Rita Thiele im Porträt

Im Maschinenraum des Theaters

Von Irene Bazinger, Jana Mai (Fotos)
25.11.2021
, 10:09
Rita Thiele, Chefdramaturgin am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, in ihrem Büro.
Rita Thiele ist eine der bekanntesten deutschsprachigen Dramaturginnen. Was genau macht sie in dieser Funktion im Schauspielhaus Hamburg? Und was haben Elfriede Jelinek, Karin Beier und Claus Peymann damit zu tun?
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Erster Akt

Es war der Osterhase. Nein, Gerhard Polt mit seinem legendären Nikolausi-Osterhasi-Sketch kann nichts dafür. Georg Büchner mit seinem Lustspiel „Leonce und Lena“ war schuld, dass Rita Thiele in einer Theatervorstellung plötzlich laut und unvermutet ausrief: „Der Osterhase!“ In diesem Stück taucht der zwar nicht auf, doch als König Peter vom Reiche Popo in Jürgen Flimms Inszenierung aus dem Jahr 1981 auftrat und zu sprechen begann, erkannte sie die Stimme als diejenige aus einem der Hörspiele des WDR, die ihr Vater mit dem Tonband aufgenommen und seinen Kindern zur Ablenkung vorgespielt hatte, wenn sie krank waren. Nun fiel ihr das in einem Zelt am Prager Platz in Köln wieder ein, dem Ausweichquartier des Schauspielhauses, das gerade wegen Asbestsanierung geschlossen war.

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Das Zelt war klein, man saß eng beisammen, sodass viele Zuschauer verwundert den spontanen Aufschrei „Der Osterhase!“ hören konnten. Rita Thiele, damals noch Studentin der Geschichte, Germanistik und Theaterwissenschaft, weiß bis heute nicht, ob auch Heinz Schacht auf der Bühne ihren Zwischenruf vernommen hatte. Sie lacht, als sie das erzählt, denn es ist das kurioseste Ereignis in ihrer langen Laufbahn: „So fing es an mit mir und dem Theater.“

Von einer Statistin zur Dramaturgin

Was dann folgte, ist eine der eindrucksvollsten Karrieren im Theaterbetrieb. Dabei waren ihre Eltern – der Vater Mathematiker, die Mutter Kindergärtnerin – keineswegs theateraffin. Zum Weihnachtsmärchen gingen sie schon mal mit den Kindern, öfter nicht. Aber Rita Thiele, geboren 1954 in Essen, besserte ihr Taschengeld als Statistin im Theater Oberhausen auf. Das hatte einen guten Ruf, vor allem durch Regisseur Günther Büch (1932–1977), der neben Claus Peymann als Entdecker und Förderer von Peter Handke gilt und etliche Stücke von ihm zur Uraufführung brachte. Wenn Rita Thiele dort während der Proben auf der Bühne stand, sah sie im dunklen Saal den Regisseur, den Dramaturgen, die Kostüm- oder Bühnenbildner, die Assistenten, und oft tuschelten sie miteinander. „Was haben die bloß so viel miteinander zu besprechen?“, fragte sie sich: „Machen wir etwas falsch? Geht es um den Text? Passt das Licht nicht?“

Mit Notizbuch und Nashorn: Vieles spielt sich bei Rita Thieles Arbeit am Schreibtisch ab, unter Ausschluss der Öffentlichkeit – der andere Teil sind die Proben, die sie mit kritischem Blick verfolgt.
Mit Notizbuch und Nashorn: Vieles spielt sich bei Rita Thieles Arbeit am Schreibtisch ab, unter Ausschluss der Öffentlichkeit – der andere Teil sind die Proben, die sie mit kritischem Blick verfolgt. Bild: Jana Mai

Es ließ sich nicht immer beantworten, aber es wurde ihr klar: Dieses ganze Theater interessierte sie brennend. Irgendwann wollte sie auch da unten sitzen und mitreden. Es dauerte noch eine Weile, bis es so weit war, aber es hat geklappt. Zuerst schrieb sie ihre Magisterarbeit in Geschichte. Titel: „Der Export deutscher Frauen nach Deutsch-Südwestafrika zwischen 1898 und 1914“. Wenn man bedenkt, wie stark Kolonialsujets den aktuellen künstlerischen und theatralen Diskurs bestimmen, kann man ihr zu ihrer thematischen Weitsicht nur gratulieren.

