Interview mit Elena Uhlig

„So, was ist? Unterhalt uns!“

Von Anke Schipp
27.02.2021
, 19:24
Auf Instagram ist sie ein Star: Die Schauspielerin Elena Uhlig spricht im Interview über ihren Erfolg auf der Plattform, den Spaß am Improvisieren und erklärt, warum sie ihre Talkshow von der Toilette aus sendet.

Frau Uhlig, wie viele Follower haben Sie auf Instagram?

Seit vorletzter Woche 100.000. Wenn man bedenkt, dass es vor einem Jahr noch 6000 waren, ist das eine Menge.

Sie sind aber schon länger auf Instagram?

Ich hatte natürlich schon lange einen Account, wie Schauspieler den so haben, weil das für Filmproduktionen angeblich immer wichtiger wird und auch, wie viele Follower man hat. Aber dass ich mein Mittagessen abfotografiere oder mich mit einem Froschmund hinstelle und ein Foto mit fünf Filtern von mir mache, das bin ich nicht.

Jetzt liefern Sie beinahe täglich Videos auf ­Instagram, haben dort eine eigene Talkshow, eine Koch- und Erklärkolumne. Wie kam es dazu?

Durch Zufall. Im ersten Lockdown letztes Jahr habe ich gleich am ersten Tag zu meinem Partner gesagt: „Wir müssen uns irgendwie verhalten.“

Wie meinten Sie das?

Ich finde, der Narr muss auch in schwierigen Zeiten aufspielen und das Volk unterhalten. Das sehe ich wirklich als meine Aufgabe: Menschen zu unterhalten. Obwohl ich eigentlich gesagt hatte, wir treten nicht mehr zusammen auf . . .

Ihr Lebensgefährte ist der Schauspieler Fritz Karl. Warum wollten Sie nicht mehr gemeinsam auftreten?

Er macht ja die anspruchsvollen Sachen, und ich sehe mich eher als Volksschauspielerin. Mich hat gestört, dass wir plötzlich für viele von Beruf Paar waren, dabei hat ja jeder eine eigenständige Karriere.

Aber dann kam der erste Lockdown . . .

Genau, und ich sagte: Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern. Herr Karl war erst mal skeptisch. Er hat überhaupt keinen Zugang zu sozialen Medien. Er würde niemals ein Foto posten: „Hallo, ich steig jetzt in den ICE.“ Damals ab Tag 1 des Lockdowns habe ich ihn jeden Tag damit genervt, dass wir etwas machen müssen. Und am Freitag hat er gesagt: „Dann setzen wir uns jetzt vor diese ­weiße Wand.“ Das haben wir gemacht, ich habe die Kamera mit der Hand gehalten, damals noch im Querformat, was ja auf Instagram eigentlich nicht geht. Er sagte: „Dann red!“ Dann habe ich geredet über den Tag 5 im Lockdown. Nach 30 Sekunden habe ich abgebrochen: „Du musst was sagen.“ Er: „Nee. Ich sag nix.“ Und dieses Video habe ich dann auf Instagram gestellt. Und dann ist etwas passiert, was ich vorher gar nicht verstanden habe: was es heißt, wenn etwas viral geht.

Wie zeigte sich das?

Die Leute haben das Video wie wahnsinnig geteilt. Und dann haben wir das am nächsten Tag noch mal gemacht. Am Anfang hatte ich 6000 Follower, eine Woche später waren es schon 10 000. Natürlich gibt es viele Menschen auf Instagram, bei denen geht es um Millionen. Aber in unserer kleinen Welt ist die Zahl von Tag zu Tag exponentiell gestiegen. Und die Leute kommentierten: „Ihr seid unser einziger Lichtblick“ und „Wenigstens einmal am Tag lachen“. Wenn wir bis abends um halb sieben nichts reingestellt hatten, kamen schon die ersten Nachfragen.

Sie haben dann eine Art Videotagebuch geführt: Sie die aufgedrehte Ehefrau und Fritz Karl der schweigende Mann. Das wurde zum Kult. Die Leute gründeten eine Petition „Rettet Herrn Karl!“ Wie hat die Zusammenarbeit funktioniert als Paar, das eigentlich nicht mehr zu­sammen auftreten wollte?

Einerseits haben wir improvisiert. Andererseits habe ich einen Künstler an meiner Seite, bei dem alles immer Gehalt haben muss. Ich bin da eher der Haudrauf. Ich habe zum Beispiel mal gesagt: „Komm, wir singen ,Im Wagen vor mir sitzt ein ­junges Mädchen‘. Das ist lustig.“ Da hat er gesagt: „Ich mach nix, weil es lustig ist. Warum machen wir das?“ Also musste erst ein schöner Tag kommen, damit man dann sagen kann: „Ach, es ist so ein schöner Tag, man würde so gerne mit dem Cabrio fahren, aber wir haben keins.“ Und dann spielen wir, dass wir ausfahren, und singen.

