Ein offenes Buch

Text von KEVIN HANSCHKE
Fotos von DANIEL ZIELSKE

23. November 2021 · Für ihn sind es "Kathedralen des Wissens". Daher hat der Fotograf Daniel Zielske die schönsten deutschen Bibliotheken in Bildern festgehalten.


OBERLAUSITZISCHE BIBLIOTHEK DER WISSENSCHAFTEN

Mittelpunkt der Bibliothek im Herzen der sächsischen Grenzstadt Görlitz ist der historische Saal, der sich in einem rosafarbenen Barockhaus befindet. „Hier fühlt man sich wirklich wie in ,Harry Potter'“, sagt Daniel Zielske. Dieses Motiv hänge auch in seinem Schlafzimmer. Der Saal wurde 1806 bezogen und im Stil des Klassizismus mit schlichten Säulen und Regalen ausgestaltet. Die runden Bücherbögen sind als „Triumphbögen des Wissens“ konzipiert. Der Bestand umfasst mehr als 150.000 Bände, die sich mit Kultur, Geschichte, Natur, Wirtschaft und Gesellschaft der Region zwischen Dresden und Breslau auseinandersetzen. Die heutige Bibliothek entstand 1950 durch den Zusammenschluss der Bibliothek der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften mit der Milich'schen Stadt- und Gymnasialbibliothek.

PHILOLOGISCHE BIBLIOTHEK BERLIN

Die Bibliothek, 2005 eröffnet, wurde wie ein Raumschiff in den Universitätscampus der Freien Universität Berlin, die sogenannte Rost- und Silberlaube, im Ortsteil Dahlem gesetzt. Entworfen hat sie der britische Architekt Sir Norman Foster. Scherzhaft wird sie auch „The Brain“ genannt, wegen der gelben Waben an der Außenwand. Daniel Zielske erzählt, dass er erst mal die Mülltonnen am Eingang verschieben musste. Fotografiert hat er das Gebäude am frühen Vormittag, eineinhalb Stunden lang wurde es dafür abgesperrt. Nur die Post mit ihren Containern störte ihn kurz. Die Bibliothek gehört zu den Ikonen der „Blob-Architektur“, wegen ihrer fließenden, biomorphen Formen. Der Bestand der Bibliothek für Sprach- und Literaturwissenschaften umfasst mehr als 750.000 Bände.

STADTBIBLIOTHEK STUTTGART

Am Mailänder Platz, im Europaviertel von Stuttgart, steht der weiße Kubus der Stadtbibliothek, der von dem koreanischen Architekten Eun Young Yi entworfen und 2011 eröffnet wurde. In dem Monolith sind neben der Stadtbibliothek der Landeshauptstadt die Graphothek, eine Musikbibliothek, eine Kinderbibliothek und die „Online Animation Library“ des Trickfilmfestivals Stuttgart untergebracht. Zielske nahm seine Bilder am frühen Morgen auf. Unerwartet wurde sie zu einer seiner Lieblingsbibliotheken, weil es eine „Bibliothek für Schlaflose“ gibt, einen Leihschalter mit Ausleihe rund um die Uhr. Der Innenraum ist als „negativer Monolith“ gestaltet, als geometrischer, weißer Raum, der durch ein Oberlicht erhellt wird. Mit mehr als 1,4 Millionen Medien ist sie eine der größten Stadtbibliotheken Europas.

STIFTSBIBLIOTHEK WALDSASSEN

„Die Atmosphäre ist überwältigend“, sagt Daniel Zielske. Mit Pantoffeln und Handschuhen musste er hier wegen der historischen Bücher fotografieren. Von 1724 bis 1726 wurde der Bibliothekssaal der Zisterzienser-Abtei Waldsassen in der Oberpfalz errichtet. Den rechteckigen Raum säumen 14 Deckengemälde des Bayreuther Malers Karl Hofreiter. In vier der großen Deckenfresken sind mystische Erscheinungen und Szenen aus dem Leben des Heiligen Bernhard von Clairvaux dargestellt. Zehn aus Holz geschnitzte lebensgroße Figuren stützen mit ihren Schultern die Empore. Sie versinnbildlichen die unterschiedlichen Charakteristika des Hochmuts – Dummheit, Spottlust, Heuchelei und Ignoranz. Außerdem schmücken geschnitzte Porträtbüsten antiker Persönlichkeiten wie Sophokles, Platon, Nero und Sokrates den Raum.

