Matt Dillon im Interview

„Das war von Anfang an mehr als ein Job, eher eine Berufung“

Von Patrick Heidmann
08.08.2022
, 08:23
Matt Dillon beim Filmfestival in Locarno. Der Schauspieler wurde gerade mit einem Ehren-Leoparden für sein Lebenswerk ausgezeichnet.
Beim Filmfestival in Locarno wurde er gerade für sein Lebenswerk ausgezeichnet: Matt Dillon verrät im Interview, wie er durch Zufall vor der Kamera landete, welcher Regisseur ihn besonders geprägt hat – und wie oft er schon gefeuert wurde.
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In den 40 Jahren, die Matt Dillon nun schon als Schauspieler arbeitet, hat er die unterschiedlichsten Höhen und Tiefen durchgemacht. Mit Filmen wie „Die Outsider“ oder „Rumble Fish“ wurde er Anfang der Achtzigerjahre zum coolen Teenie-Idol, Später etablierte er sich mit „Drugstore Cowboy“, „Singles – Gemeinsam einsam“ oder „To Die For“ als ernsthafter Schauspieler mit Kult-Faktor. Er spielte in Erfolgskomödien wie „Verrückt nach Mary“ genauso mit wie im Oscar-Gewinner „L.A. Crash“, für den er selbst als Bester Nebendarsteller nominiert wurde. Zuletzt war der 58-jährige, der für seine Hörbuchfassung von Jack Kerouacs „Unterwegs“ auch für den Grammy nominiert war, unter anderem neben Eva Green und Lars Eidinger in „Proxima – Die Astronautin“ sowie in Til Schweigers geflopptem US-Remake von „Honig im Kopf“ zu sehen. Beim Filmfestival in Locarno wurde er gerade mit einem Ehren-Leoparden für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Auf deutschen Leinwänden kann man ihn ihm Herbst gleich zweimal bewundern: in Shirin Neshats „Land of Dreams“ (ab 3.11. im Kino) sowie in „Asteroid City“, dem neuen Film von Wes Anderson.

Mr. Dillon, beim Filmfestival in Locarno erhalten Sie in diesem Jahr einen Ehrenpreis für Ihr Lebenswerk. Fühlt man sich da plötzlich alt?

Na ja, tatsächlich war einer meiner ersten Gedanken, als ich von dem Preis erfuhr, tatsächlich: Moment mal, ich bin doch noch mittendrin in meinem Lebenswerk. Ich bin ja noch lange nicht fertig. Gleichzeitig habe ich mich natürlich auch gefreut, schließlich ist so etwas eine wundervolle Anerkennung. Und tatsächlich bin ich ja schon ziemlich lange dabei. Nach über 40 Jahren in diesem Job geht so eine Ehrung also vielleicht doch in Ordnung.

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Sie waren noch ein Teenager, als Sie Ende der 1970er-Jahre Ihren ersten Film gedreht haben. Wie erinnern Sie sich daran?

Wir drehten „Over the Edge Wut im Bauch“ damals in Greeley in Colorado, wo McDonald’s seine großen Schlachthäuser betreibt. Beeindruckt hat mich vor allem, welchen Menschen ich dort bei der Arbeit am Film begegnete. Ich lernte zum Beispiel einen Kulissenmaler kennen, der schon am „Zauberer von Oz“ mitgearbeitet hatte, 40 Jahre früher. Genauso gut hätte ich Mozart treffen können das war für mich jemand aus einer vollkommen anderen Zeit. Andere in unserer Crew hatten noch Western mit John Wayne gedreht. Und viele im Team waren das, was man in Hollywood „red diaper babies“ nannte.

Rotwindel-Babys?

Ja, so bezeichnete man Leute aus kommunistischen Familien. Oder besser gesagt: Kinder von Eltern, die sich in der kommunistischen Bewegung oder Partei engagiert hatten – und in der Filmbranche in den Fünfzigerjahren von Senator McCarthy verfolgt und auf die Schwarze Liste gesetzt wurden. Der Regisseur Jonathan Kaplan und der Drehbuchautor Tim Hunter hatten zum Beispiel beide Eltern, die damals nicht mehr arbeiten durften. Der Ehemann meiner ersten Schauspiellehrerin war ebenfalls betroffen. Das waren alles Leute, die lieber nicht arbeiteten, als ihre Ideale zu verraten. Diese Geschichten zu hören hat mich als Jugendlicher ziemlich beeindruckt.

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Wie schnell haben Sie damals geahnt, dass die Schauspielerei für Sie mehr werden könnte als ein Hobby für die Sommerferien?

Ich bin diesen Weg von Anfang an ganz alleine gegangen, meine Familie hatte keinerlei Verbindung zum Showgeschäft und mir ging es auch nie ums Rampenlicht oder so. Ich bin durch Zufall entdeckt worden und bekam diese erste Filmrolle, aber sobald ich das erste Mal vor der Kamera stand, fühlte sich das gleich richtig an. Es gab nicht diesen einen Moment, wo ich beschlossen habe, dass ich das auch beruflich machen will. Viel mehr kam mir einfach nie wieder in den Sinn, irgendetwas anderes tun zu wollen. Das war von Anfang an mehr als ein Job. Eher eine Berufung. Und definitiv eine große Leidenschaft.