Sie haben vier Kinder. Es war Lockdown und Homeschooling. Wie haben Sie das gemacht?

Die Kinder waren immer gottfroh, wenn wir aufgenommen haben, weil das die Zeit war, in der sie Fernsehen gucken durften. „Macht ihr heute wieder Tagebuch?“, haben sie ständig gefragt. Manchmal hat die Aufnahme ja mehrere Stunden gedauert, weil mein Mann alles perfekt haben will und vieles wiederholt wurde, bis es saß. Einmal spielten wir Weltall, und die Planeten sollten ins Bild schweben, das haben die Kinder gemacht, aber es dauerte sehr lange, bis Herr Karl zufrieden war.

Hat Sie die Arbeit daran gut durch den Lockdown gebracht?

Das Schöne war: Wir waren nicht weg als Künstler, wir wurden gesehen. Die Leute draußen haben es total angenommen und uns gefeiert. Das hat einen ja auch angespornt, weiterzumachen.

Dann hörten Sie nach 47 Tagen mit dem Tagebuch auf. Aber Ihre Social-Media-Karriere ging erst richtig los.

Als wir aufhörten, sagten die Fans: „So, was ist? Here we are now, entertain us!“ Damals telefonierte ich mit einer guten Bekannten, und wir kamen auf die Idee, dass ich etwas moderieren könnte auf Instagram. Das war schon immer mein großer Traum. Ich glaube, dass ich eine gute Schauspielerin bin, aber ich bin auch besonders gut in der Interaktion. Ich ziehe die Rollen sehr nah an mich ran, so dass die Zuschauer das Gefühl haben, sie sind mit mir befreundet. Und ich finde, ein Moderator sorgt ja auch dafür, dass man einschaltet, um mit ihm den Abend zu verbringen. Und ich habe das Gefühl, dass die Leute gerne mit mir den Abend verbringen würden anstatt mit mir in der Rolle.

Woran machen Sie das fest?

Meine Lesungen – ich habe ja auch Bücher geschrieben – sind immer dahin ausgeartet, dass ich mit Headset dastand und gar nicht gelesen, ­sondern erzählt habe, ohne dass ich ein reiner Comedian bin. Und je mehr das Publikum lachte, umso mehr spornte mich das an. Da dachte ich: Ach, guck mal, das ist ein eigener Weg, wo ich ­vielleicht etwas Eigenes aufbauen kann, was mich auch glücklich macht.

­­­Dass Sie gut improvisieren können, haben Sie auch schon in dem Film „Klassentreffen“ ­­­be­wiesen, in dem jeder eine Rolle hatte, aber ­keinen festen Text. Dafür haben Sie viel Lob bekommen.

Das stimmt. Ich bin mit Sicherheit nicht hochintelligent, und an der guten Allgemeinbildung hapert’s auch ein bisschen, aber ich habe eine emotionale Intelligenz. Damit kann ich gut auf Sachen reagieren. Das macht mich wach. Sie werfen mich irgendwohin, Adrenalin schießt ein, und ich bin da.

Mittlerweile haben Sie auf Instagram sonntags die Talk-Sendung „Uhligs stilles ­Örtchen – ­endlich mal in Ruhe reden“. Warum die ­Toilette?

Die Toilette ist bei uns der einzige Ort, den ich abschließen kann und wo ich meine Ruhe habe. Von dort aus sende ich meine Talkshow. Auf dem Klo-deckel liegt ein Sitzkissen aus Filz, damit die Mutti es schön warm hat. Und die Klospülung ist mein ­Jingle zum Schluss. Die Sendung kommt um 22.15 Uhr. Am Anfang hat man mir gesagt, dass um die Zeit keiner einschaltet und zwischen 18 und 19 Uhr die bessere Zeit sei. Das ist mir aber egal, ich muss es ja in mein Leben einbinden. Und um zehn sind zumindest die Kleinen im Bett. Ich schminke mich dann, mache mich hübsch, ziehe einen schönen Schlafanzug und einen Fascinator an, was so was wie ein Markenzeichen geworden ist, und mache noch mal die Runde: „Jungs, Licht aus, ihr wisst.“ „Ah, du hast heute Stilles“, sagen sie immer und „Toi, toi, toi“. Sie verstehen mitt­lerweile, dass die Mama nicht nur peinlich rum­hampelt, sondern dass das Arbeit ist. Teilweise ­werden sie in der Schule angesprochen, deshalb ist es mir auch wichtig, Content zu produzieren und nicht Fotos vom ­Mittagessen zu posten.

