Deutsche Klischees auf TikTok

So pointiert hält uns eine Vietnamesin den Spiegel vor

Von Annina Metz, Manon Priebe
10.05.2021
, 17:05
Die Vietnamesin Uyen Ninh macht auf TikTok Videos über uns Deutsche. Mit großem Erfolg. Aber warum ist das so lustig?

Da ist sie, die erste Frühlingssonne. Die Goldglöckchen sprießen, die Vögel zwitschern. Mitten in dieser Kleingartenidylle steht Uyen Ninh. Im Hintergrund schwillt Filmmusik an, „König der Löwen“ von Hans Zimmer, Streicher, Holzbläser, dazu eine tiefe Bass-Stimme, die verkündet: „It is time.“

Die Vietnamesin formt den Weckruf mit ihren Lippen nach. Sie ist jetzt in der Rolle ihres deutschen Mitbewohners. Oh ja, für einen guten Deutschen ist es an der Zeit, die Winterschuhe in den Ikeaschrank im Keller zu räumen. Endlich. Die weißen Sneaker-Söckchen anziehen, und dann rein in die Birkenstocks. Hach, dieses Gefühl von Frühling und Freiheit, Radlerhosen-Zeit. Fehlen nur noch der Kugelgrill und die Grillanzünder. So zelebriert man hierzulande den Frühlingsbeginn. Klingt nach Klischee? Aber Sie fühlen sich doch ein wenig ertappt?

Mit dieser Mischung spielt Uyen Ninh, wenn sie Videos bei TikTok hochlädt: Man lacht über die so sehr deutschen Deutschen, die Uyen Ninh nachmacht. Andererseits: Birkenstocks sind schon verdammt bequem. Klar verräumt man die gefütterten Stiefel, wenn der Winter rum ist. Ikea ist eben günstig und praktisch. Und was ist schlimm am Grillen?

Uyen Ninh ist 25 Jahre alt und zele­briert deutsche Klischees. In den Videos, die sie auf ihrem TikTok-Kanal @uyenthininh hochlädt, betrachtet sie die Einheimischen durch den neugierigen Blick einer Forscherin. Es ist eine Außensicht auf „die Deutschen“, und es dauert, bis dem deutschen Zuschauer klar wird: Das bin ja ich. Uyen Ninh hält uns allen den Spiegel vor, mit den Stilmitteln der Video-App TikTok. Dafür braucht sie nicht viel: Der „German roommate“ trägt rote Pudelmütze. Mit grünem Kapuzenpulli und nach hinten gedrehter Cap imitiert sie ihren „German boyfriend“. Der bleibt bei allen Widrigkeiten gelassen – es sei denn, jemand redet schlecht über deutsches „bëër“. Mit einem Schal auf dem Kopf schlüpft sie in die Rolle der deutschen Nachbarin, die prüft, ob der Müll auch ordentlich getrennt wurde.

Die Vietnamesin kam 2019 in die Region Rhein-Neckar, um nach drei Jahren Fernbeziehung bei ihrem Freund zu leben und ihren Master in einem Wirtschaftsstudiengang zu machen. Ihr „German boyfriend“ ist eine feste Größe in ihren Videos, sein Gesicht sieht man jedoch nie. Das Paar hat sich in Vietnam kennengelernt, wo er als Backpacker unterwegs war.

„Erklär doch mal das Wort ,doch‘!“: Uyen Ninhs Mimik verzweifelt bildschirmfüllend ob dieser unmöglichen Aufgabe – „next question“ sagt die Stimme im Hintergrund. Allein zu diesem Sound-Schnipsel gibt es 73 500 weitere TikTok-Videos von anderen Nutzern.

TikTok begeistert mit kurzen, schnellen Clips

TikTok funktioniert über Pointierung und Zuspitzung. Damit ähnelt die Plattform Instagram, nur ohne Fotos. Und die Clips dort sind kürzer – maximal 15 Sekunden für eine Botschaft. Die meisten Nutzer sind jung, zwischen 13 und 24 Jahre alt. Jenseits der 55 kennen zwei von drei Deutschen die App nicht einmal. Die Videos leben von ihrem hohen Wiedererkennungswert. Es ist die Idee des Memes, weitergedacht. Statt nur Bild und Text kommen hier Bewegtbild und Musik dazu. Knappe Clips, schnelle Schnitte: Das ist kreativ, das ist lustig. Video-Snacks. Das nächste Video lädt automatisch, zack, Herz vergeben, weiter. Kurzer Kommentar, hast du das schon gesehen? Neuer Content. Schon ist eine Stunde vergangen.

Was man zu sehen kriegt? Viele tanzende Menschen. Doch es sind nicht mehr nur Tanz und Spaß, sondern auch Aufklärung, Lifehacks, Kochanleitungen und News-Formate. Die Washington Post hat den Wert der jungen Plattform bereits erkannt, für die „Tagesschau“ nahm uns Jan Hofer mit ins Homeoffice, wo er die „Tagesschau“-Melodie mit Topfdeckeln improvisiert. Mit solchen Videos hat sich Hofer den Titel #Ehrenjan erarbeitet. Daneben stehen Videos, in denen Expertinnen Tipps geben, wie man sich bei einem rassistischen Angriff verhalten soll. Aber es gibt auch Kritik, vor allem Bedenken bezüglich des Einflusses der chinesischen Regierung auf das Unternehmen. Es steht der Vorwurf im Raum, ByteDance leite Daten an die Behörden weiter.