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Ihr Professor riet ihr, das als Doktorarbeit fortzuführen. Allerdings hatte Rita Thiele schon während des Studiums mit anderen Betätigungsfeldern jenseits des Akademischen geliebäugelt und wechselte nach dem Examen lieber für zwei Jahre als freie Autorin zum WDR. Das Genre Dokumentarfilm interessierte sie. Gemeinsam mit ihrer Freundin Nina Hellenkemper drehte sie einen Film über Nachkriegsflüchtlinge im Alten Land nahe Hamburg. Das Thema fesselte sie so sehr, dass sie das Budget gnadenlos überzog und sich gehörig verschuldete. Daraufhin sagte sie sich geknickt: Wer kein Händchen für Geld hat, sollte sich eher nicht auf solche frei finanzierten Projekte einlassen.

Über Umwege im Theater

Als das Theater Kassel anrief und sie fragte, ob sie es nicht mit einer Regieassistenz versuchen wolle, nahm Rita Thiele dankend an. Über ein paar Umwege war sie wieder beim Theater gelandet – und diesmal blieb sie. Mit Regisseur Johannes Klaus entwickelte sich eine schöne Zusammenarbeit, er holte sie dann als Regieassistentin ans Landestheater Tübingen. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht entschieden, ob sie sich auf Regie oder ein anderes Gewerk im Theaterbetrieb spezialisieren würde.

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Schließlich inszenierte sie 1985 „La Balkona Bar“ von Klaus Pohl und 1987 „Himmel und Erde“ von Gerlind Reinshagen. Die erste Produktion fiel ihr schwer, die zweite bedeutend leichter. Beide halfen ihr, sich für die Zukunft zu orientieren. Sie arbeitete gern mit Schauspielern auf den Proben, liebte die Diskussionen und Debatten danach – mochte aber auch den Rückzug an den Schreibtisch, um zu lesen, über Stücke nachzudenken und deren historischen, literarischen, philosophischen Hintergründen nachzuspüren. Und so beschloss Rita Thiele, Dramaturgin zu werden.

Zweiter Akt

Wir treffen uns in der dritten Etage im Schauspielhaus Hamburg. Es ist das größte deutsche Sprechtheater, wurde im Jahr 1900 eröffnet und hat Platz für rund 1200 Zuschauer. Die Hamburger Bürgerschaft hat es sich innerhalb von unfassbaren 13 Monaten errichten lassen. Die angrenzenden Verwaltungstrakte sind weniger prunkvoll als der Zuschauersaal oder die Foyers. Die Umgebung ist gewöhnungsbedürftig: Oft liegen Obdachlose auf dem Bürgersteig, oder Betrunkene lehnen an den Wänden und betteln Passanten wie Besucher an. So ist das, wenn man direkt gegenüber dem Hauptbahnhof gebaut hat.

Stück für Stück: In ihrem Büro im Schauspielhaus Hamburg feilt Rita Thiele an Manuskripten, spürt historischen Hintergründen und literarischen Zusammenhängen nach.
Stück für Stück: In ihrem Büro im Schauspielhaus Hamburg feilt Rita Thiele an Manuskripten, spürt historischen Hintergründen und literarischen Zusammenhängen nach. Bild: Jana Mai

Bis sie Ende Juli das Leitungsteam des Schauspielhauses verließ, altersbedingt, war hier das Büro von Rita Thiele – geräumig, schlicht gehalten, die Fenster öffneten sich zu einer schmalen Seitenstraße. Die Tür stand normalerweise immer offen, es kamen häufig Künstler oder Kollegen herein, fragten dies, berichteten jenes, es gab Besprechungen. „Bei den Dramaturgen laufen viele Fäden zusammen, deshalb geht es in ihren Büros oft zu wie in einem Taubenschlag“, sagt Rita Thiele sehr freundlich und sehr aufmerksam: „Man sollte schon Menschen lieben in meinem Beruf und kommunikativ sein.“ Sie weiß genau, wovon sie spricht, kann inzwischen auf mehr als 30 Jahre praktischer Erfahrung zurückblicken. Sie tut es gern, sie ist als Dramaturgin glücklich geworden.

