Warme Jahreszeit

Das nervt uns im Sommer

Von Max Fluder, Anke Schipp, Eva Schläfer und Jörg Thomann
29.06.2022
, 07:39
Sieht lecker aus, schmeckt bestimmt auch so. Aber wehe, das Eis fängt an zu schmelzen.
Ja, ja: Alle lieben die warme Jahreszeit. Wir grundsätzlich auch. Aber sie bringt ein paar kleine Ärgernisse mit sich.
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Vier kurze Klagelieder über den Sommer:

Diese lachhaften Servietten

Ein großes Plus an der warmen Jahreszeit ist der unvergleichliche Genuss von Speiseeis, bevorzugt aus italienischer Produktion. Schon ab Mai kann ich, wenn zumindest ein wenig Sonne am Himmel zu sehen ist, nur mit größter Selbstbeherrschung an einer Eisdiele vorbeigehen, ohne mir eine oder zwei Kugeln, natürlich in der Waffel, zu kaufen. Ich bin übrigens der Typ Schokolade, Stracciatella, Haselnuss.

Trotzdem erfasst mich bei jedem Stopp an der Eistheke eine gar nicht so kleine Irritation. Haben auch Sie sich schon Gedanken darüber gemacht, was es mit den dort typischen Servietten auf sich hat? Teilen Sie gar meinen Ärger über dieses sehr dünne, sich sehr künstlich und rau anfühlende Etwas? Die Bezeichnung Serviette – abgeleitet vom lateinischen servus, deutsch Diener – ist ein Witz! Diese Servietten sind das Gegenteil von dienend. Sie verhindern das Säubern klebriger Hände oder Münder. Jeder, der anderes berichten kann, soll sich bitte melden. Ich behaupte sogar: Sie begünstigen das Kleckern auf T-Shirt oder Schuhrücken. Ganz abgesehen davon, was es für ein abrupter Abbruch sinnlicher Wahrnehmung ist, wenn die Lippen, die gerade noch köstliche fett- und zuckerstrotzende Eispartikel schmeckten, im nächsten Moment mit Schmirgelpapier bearbeitet werden.

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Kluge Menschen in meinem Umfeld sagen: Es dient doch der Hygiene, dass der Eisverkäufer die Waffel mit der dünnen Lage Zellstoff umhüllt. Ja, okay. Doch es wäre ja auch möglich, eine Serviette, die diesen Namen verdient, als Schutz zu verwenden. Und erst recht wäre es möglich, auf der Theke, direkt neben dem Eistütenhalter (kannten Sie diesen Begriff?), richtige Papierservietten zu deponieren. Aber auch dort weit und breit nur die Spender mit den kleinen, verachtenswerten Zelluloseblättchen. Eva Schläfer

Behaarte Männerwaden

Sommer ist die Zeit, in der ich mich selbst nicht mehr verstehe. Ich finde Beine schön, auch die von Männern. Aber eines kann ich dann doch nicht ausstehen: Männer in Shorts. Nur eines ist noch schlimmer: wenn ich mich selbst in Shorts sehen muss, im Spiegel zum Beispiel.

Männerwaden, im Sommer gut sichtbar.
Männerwaden, im Sommer gut sichtbar. Bild: Mauritius

Letzteres lässt sich vermeiden, da habe ich die Macht drüber. Allen anderen männlichen Wesen kann ich nicht vorschreiben, dass sie – fernab von Schwimmbad, Badesee, Fußballfeld und den eigenen vier Wänden – doch bitte ihre Beine bedecken sollen. Dabei täte es Not.

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Neu und aufregend ist meine Meinung nicht, das stimmt. Unzählige Male wurden Shorts an Männern bereits gegeißelt. Manchmal zu Unrecht, gegen Freizügigkeit spricht wenig, außer vielleicht die Scham und eine Prise Prüderie. Viel öfter geschieht das aber völlig zu Recht: Shorts lassen erwachsene Männer wie Kinder wirken. Verschwitzte, behaarte Unterschenkel sind unappetitlich. Vor allem aber lassen sie jedwede Eleganz vermissen. Und dabei schreit keine Jahreszeit so sehr danach wie diese.

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Laue Sommerabende, Temperaturen wie im schönsten Italien, draußen sitzen und Wein trinken – wahlweise auch die alkoholfreie Alternative. Das ist Sommer. Das ist elegant. Und eine Shorts zerreißt dieses Bild in Sekundenbruchteilen. Dann kann man auch gleich Lederhose zum Aperitivo tragen, es hätte den gleichen Effekt. Wobei? Die Lederhose wäre noch lustig, die Shorts sind es nicht.

