurückgegelt wie ein Banker, nicht wuschelig wie ein Student, nicht kahl rasiert wie ein Hipster: Aus all diesen Stereotypen wächst der Vokuhila hinaus. Er ist nicht nur Pop, nicht nur Retrotrend, nicht nur „bad taste“ oder Ironie. Der Vokuhila ist überzeitlich, er ist Rambo, Dieter Bohlen, Mel Gibson, David Bowie. Der Vokuhila ist die Frisur der Götter. Deswegen trage ich ihn.

Quelle: F.A.Z Magazin
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