Uyen Ninh postete ihr erstes Video im November 2020, nachdem sie sich im Lockdown aus Langeweile die App heruntergeladen hatte. Mittlerweile hat sie 223 000 Follower. Für ein halbes Jahr ist das eine ganze Menge. Zum Vergleich: Der erfolgreichste Deutsche Younes Zarou hat fast 30 Millionen Follower, die „Tagesschau“ 851 400 – ist aber deutlich länger und mit mehr (Wo-)man-Power dabei. „Ich versuche den Leuten zu zeigen, wie Deutschland durch die Augen einer vietnamesischen Gaststudentin aussieht. Es geht viel um Kulturschocks und lustige, kleine Unterschiede in Verhalten und Gewohnheiten“, sagt Uyen Ninh.

Das Video, mit dem sie das erste Mal „viral gegangen“ ist, also richtig erfolgreich war, zeigt das Phänomen Kippfenster. Ein Fenster, das sich nicht nur öffnen und schließen lässt, sondern das man kippen kann. Ja, das ist typisch deutsch! Oder haben Sie im Urlaub schon mal ein Fenster gekippt? Auf Nichtdeutsche wie Uyen Ninh wirkt so ein Fenster „auf kipp“ merkwürdig, also singen OMC im Hintergrund „How bizarre“, während Ninh das Fenster halb öffnet. Sie kann es kaum fassen: Das Fenster fällt ihr wirklich nicht auf den Kopf! How bizarre! 1,5 Millionen Menschen gefällt das. Selbst der „Guardian“ zeigte sich im Corona-Jahr von diesem Thema fasziniert: Die Fenster in Deutschland seien doch tatsächlich so clever gebaut, dass unterschiedliche Stufen des Lüftens möglich sind.

Deutschland, das Land der Dichter und Lüfter. Und der Pfand-Zurückbringer. Auch so eine Eigenheit, die Uyen Ninh in einem ihrer Videos aufspießt. Dabei ist ihr Blick auf die deutschen Eigenheiten nie gehässig, immer witzig und charmant. Eine Vietnamesin nimmt uns an die Hand und sagt: „Schaut mal, so seid ihr! Aber wieso?“

Zum Beispiel wenn Vance Joyce ansetzt zu „I love you . . .“ und ein Pfandautomat im Video zu sehen ist. Was lieben wir Deutschen mehr als unser Pfandsystem! Wie engagiert wir in eine Flasche blasen, die nicht angenommen wurde, um ein Dellchen auszugleichen. Dann ist sie hoffentlich hübsch genug für den Automaten. Nimmt er unsere Flasche an? Pfandautomat, I love you .  . . 118 500 Menschen stimmen zu. Die einfachsten Beobachtungen kommen am besten an, Hass und böse Kommentare sind selten. Die meisten Beiträge gibt es – so deutsch darf es auch in den Kommentaren zugehen –, wenn Uyen Ninh ein Rechtschreibfehler passiert.

Aber können wir nicht stolz sein auf die deutsche Sprache? In einem Video fällt das auch Uyen Ninh auf, die in Uni-Sprachkursen Deutsch lernt. Wer hat sonst solch schöne Wörter wie „Kummerspeck“? Ninh nörgelt amüsiert: Ein Wort, das die Rundungen beschreibt, die man bekommt, weil man vor lauter Traurigkeit zu viel isst, das habt ihr. „Aber euch sind keine Alternativen zu ,sie‘ für eine Frau, ,sie‘ für die Mehrzahl und ,Sie‘ eingefallen? Und ihr braucht das Wort Schadenfreude?“ Echt fies! Die Beispiele zeigen, wie genau sie hinschaut, wie fein sie beobachtet. Und sie will ja die deutsche Sprache lernen. Aber warum macht es ihr der Konjunktiv II so schwer? „Die deutsche Grammatik ist ein sehr effektives System, um das Land gegen Eindringlinge zu verteidigen!“

TikTok hilft Uyen Ninh bei der Finanzierung ihres Studiums

Noch so eine deutsche Eigenart: Über Geld spricht man nicht. Verrät Uyen Ninh, ob sie Geld auf TikTok verdient? „Klar, das Thema ist für Vietnamesen vertrautes Gebiet.“ Sie habe mittlerweile ein paar Werbedeals abgeschlossen. Am Tag des Brotes hat sie ein Video über die vielen Brotsorten gedreht, mal bewirbt sie Apps zum Lernen von Sprachen: „So kann ich mein Studium mitfinanzieren und noch mehr Zeit und Energie in meine Videos stecken.“

Uyen Ninhs Eltern in Vietnam verfolgen den Erfolg ihrer Tochternur sporadisch. Sie leben auf dem Land, wo die sozialen Medien kaum ein Thema sind. Worauf sie aber stolz sind: Ihre Tochter hat es geschafft, die kritischen Deutschen zu begeistern. Mehr noch: sogar zum Lachen zu bringen! Schließlich will sich die Studentinnicht lustig machen, im Gegenteil: „Alles, was ich will, ist, die kleinen, wunderbaren Unterschiede, die uns ausmachen, zu feiern und uns gemeinsam darüber zu amüsieren.“ Den Deutschen attestiert sie die Gabe, sich nicht zu ernst zu nehmen. Sich selbst rühmt sie für ihre Integrationsfortschritte: Pünktlichkeit. Mülltrennung – wobei: Beim Mülltrennen lasse sie das Papierchen an der Schnur ihres Teebeutels. „Aber nur manchmal, einfach nur um meinen Freund zu ärgern.“

Quelle: F.A.S.
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