Wenn Mann jetzt fürchtet, die Waden sommers nicht mehr belüften zu können, so soll ihm Abhilfe geboten werden: einfach einen Rock tragen, einen langen aber. Wäre immerhin „fashion forward“. Und sieht auch wirklich gut aus. Max Fluder

Der verflixte Gartenstuhl

Wir haben sie schon lange, unsere vier Holzklappstühle mit Armlehne. Wenn es warm wird, schleppen wir sie aus dem Keller auf die Terrasse. Zu diesem Zeitpunkt ist noch alles in Ordnung: schnell aufgeklappt, Sitzkissen drauf, passt. Doch wenn das Essen fertig, die Dunkelheit angebrochen und der Alkoholpegel sanft angestiegen ist, müssen sie wieder in den Keller, falls es regnet. Und hier kommt das Problem.

Ein Holzklappstuhl für den Garten.
Ein Holzklappstuhl für den Garten. Bild: Action Press

Ich ruckele und ruckele, es tut sich nichts. Dann lege ich die Stühle auf die Seite, wieder ruckeln, so lange, bis alle Nachbarn im Haus, sollten sie schon zu Bett gegangen sein, wieder wach sind. Irgendwann, wie durch Geisterhand, schiebt sich der untere in den oberen Teil, und die Holzmonster können in den Keller getragen werden. Entspannt ist anders. Deshalb hatten wir im vergangenen Sommer die glorreiche Idee, filigrane Gartenklappstühle aus Metall zu kaufen, in der Hoffnung, dass die unkomplizierter sind. Ich kann sie mit einer Hand tragen. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Ich verstehe auch dieses System nicht. Die Stühle werden nämlich nicht einfach zusammengeklappt wie zwei Scheiben Brot, sondern Lehne und Sitz seltsam ineinandergeschoben, sodass ich regelmäßig erst in die eine, dann in die andere Richtung zerre, es plötzlich geht, ich das Prinzip aber trotzdem nicht verstanden habe. Ich komme mir dann immer vor wie damals in der Schule, wenn ich eine Rechenaufgabe plötzlich und unerwartet richtig hatte – aber warum, das war für künftige Rechnungen nicht mehr nachvollziehbar. Anke Schipp

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Die Rede vom schönen Wetter

„Gute Nachricht“ stand auf dem Infoscreen, den ich diese Woche auf einem U-Bahnhof erblickte: Forscher hätten „klimafitte“ Eisbären entdeckt. Besagte Tiere seien für ihre Jagd nicht auf Meereis angewiesen, sondern hätten sich auf Gletschern eingerichtet. Schön, wenn die Natur sich selbst hilft, dann sind wir Menschen ja aus dem Schneider. Weitere gute Nachrichten wären es, wenn Fische sich aus ihren austrocknenden Seen an Land retteten, Orang-Utans nicht nur durchs Geäst von Urwaldbäumen, sondern auch über Hochspannungsleitungen turnten und Pandas so gut wie Bambus auch Plastik verdauen könnten. Schade nur, dass die Gletscher, auf denen sich die Eisbären nun tummeln, ebenfalls längst schmelzen.

Die Relativität solch guter Nachrichten ist zu den Wettermoderatoren im Radio und den Boulevardschreibern noch nicht durchgedrungen. „Endlich ist der Sommer da“, jubeln sie, wenn 35 Grad angesagt werden – und zwar Mitte Juni. „Das Wetter bleibt weiterhin schön“, beteuern sie nach der dritten regenfreien Woche in Folge. Den Sonnenschein von Juni bis September, den sich Rudi Carrell 1975 in „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?“ wünschte, den haben wir längst, aber ganz richtig fühlt sich das alles nicht mehr an. Natürlich mag auch ich keinen Dauerregen und sitze gern an lauen Abenden im T-Shirt draußen. Doch wenn ich an einem Junimorgen um halb acht bei 24 Grad durch als Grünanlagen deklarierte Braunanlagen jogge, frage ich mich, ob dieses Sommerwetter tatsächlich noch so schön ist. Vielleicht bin ich aber auch einfach noch nicht klimafit genug. Jörg Thomann

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Schipp, Anke
Anke Schipp
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Autorenporträt / Schläfer, Eva
Eva Schläfer
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Autorenporträt / Thomann, Jörg
Jörg Thomann
Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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