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Nach der Zeit in Tübingen wechselte sie ans Schauspielhaus Kiel – und das nun tatsächlich als Dramaturgin, von der Regie hatte sie sich verabschiedet. Dort war sie drei Jahre und bewarb sich dann, „größenwahnsinnig wie ich damals war“, von der norddeutschen Provinzbühne aus ans Wiener Burgtheater zu Claus Peymann. Der ehemalige Stuttgarter Schauspieldirektor und Intendant des Schauspielhauses Bochum war 1986, als ihn das Burgtheater berief, vom mächtigen zum mächtigsten Theaterleiter im deutschsprachigen Raum aufgestiegen. Von der österreichischen Presse wurde das als „feindliche Übernahme“ geschmäht, er als „Piefke“ angefeindet – und mit Tränen und Elogen überschüttet, als er 1999 ans Berliner Ensemble ging. Die Newcomerin Rita Thiele war Fan seines Theaters in Bochum gewesen und wollte sich der Herausforderung stellen, an einer der ganz großen Bühnen zu arbeiten. Peymann stimmte zu. Im Herbst 1989 übersiedelte sie an die Donau.

Es war ein Sprung, wie er kaum höher hätte sein können. Plötzlich war sie an einem der traditionsreichsten Häuser engagiert, hatte mit den besten Schauspielern und Regisseuren und mit namhaften zeitgenössischen Autoren zu tun. Und dazu einen Chef, der als Regisseur zu den erfolgsverwöhntesten zählte und als Intendant zu den streitbarsten. „In der ersten blutigen Anfängerzeit gab mir Peymann – und keineswegs durch die Blume – zu verstehen: ‚Für Kiel reicht es ja vielleicht, für Wien allerdings noch lange nicht!‘ Nach ersten Auseinandersetzungen freilich, in denen ich gelernt hatte einzustecken, mich aber auch durchzusetzen, brachte er mir viel Respekt entgegen und räumte mir alle Freiheiten ein. Ich weiß nicht, ob ich ohne ihn hier gesessen hätte.“

„Moderne Fürsten mit feudalem Gehabe“

Peymann pflegte einen autoritären bis patriarchalen Führungsstil, den Rita Thiele für „vollkommen überholt“ hält. „Intendanten waren früher allgemein einfach so drauf! Das waren moderne Fürsten mit feudalem Gehabe.“ Sie kam damit zurecht und nutzte die Chancen, die sich ihr boten: die Arbeit mit bedeutenden Künstlern und zahlreiche Uraufführungen, etwa von Elfriede Jelinek. Außerdem war sie mit Peymanns festem Dramaturgenteam – Jutta Ferbers und Hermann Beil – an der Entwicklung der Jahresspielpläne beteiligt.

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Das ist etwas, was ihr trotz der großen Verantwortung besondere Freude bereitete: künstlerische Pfade anlegen, thematische Konzepte entwerfen, ästhetische Handschriften versammeln und miteinander konfrontieren. Als Chefdramaturgin und stellvertretende Intendantin konnte sie das von 2001 an bei Anna Badora am Düsseldorfer Schauspielhaus und von 2007 an am Schauspiel Köln bei Karin Beier fortsetzen, mit der sie 2013 ans Schauspielhaus Hamburg wechselte. Nach all den Jahren kennt sie den Betrieb durch und durch – und der Betrieb kennt sie und ihre Verdienste. Ob sie nicht mitunter Lust verspürt hat, selbst in die erste Reihe vorzurücken und eine Intendanz zu übernehmen? „Nicht unbedingt“, sagt Rita Thiele, obwohl sie sich 2019 für das Wiener Volkstheater beworben hatte, in der letzten Runde aber absagte, denn die Finanzierung der Bühne erschien ihr letztlich zu unsicher. „Ich habe mich an den Theatern, an denen ich gerade war, so wohl gefühlt, dass ich immer sehr lange geblieben bin. Eine Intendanz hat mir zu meinem Glück nicht gefehlt.“

Dritter Akt

Ob festangestellt oder inzwischen freiberuflich: Die Arbeit von Rita Thiele fängt an, noch ehe der erste Schauspieler die Bühne betreten hat. Als Chefdramaturgin hat sie, gemeinsam mit der Leitungsriege, den Jahresspielplan und die Besetzungen zusammengestellt. Als Produktionsdramaturgin widmet sie sich jeweils einem einzigen Stück, liest viel, recherchiert, erforscht historische Kontexte, legt Querverbindungen offen, sorgt für den philologischen Background einer Inszenierung, konzipiert das Programmheft. Manchmal komprimiert sie einen Roman erst einmal zu einer Spielfassung für das Ensemble.

