Besuch am Set von „Respect“

„Es war immer klar, dass es keine zweite Aretha gibt“

Von Patrick Heidmann
24.11.2021
, 15:30
Jennifer Hudson in der Rolle der Aretha Franklin
Wie stellt man bloß Aretha Franklin dar? Jennifer Hudson versucht es – auch, weil sie selbst ein bewegtes Leben als schwarze Frau hatte. Ein Besuch am Set des Films „Respect“.
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Wenige Wochen, bevor die Corona-Pandemie von China aus den Rest der Welt erreicht, steht Jennifer Hudson auf der Bühne einer gesichtslosen Mehrzweckhalle in der amerikanischen Kleinstadt Duluth. Knapp 35 Kilometer nordöstlich von Atlanta spielen normalerweise die Eishockey-Mannschaft der Atlanta Gladiators und das Lacrosse-Team Georgia Swarm, immer wieder treten auch Musiker auf, zum Beispiel Reba McEntire oder Tyler, the Creator. Jennifer Hudson aber – drei Top-Ten-Alben, zwei Grammys – ist nicht für ein Konzert gekommen. Die Oscar-Gewinnerin („Dreamgirls“) greift zwar zum Mikrofon, nicht jedoch als Jennifer Hudson: Hier ist sie Aretha. Ja, die Aretha.

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Die Dreharbeiten zum Film „Respect“ über das Leben der Soullegende Aretha Franklin, der im Dezember in den deutschen Kinos zu sehen sein wird, sind in vollem Gang. An diesem Abend wird die große Bühne in Duluth zur Cobo Hall in Detroit. Dort, in der Stadt ihrer Kindheit und Jugend, wo ihr Vater C.L. Franklin Pastor in einer Baptistengemeinde war, gab die damals 23 Jahre alte Aretha Franklin am 16. Februar 1966 ein umjubeltes Konzert. Martin Luther King Jr. überreichte ihr eine Urkunde, die diesen Tag in Detroit, an dem 12.000 Fans live dabei waren, dauerhaft zum „Aretha Franklin Day“ machte.

Nicht irgendein Film

In Duluth sind nun rund 300 Statisten im Einsatz – gerade genug für den Ausschnitt des Publikums, der später im Film zu sehen sein wird. Die Stimmung in der zugigen Halle ist gut, auf den hinteren Rängen sitzen neben drei Journalisten vor allem Maskenbildnerinnen und Garderobieren. Vorne auf der Bühne hat Gilbert Glenn Brown, der Darsteller des Bürgerrechtlers, bei seiner Rede immer wieder Texthänger. Aber spätestens als Jennifer Hudson sich in ihrem hellblau glänzenden Kleid mit fransigen Federn am Flügel niederlässt und „(You Make Me Feel Like) A Natural Woman“ zum Besten gibt, sind alle Anwesenden wieder aufmerksam.

Eine Stunde zuvor hat sich Hudson Zeit für ein Interview genommen. Die wenigsten Schauspieler haben während wochenlanger Dreharbeiten noch Lust auf Gespräche mit der Presse. Aber „Respect“ ist für Hudson nicht irgendein Film. 15 Jahre nach ihrem Durchbruch mit dem Musical-Film „Dreamgirls“ und weiteren Nebenrollen in Filmen wie „Sex and the City“, „Black Nativity“ und „Cats“ hat sie nun ihren bislang größten Leinwandauftritt – und verkörpert zudem eine Freundin, die sie schon lange verehrt. „2004, kurz nachdem ich bei der Talentshow ‚American Idol‘ mitgemacht hatte, durfte ich in Merrillville, Indiana, im Vorprogramm von Ms. Franklin auftreten“, erinnert sich Hudson an ihre erste Begegnung. „Nach dem Konzert konnte ich sie kurz kennenlernen, ihr Blumen überreichen und ein Foto mit ihr machen.“ Aretha Franklin legte Wert darauf, nicht jovial mit dem Vornamen angesprochen zu werden. Daran änderte sich auch später nichts, als die beiden sich anfreundeten. Hudson hält sich bis heute daran, nicht immer, aber meistens.