STAATS- UND UNIVERSITÄTSBIBLIOTHEK GÖTTINGEN

Die Bibliothek, 1734 gegründet, ist mit ihrem Bestand von mehr als 7,7 Millionen Medien ein Favorit von Daniel Zielske, der mit ihr in Göttingen aufgewachsen ist. „Alt und neu verschmelzen hier.“ Schon im 18. Jahrhundert war sie in Europa führend in Naturwissenschaften, Sprachen und Geisteswissenschaften. Ihr historischster Saal befindet sich in der 1304 entstandenen Paulinerkirche mit ihren riesigen Rundbögen, weißen Bücherregalen und 52 Meter langen Sichtachsen. Den Saal, in dem Büsten der bedeutendsten Göttinger Professoren stehen, nennt Zielske einen heiligen Ort. Die Bibliothek ist erst 1992 in das Kirchenschiff eingezogen.

KLOSTERBIBLIOTHEK MARIA LAACH

Schon im Jahr 1063 wurde im Kloster Maria Laach in der Eifel die erste Bibliothek gegründet. Durch Kriege und Säkularisierung wurden die Bibliotheken der Benediktinerabtei immer wieder zerstört. Die meisten Schriften gingen durch die Auflösung des Klosters 1802 zunächst verloren. Der Bau von 1865 mit gusseisernen Treppen gehört zu den am besten erhaltenen Bibliotheksbauten des 19. Jahrhunderts und nimmt die Formensprache der großen barocken Klosterbibliotheken auf. Auch deswegen schätzt Daniel Zielske diesen Ort. Die Zentralperspektive sei hier am schönsten gewesen. Mit etwa 260.000 Bänden zählt sie zu einer der größten Privatbibliotheken Deutschlands.

JACOB-UND-WILHELM-GRIMM-ZENTRUM BERLIN

Eine beigefarbene Rasterfassade säumt die Bibliothek im Zentrum von Berlin, die direkt am Stadtbahnviadukt liegt. Im Minutentakt rauschen S-Bahnen vorbei. Viel Holz verarbeitet ist besonders im treppenartig angelegten Lesesaal, dem Kern der Bibliothek, der 70 Meter lang, zwölf Meter breit und 20 Meter hoch ist. „Das ist ein einmalig gestalteter Lesesaal“, sagt Daniel Zielske. Der Raum war so inspirierend für ihn, dass er nur die Arbeitsplätze und die Kaskadenform fotografierte, keine Bücher. Etwa 2,5 Millionen Bände hat das Grimm-Zentrum. Eröffnet wurde die vom Schweizer Architekten Max Dudler entworfene Bibliothek 2009. Neben der alten Zentralbibliothek sind hier zwölf ehemalige Zweigbibliotheken der Geistes- und Kulturwissenschaften sowie der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften untergebracht.

KLOSTERBIBLIOTHEK WIBLINGEN

Marmorskulpturen schließen die Bücherreihen ab. Die weißen Einbände korrespondieren mit der Regalarchitektur. Daniel Zielske musste hier gar nichts verändern, so schön ist dieser Raum. Nur zwei Stunden lang dauerte das Fotografieren. Der Bibliothekssaal des Benediktinerklosters bei Ulm entstand zwischen 1740 und 1750 unter Abt Meinrad und ist ein Meisterwerk des Rokoko. In der Blütezeit umfasste die Bibliothek etwa 15.000 Bände. Nach der Säkularisierung wurde der reiche Bücherbestand im ganzen Land verteilt. Nicht unüblich: Alle Buchrücken waren weiß angestrichen oder mit hellem Papier beklebt. So sollten sich die Bücher in die Architektur des Raums einfügen. Der Maler Franz Martin Kuen schuf 1744 das Deckenfresko, das den biblischen Sündenfall darstellt.