Werden die Kinder auch eingebunden?

Sie helfen mit. Mein Großer ist 13 und setzt die Texte in meine Videos. Dafür bezahle ich ihn als Taschengeldaufbesserung. Gleichzeitig führe ich ihn ans Schneiden ran. Er soll lernen, mit Handys und Tablets umzugehen, und was soziale Medien bedeuten. Ich sage ihm auch, dass er keinen öffentlichen Instagram-Account haben darf, bevor er weiß, was er tut.

Als Schauspielerin hatten Sie vermutlich selten so ein direktes Feedback wie jetzt in den ­sozialen Medien durch das Liken und ­Kommentieren. Spornt Sie das an?

Schon, aber es erzeugt auch Druck. Man erkennt sofort, was funktioniert und was nicht, denn man sieht ja alle Kommentare, die während der Sendung reinlaufen. Viele sagen, das sei die härteste Währung. Denn ein Like zu bekommen ist das eine, ein Kommentar ist die Königsklasse.

Sie zeigen auch, wenn Ihr Pürierstab beim Kochen seinen Geist aufgibt, oder kriegen ­plötzlich einen Lachkrampf. Glauben Sie, dass zu Ihrem Erfolg gehört, dass Sie inmitten der ­glamourösen und perfekten Insta-Welt ­authentisch wirken?

Ich habe keine Angst mehr vorm Scheitern. Das hatte ich lange. Dazu gehört auch, dass ich vor vier Jahren entschieden habe: Meine Figur ist mir jetzt wurscht, ich bin, wie ich bin. Ich kann rasend gut aussehen, wenn ich mich richtig aufdonnere, das kann aber jeder. Ich will das normale Leben zeigen. Das finde ich ganz wichtig, auch weil ich sehe, dass gerade unsere Jugend Leuten folgt, deren Leben gar nicht real ist.

Wie viel Privates geben Sie in Ihren Formaten preis?

Jedenfalls nicht alles. Ich bin natürlich so, wie die Leute mich da sehen. Aber es ist eben nur ein Teil von mir. Ich zeige nicht mein ganzes Leben und poste Storys aus meinem Alltag, das würde die Leute vermutlich auch nur langweilen, sondern ich mache gerne Formate, die die Menschen unterhalten.

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Verdienen Sie mittlerweile auch Geld mit Instagram?

Noch nicht wirklich. Irgendwann werde ich es monetarisieren müssen. Es geht nicht darum, dass ich ein Raffzahn werden möchte, ich muss nur mein Leben bestreiten und die Miete bezahlen. Es ist vom Hobby zum Beruf geworden. Der Zeitaufwand, den ich jetzt habe, das ganze Equipment, das ich mir zugelegt habe, damit es professionell wird, kostet Geld. Das wird natürlich schwierig. Wenn ich plötzlich Werbung für irgendwas mache, würden die Leute vermutlich sagen: Warum macht die das plötzlich? Ich denke darüber nach, ob man die Sachen auf lange Sicht einem Streamingdienst oder einer Mediathek anbietet.

Welchen Stellenwert hat Ihre neue Arbeit neben der Schauspielerei?

Ich habe im Herbst extrem viel gedreht, habe aber gemerkt, dass mir die Projekte auf Instagram wirklich wichtig geworden sind. Ich bin mein eigener Herr, ich kann Sachen ausprobieren, und obwohl ich noch kein Geld verdiene, habe ich absurder­weise das Gefühl, unabhängig zu sein.

Sehen Sie sich als Influencerin?

Nicht so richtig. Ich weiß auch nicht genau, was das heißt. Manchmal frage ich mich auch: Warum bist ausgerechnet du, eine 45-Jährige, die Konfektionsgröße 44/46 hat, ausgezogen, das Internet zu erobern?

Zur Person
Geboren wurde Elena Uhlig 1975 in Düsseldorf. Als Schauspielerin war sie in zahlreichen Fernsehfilmen und -serien zu sehen, unter anderem 2019 in „Klassentreffen“. Auf Instagram hat sie im ersten Lockdown eine zweite Karriere gestartet, inzwischen produziert sie mehrere Formate, etwa sonntags um 22.15 Uhr die Talkshow „Uhlig’s stilles Örtchen – endlich mal in Ruhe reden“ und „Anele Gilhu – Ihr kleiner Glücksmomento“. Die Videos sind auch auf ihrem Youtube-Kanal zu sehen. Privat lebt sie mit dem Schauspieler Fritz Karl und den vier Kindern in München.
Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Schipp, Anke
Anke Schipp
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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