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Beide haben ihre Wurzeln in der Kirchenmusik

„Dass es einen Film über ihr Leben geben würde, stand schon einige Jahre vor ihrem Tod fest“, sagt Hudson über Franklin, die im August 2018 an Bauchspeicheldrüsenkrebs starb. „Sie hat noch persönlich entschieden, dass ich die Hauptrolle spielen soll. Das ist sicher eine der größten Ehren, die mir in meinem Leben bislang zuteil wurden.“ Scott Bernstein, der hauptverantwortliche Produzent von „Respect“, hatte seit 2014 versucht, ein Biopic über Franklin zu organisieren. „Natürlich war die wichtigste Frage dabei, wer Ms. Franklin angemessen verkörpern könnte, und sie selbst hatte dazu jede Menge und immer wieder wechselnde Ansichten“, sagt er in einer Drehpause in Atlanta. „Letztlich aber hatte sie genauso wenig Zweifel daran wie ich, dass Jennifer die einzige echte Anwärterin auf die Rolle war. Nicht nur wegen ihrer Freundschaft, sondern auch, weil wir jemanden brauchten, der ihre Lieder singen konnte.“

Dass aus dem Film eine Playback-Show würde, habe nicht zur Debatte gestanden. Zu einem gemeinsamen Auftritt der beiden Sängerinnen 2018, bei der die Besetzung der Rolle verkündet werden sollte, kam es aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr; ein halbes Jahr später sang Hudson stattdessen auf Aretha Franklins Beerdigung. „Es war immer klar, dass es keine zweite Aretha gibt. Aber es war wichtig, jemanden zu finden, der die Essenz ihrer Lebensgeschichte nachvollziehen und vor allem nachempfinden konnte“, sagt Produzent Bernstein. „Entscheidend war, dass Jennifer genau wie Ms. Franklin ihre musikalischen Wurzeln in der Kirchenmusik hat.“ Dass zudem beide die Sonnen- und Schattenseiten des Lebens kennen, stellt der Produzent in den Raum, ohne weiter ins Detail zu gehen.

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Die optische Ähnlichkeit hält sich in Grenzen

Worauf er anspielt: Aretha Franklin wurde, so deutet es der Film „Respect“ an, von einem Bekannten ihres Vaters vergewaltigt und schwanger, später wurde sie von ihrem ersten Ehemann Ted White misshandelt. Ihr Vater wurde 1979 in Detroit von mehreren Schüssen niedergestreckt, wovon er sich bis zu seinem Tod fünf Jahre später nicht mehr erholte. Jennifer Hudson wiederum verlor 2008 ihre Mutter, ihren Bruder und ihren Neffen, die von ihrem früheren Schwager ermordet wurden.

Brenda Nicole Moorer als Brenda Franklin, Hailey Kilgore als Carolyn Franklin,
Saycon Sengbloh als Erma Franklin und Jennifer Hudson als Aretha Franklin im Film „Respect“.
Brenda Nicole Moorer als Brenda Franklin, Hailey Kilgore als Carolyn Franklin, Saycon Sengbloh als Erma Franklin und Jennifer Hudson als Aretha Franklin im Film „Respect“. Bild: Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc.

Die optische Ähnlichkeit zwischen Franklin und Hudson hält sich dagegen in Grenzen – das stellte Clint Ramos, den Kostümdesigner von „Respect“, vor Herausforderungen. „Natürlich verbindet diese beiden Ausnahmesängerinnen vieles, vom Aufwachsen in der Kirche bis zu den ganz allgemeinen Erfahrungen des Schwarzseins in den Vereinigten Staaten. Aber von ihrer Physiognomie her sind sie wirklich sehr verschieden“, sagt Ramos. Er hatte allein für die Protagonistin 85 verschiedene Kostüme zu verantworten. „Die teilweise dank Foto- und Videoaufnahmen ikonischen Outfits von Aretha aus den sechziger Jahren existieren heute ja nicht mehr.“ Er habe sich Freiheiten nehmen können, gerade weil Aretha Franklin und Jennifer Hudson sich in Körpergröße und Figur stark unterscheiden. „Jennifer wirkt viel schwebender und leichtfüßiger als Aretha, deswegen sollten die Kostüme helfen, ihr mehr Bodenhaftung zu geben.“