HERZOGIN ANNA AMALIA BIBLIOTHEK

Die Bibliothek wurde 1691 als Herzogliche Bibliothek von Herzog Wilhelm Ernst in Weimar gegründet. Seit dem 18. Jahrhundert gehört sie zu den bekanntesten Bibliotheken Europas, was auch an ihren berühmten Förderern und Bibliothekaren liegt, zu denen Herzogin Anna Amalia, Herzog Carl August und Johann Wolfgang von Goethe gehören, der die Bibliothek 35 Jahre lang bis zu seinem Tod 1832 leitete. Im September 2004 zerstörte ein Brand Teile des prächtigen ovalen Rokokosaals, der drei Geschosse umfasst. Mehr als 50.000 Bände sowie 35 Gemälde aus dem 16. bis 18. Jahrhundert wurden im Feuer oder durch Löschwasser vollständig vernichtet. Daniel Zielske kannte die Bibliothek noch vor dem Brand und musste sich erst einmal an die sehr weiße Farbgebung nach der Restaurierung gewöhnen. Erst 2007 konnte die Bibliothek von Bundespräsident Horst Köhler wiedereröffnet werden. Seitdem erstrahlt sie in alter, neuer Pracht. Die Sammlung umfasst eine Million Medien.

BIBLIOTHEK DER FRANCKESCHEN STIFTUNGEN

Das letzte Motiv, das Daniel Zielske bislang fotografierte. Er durfte sich in allen Räumen des riesigen Bibliotheksbaus austoben. Als barocker Kulissenbau wurde die Bibliothek 1728 im Haus 22 der Franckeschen Stiftungen in Halle eröffnet. Die Sammlung von etwa 50.000 Büchern enthält Werke verschiedener Wissensgebiete. Der Raum ist eigentlich ein Zweckbau, dessen originales Mobiliar mit den kulissenartig in den Raum gestellten Regalen erhalten geblieben ist. Seit der Restaurierung nach alten Plänen Ende der neunziger Jahre ist die Bibliothek wieder in der ursprünglichen Gestalt von 1746 zu sehen. Im Magazinsaal sind mehr als 100.000 Drucke untergebracht. Themenschwerpunkte sind Theologie, Religionsgeschichte, Pädagogik und Wissenschaftsgeschichte des 18. Jahrhunderts. Der Gesamtbestand umfasst etwa 200.000 Titel.


Nächstes Kapitel:

Interview mit Daniel Zielske


„Bibliotheken sind für mich Sehnsuchtsorte“

23. November 2021 · Der Fotograf Daniel Zielske über sein Langzeitprojekt und seine Bilder der "Kathedralen des Wissens"


Herr Zielske, Sie sind Fotograf und Botschafter des Fotolabors White Wall. Wie sind Sie dazu gekommen?

Durch die Zusammenarbeit mit der Galerie Lumas bin ich vor zehn Jahren mit den Gründern von White Wall zusammengekommen, und wir haben uns sehr gut verstanden. Seit ein paar Jahren bin ich deswegen eines der Gesichter von White Wall. Dort habe ich auch meine Fotoserie zu den deutschen Bibliotheken publiziert.

Wie ist die Idee zu der Fotoserie entstanden?

Das ist ein Herzensprojekt von mir. 25 Jahre lang habe ich gemeinsam mit meinem Vater, dem Fotografen Horst Zielske, fotografiert und mit ihm mehr als 30 Buchprojekte realisiert - auch einen Band zu Deutschland, mit mehreren Bildern von Bibliotheken. Da ist uns die Idee zu einer Fotoreihe gekommen, die sich mit den schönsten Bibliotheken Deutschlands auseinandersetzt.

Seit wann arbeiten Sie an der Serie?

Die ersten Fotografien habe ich 2016 angefertigt, die letzten vor acht Wochen in Halle, in der Bibliothek der Franckeschen Stiftungen.

Nach welcher Systematik wählen Sie die Bibliotheken aus?

Es gibt keine richtige Systematik. Ich wähle sie aus dem Bauch heraus aus. Es sind natürlich die absoluten architektonischen Highlights, die ich mit meinen Fotos zeigen möchte. Wir haben in Deutschland ein ganzes Füllhorn an Bibliotheken. Im Buch wollte ich eine Mischung von zeitgenössischer und historischer Architektur haben, einen echten Spannungsbogen, der die Vielfalt der Bibliotheken in unserem Land zeigt.