All das unter Ausschluss der Öffentlichkeit, vorwiegend am Schreibtisch, am Computer, im intellektuellen Maschinenraum des Theaters, wo ein Rad hoffentlich störungsfrei ins andere greift und der Geistesdampf erzeugt wird, der den ganzen Ozeanriesen antreibt. Der andere Teil passiert während der Proben, die sie mit kritischwachem Blick verfolgt und bei denen sie für Fragen und Einschätzungen aller Art zur Verfügung steht.

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Es braucht schon viel Fingerspitzengefühl, um den beteiligten Künstlern, die während einer Produktion extrem im Stress sind, helfen zu können, sie eventuell zu korrigieren oder auf andere Wege zu bringen, zwischen verschiedenen Interessen und Ansichten zu vermitteln. Die Regisseure, mit denen Rita Thiele meist seit Jahren zusammenarbeitet, verlangen indes geradezu ihre Ideen und Vorschläge und insistieren auf kreativer Dramaturgie. Größen wie Jürgen Gosch, Falk Richter, Johan Simons haben ihr vertraut, Karin Henkel, Katie Mitchell und Karin Beier sowieso. Mit ihr entstand im Jahr 2016 die fulminante, fast dreistündige Soloperformance „Unterwerfung“ mit Edgar Selge in der Hauptrolle nach dem Roman von Michel Houellebecq – als Theatersensation gefeiert und immer vor ausverkauftem Haus gezeigt. Später wurde daraus in der Regie von Titus Selge sogar eine ansprechende Fernsehadaption.

Der Schreibtisch von Rita Thiele: Bücher, Hefte und ein Nashorn-Stofftier.
Der Schreibtisch von Rita Thiele: Bücher, Hefte und ein Nashorn-Stofftier. Bild: Jana Mai

Ihr schwierigster Fall

Rita Thiele konnte Jürgen Gosch bei dessen Jahrhundert-„Macbeth“ 2005 in Düsseldorf unterstützen, in dem sieben nackte Männer, unter ihnen Devid Striesow, Shakespeares Tragödie als radikal ungeschützten Hexensabbat über Schweiß und Fleisch, Gewalt und Macht zelebrierten. Der schwierigste Fall für sie war wohl Einar Schleef, mit dem sie Elfriede Jelineks „Sportstück“ 1998 am Burgtheater zur triumphalen Uraufführung verhalf. Der Regisseur, der 1976 nach künstlerischen Schwierigkeiten von einer Westreise nicht in die DDR zurückgekehrt war, hielt Dramaturgen im allgemeinen für Spitzel der Direktion: „Es war ein harter Job, ihn eines Besseren zu belehren, deswegen war ich froh, auch nach dem ‚Sportstück‘ weiter mit ihm arbeiten zu dürfen“, sagt sie. Zuletzt betreute sie am Schauspielhaus zwei spektakuläre Uraufführungen in der Regie von Karin Beier: „Reich des Todes“ von Rainald Goetz – über den 11. September und die Folgen, eingeladen zum diesjährigen Berliner Theatertreffen – und „Lärm. Blinde sehen. Blindes sehen!“ von Elfriede Jelinek, eine famose Corona-Medien-Mythen- Mutationen-Revue.

Was ist das Wichtigste für sie als Dramaturgin? „Man muss Spannungen und Streit aushalten und trotzdem effektiv gemeinsam am gleichen Strang ziehen können. Und man muss den Leistungsdruck verkraften, der sich vor jeder neuen Inszenierung aufbaut.“ Wie geht sie mit so schwierigen Situationen um? Aus Rita Thiele, die gern lebt und gern lacht und nichts gegen ein offenes Wort hat, platzt es da fröhlich heraus: „Ich trinke Wein, und ich rauche viel!“ Allerdings erst nach der Arbeit, entweder in ihrer Wohnung, wo sie bevorzugt liest und schreibt, weil es da ruhiger ist als in ihrem Büro, oder in der Kantine, mit den Schauspielern, die nach den Bühnenauftritten entsprechend aufgedreht sind.

Das alles wird ihr auch nach der Festanstellung möglich sein. Sie wird in Hamburg wohnen bleiben, aus ihrer Magisterarbeit ein Buch machen, als freie Produktionsdramaturgin die eine oder andere Inszenierung begleiten und mit Karin Beier – erstmals! – eine Oper vorbereiten. Dass ihre Work-Life-Balance bisher nicht sehr ausgewogen war, stört sie nicht. Sie hat dem Theater alles gegeben – und noch viel mehr von ihm zurückbekommen.

Quelle: F.A.Z. Magazin
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