Von den Fünfzigern bis zum legendären Kirchenkonzert 1972

Die Regisseurin Liesl Tommy, die ebenfalls vom Broadway kommt (für das Stück „Eclipsed“ war sie als erste schwarze Regisseurin für einen Tony Award nominiert) und nun ihr Spielfilmdebüt gibt, schwärmt von ihrer Hauptdarstellerin. „Ihre Stimme mit dem gefühlt grenzenlosen Tonumfang ist das eine“, sagt sie. „Dieses gottgegebene Gesangstalent macht mich immer wieder sprachlos. Aber ich glaube, dass Jennifer das Publikum nicht zuletzt mit ihrer Emotionalität umhauen wird. Aretha Franklin konnte unglaublich reserviert und schüchtern und dann wieder enorm aufbrausend und kraftvoll sein. Jennifer gelingt es mit ihrem Spiel, das gesamte Spektrum abzudecken.“

Der Film beschränkt sich auf die Jahre von Franklins Kindheit in den Fünfzigern bis zum legendären Kirchenkonzert 1972, bei dem das Livealbum „Amazing Grace“ entstand.
Der Film beschränkt sich auf die Jahre von Franklins Kindheit in den Fünfzigern bis zum legendären Kirchenkonzert 1972, bei dem das Livealbum „Amazing Grace“ entstand. Bild: Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc.

Dass sich der Film auf die Jahre von Franklins Kindheit in den Fünfzigern bis zum legendären Kirchenkonzert 1972 beschränkt, bei dem das Livealbum „Amazing Grace“ entstand, sei ihre Idee gewesen, sagt die Regisseurin in einer späten Mittagspause am Set in Duluth – abends um 20 Uhr ist dort erst der halbe Drehtag vorbei. „Ich bin kein Fan von filmischen Biografien, die von der Geburt bis zum Tod reichen. Die wirken meist so, als arbeite da nur jemand den Wikipedia- Eintrag ab, um bloß keinen wichtigen Punkt zu vergessen.“ Wenn man sich auf einen bestimmten Lebensabschnitt konzentriere, sei es leichter, in die Tiefe zu gehen.

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Die Entscheidung für die beiden Jahrzehnte, auf die sich „Respect“ nun beschränkt, war dabei schnell getroffen. „Die meisten von uns haben die späte Aretha Franklin vor Augen, mit einer endlosen Reihe von Hits, selbstbewusst und um ihr Können wissend“, sagt Liesl Tommy. Ihr sei es dagegen wichtig gewesen, die vorausgegangene Entwicklung zu zeigen. „Dass es da ein unsicheres junges Mädchen gab, das zwar die vielleicht größte Stimme aller Zeiten besaß – aber trotzdem zunächst ihre eigene Stimme finden musste.“

Mit Unterstützung der noch lebenden Verwandtschaft

Von der langen Suche nach dem passenden Sound und den richtigen Songs zeichnet der Film ein ebenso klares Bild wie von der in jeder Hinsicht schwierigen Beziehung zu Ted White (gespielt von Marlon Wayans), der Franklin als Ehemann, Manager und Produzent bis zur Scheidung 1969 begleitete. Die Ehe und die Berichte über Whites gewalttätige Übergriffe wollten die Filmemacher aber nicht zu sehr in den Mittelpunkt rücken. „Mir war es wichtig, dass der Film nicht vom brutalen Ehemann handelt, sondern von ihrem Weg, der von diesem Ehemann wegführt“, sagt Produzent Bernstein.

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Regisseurin Tommy fügt hinzu: „Ich bin es leid, auf der Leinwand zu sehen, wie Frauen verprügelt werden. Daher hatte es für mich oberste Priorität, dieses Thema zwar nicht auszublenden, aber so davon zu erzählen, dass es in keiner Weise re-traumatisierend ist.“ Dass der heute 90 Jahre alte White darum bat, ein paar Aspekte seiner Beziehung zu Franklin im Film außen vor zu lassen, stellte die Filmemacherin laut eigenen Angaben vor keine größeren Probleme.