Was bedeuten Bibliotheken für Sie persönlich?

Das sind absolute Sehnsuchtsorte für mich. Ich bin ein leidenschaftlicher Sammler. Zu Hause habe ich selbst eine große Fotobibliothek. Das liegt sicherlich auch an meinem Vater. Er hat angefangen, sie aufzubauen, und ich vergrößere sie Woche für Woche. Und dann bin ich mit der phantastischen Universitätsbibliothek in meiner Geburtsstadt Göttingen aufgewachsen. Wenn man die Hallen der Paulinerkirche betritt, ist das wie eine Zeitreise. Solche kontemplativen Orte sind gerade in unserem digitalen Zeitalter wichtig. Bibliotheken sind Kathedralen der Stille, Rückzugsorte und Trutzburgen des Wissens. Wenn ich fotografiere, ist es einfach schön, dass man sich alleine in diesen Räumen bewegen kann - ohne Besucher, ohne Publikum. In Maria Laach bin ich abends angekommen, habe im Kloster übernachtet und gefrühstückt und durfte mich dann den ganzen Tag allein in der Klosterbibliothek aufhalten.

Mit welcher Kamera fotografieren Sie?

Seit einem Jahr fotografiere ich mit einer Phase One, davor habe ich immer eine Sony Alpha verwendet. Ich nehme alles in großem Format auf, um anschließend großformatige Wandbilder anfertigen zu können. Das ist auch wichtig für die Zusammenarbeit mit White Wall. Die Bilder dort sind meistens 1,80 mal zwei Meter groß. Als Betrachter hat man dann das Gefühl, mitten in der Bibliothek zu stehen.

Bevor Sie fotografieren: Greifen Sie in die Szenerie ein, oder dokumentieren Sie die Räume, so wie Sie sie vorfinden?

Ich fotografiere rein dokumentarisch. Ich mag es auch nicht, wenn jemand in meiner Hausbibliothek etwas verändert, und das wollen die Bibliothekare in den schönen Häusern natürlich auch nicht. Nur manchmal haben wir große Lücken in Regalen gefüllt oder auch Bücher ein wenig hin und her geschoben. Meine Bilder zeichnet zudem aus, dass ich kaum retuschiere.

Sie bearbeiten die Bilder fast gar nicht?

Nein, höchstens ganz kleine Retuschen.

Gibt es eine Systematik bei der Standortwahl für die Aufnahme?

Die Zentralperspektive ist meine Perspektive. Ich stelle mich in die Mitte des Raums und fotografiere. Die Bilder haben dadurch eine ganz besondere Sogwirkung, wie beim Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum an der Humboldt-Universität in Berlin beispielsweise. Wenn man das Bild betrachtet, zieht es einen richtig in die Tiefe. Das Grimm-Zentrum ist eines der wenigen Motive, auf dem man überhaupt kein Buch sieht, weil die Architektur von Max Dudler sehr besonders ist.

Welche Technik nutzen Sie, um die hohe Bildschärfe aufzunehmen?

Ich nutze das sogenannte Focus Tracking. Das heißt, ich fotografiere mit zwei Objektiven - einem 50-Millimeter- und einem 24-Millimeter-Objektiv. Dadurch entstehen die Schärfegrade. Ich suche mir einen Nahpunkt, auf den ich fokussiere, dann belichte ich mehrfach, so dass der Fokus immer mehr in die Tiefe des Raums wandert. Eine Software baut das am Ende digital zusammen - dadurch entsteht die absolute Schärfe. Viele der Bilder sind aber auch totale One Shots.

Wie viel Zeit benötigen Sie für eine solche Aufnahme?

Ich verbringe meistens einen halben Tag in einer Bibliothek. In Göttingen war ich insgesamt fünfmal zum Fotografieren und durfte auch die berühmte Gutenberg-Bibel aufnehmen. Zu meinem Leidwesen hatte ich dafür aber nur 25 Minuten Zeit.


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