Grammy-Gewinnerin und Oscar-Preisträgerin Jennifer Hudson sieht der Soulmusikerin Aretha Franklin zwar nicht sehr ähnlich – trotzdem war sie für das Filmteam „die einzige echte Anwärterin auf die Rolle“.
Grammy-Gewinnerin und Oscar-Preisträgerin Jennifer Hudson sieht der Soulmusikerin Aretha Franklin zwar nicht sehr ähnlich – trotzdem war sie für das Filmteam „die einzige echte Anwärterin auf die Rolle“. Bild: AP

Der Unterstützung der noch lebenden Verwandtschaft Franklins konnte sich das „Respect“- Team sicher sein. Das Vertrauen sei auf beiden Seiten groß gewesen, sagt Tommy, wohl auch, weil zwei schwarze Frauen für das Erzählen der Geschichte verantwortlich waren: sie und Drehbuchautorin Tracey Scott Wilson. „Aretha war immer unglaublich authentisch, darum musste es der Film auch sein. Es war wichtig zu wissen, was es heißt, ein kleines schwarzes Mädchen gewesen zu sein, dem die Großmutter jeden Samstag die Haare machte.“ Es habe keine Fragen gegeben, die sie der Familie nicht stellen durften. Ihre Cousine Brenda, die Aretha Franklin 50 Jahre lang als Backgroundsängerin begleitete, stand dem Film als Beraterin zur Seite.

Franklin und ihr Werk haben nicht an Bedeutung verloren

„Respect“ thematisiert auch Franklins Rolle in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Ihr Vater zählte zu den Beratern und Wegbegleitern Martin Luther Kings und war 1963 einer der Mitorganisatoren des Walk to Freedom, der bis dahin größten Massendemonstration in den Vereinigten Staaten. Aretha Franklin sang bei Kings Beerdigung und setzte sich unter anderem für die Freiheit der inhaftierten Aktivistin Angela Davis ein. „Für mich war sie eine Superheldin – und eine Revolutionärin“, sagt Scott Bernstein. „Die Themen, über die sie in den sechziger Jahren sang und sprach, von Rassismus über Diskriminierung von Frauen bis zu gesellschaftlichem Hass, bestimmen heute noch unsere Welt. Ms. Franklin und ihr Werk haben kein bisschen an Bedeutung verloren.“

Für Jennifer Hudson ist klar, was Aretha Franklins größtes Vermächtnis ist. „Ihre Stimme und ihre Lieder waren es, womit sich Aretha ausdrückte. Sie war oft in sich gekehrt und nie sehr gesprächig. Wenn man sie kennenlernen, etwas über sie erfahren wollte, musste man ihr zuhören, wenn sie sang.“ Entsprechend groß war die Herausforderung für Hudson als Darstellerin, gerade auf der Bühne. „Während der langen Wochen der Vorbereitung wusste ich manchmal wirklich nicht mehr, wie ich vorgehen soll“, sagt sie mit etwas Abstand, mehr als ein Jahr nach dem Ende der Dreharbeiten.

„Ich erinnere mich noch, wie Ms. Franklin mich einmal fragte, wie ich sie denn nun spielen würde. Aber auf meine Gegenfrage, welche Wünsche sie denn an mich habe, bekam ich keine Antwort.“ Ihr sei klar gewesen: Sie wollte Aretha Franklin Respekt zollen, sich vor ihr verneigen – aber sie nicht imitieren. „Am Ende habe ich Wege gefunden, meine eigene Persönlichkeit zurückzuschrauben, weil ich in jeder Hinsicht lauter und expressiver bin, als es Aretha Franklin mit ihrer ruhigen, subtilen Art war.“ Dabei habe sie aber nie den Zugang zu ihren persönlichen Gefühlen verloren. „Die brauchte ich, um an ihre emotionale Wucht heranzukommen.“

Quelle: F.A.Z. Magazin
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