Hatten Sie Vorbilder, denen Sie nacheiferten?

Natürlich die großen Drei: Marlon Brando, James Dean und Montgomery Clift. Die gelten nicht umsonst als die Begründer der modernen Filmschauspielerei, das Triumvirat schlechthin. Von denen und ihrem von innen herauskommendem Spiel haben sich Robert de Niro, Al Pacino oder Gene Hackman inspirieren lassen, und auch für mich waren sie es, die ich beobachtete und von denen ich lernte. Diese Authentizität, nach der wir seither alle streben, gab es vor ihnen in Hollywood nicht.

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Sie selbst drehten dann recht früh in Ihrer Karriere gleich zweimal mit dem großen Francis Ford Coppola gedreht. Was haben Sie von ihm gelernt?

„Die Outsider“ und „Rumble Fish“ haben wir damals direkt nacheinander gedreht, in Tulsa, Oklahoma. Aber Ihre Frage kann ich nicht mit einem Satz beantworten. Ich habe nicht nur eine Sache gelernt, sondern alles. Die Arbeit mit Francis an diesen beiden Filmen war für mich das Pendant zu einem College-Studium. Ich war damals 18 Jahre alt und habe so viele Erfahrungen gesammelt, die mich für immer geprägt haben, fürs Leben und als Schauspieler. Besonders viel Eindruck hinterlassen hat aber sicherlich seine scheinbar unerschöpfliche Leidenschaft fürs Filmemachen. Er hat jeden Tag den Eindruck vermittelt, dass alles möglich ist, was man sich vornimmt. Davon zehre ich heute noch.

Gab es später andere Regisseure, die ähnlich prägend waren?

Gus van Sant war auf jeden Fall wichtig für mich, mit dem ich „Drugstore Cowboy“ gedreht habe. Während ich Coppola auf ein Podest gestellt und verehrt habe, war die Arbeit mit Gus weniger ein distanziertes Bewundern als eine echte, enge Kollaboration quasi auf Augenhöhe. Ganz anders, aber gerade deswegen wichtig für mich. Auch Lars von Trier später bei „The House That Jack Built“ war jemand, der viel Eindruck bei mir hinterlassen hat. Selten habe ich eine so kreative Arbeitsatmosphäre erlebt. Und so viel Spaß beim Drehen gehabt. Wobei mich Lars auch ein paar Mal gefeuert hat.

Matt Dillon als Jack in „The House That Jack Built“. Regisseur Lars von Trier hat viel Eindruck bei ihm hinterlassen.
Matt Dillon als Jack in „The House That Jack Built“. Regisseur Lars von Trier hat viel Eindruck bei ihm hinterlassen. Bild: Zentropa - Christian Geisnaes

Im Ernst?

Nein, das war eher ein Running Gag. Immer, wenn ich nach einer Szene sagte: wow, das war richtig gut, kam von Lars: du bist gefeuert! So düster dieser Film damals war, so humorvoll war tatsächlich die Arbeit daran. Aber das Tollste an Lars ist: er liebt es, Regeln zu brechen. Nicht zuletzt die, die er selbst aufgestellt hat.

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Gibt es eine Rolle in Ihrer Karriere, die Sie gerne noch ein zweites Mal spielen würden?

Puh, gute Frage. Ich glaube, Charles Bukowski war auf jeden Fall die spannendste Figur, die ich je gespielt habe. Das war in dem Film „Factotum“ des norwegischen Regisseurs Bent Hamer. Ich war schon ein Fan von Bukowski als Schriftsteller, bevor ich ihn spielte, aber durch den Film habe ich ihn vor allem als Dichter zu schätzen gelernt. Und seine Menschlichkeit. Es gibt ja Leute, die ihm vorwerfen, sehr misogyn gewesen zu sein, aber das stimmt meiner Meinung nach nicht. Ich glaube, dass er die Frauen in seinem Leben sehr geliebt hat. Aber er war natürlich ein sehr schwieriger, emotional versehrter Mensch, der sich mit ebensolchen umgeben hat. Die zwischenmenschlichen Beziehungen in seinem Leben waren ziemlich kaputt, also hat er sie so auch in seinen Werken beschrieben.

Sie haben auch in Publikumshits wie „Verrückt nach Mary“ mitgespielt, doch die meisten Ihrer Filme sind bis heute eher komplexe und oft düstere Geschichten. War Ihnen kommerzieller Erfolg immer egal?

Das würde ich so nicht sagen. Natürlich ist Erfolg wichtig, schließlich ist die Filmbranche auch eine Industrie, und man braucht den Kommerz, um darin zu überleben. Und selbstverständlich will ich, dass die Leute meine Arbeit gerne sehen und davon gut unterhalten werden. Niemand sollte Filme nur für sich selbst drehen. Aber wenn ich mich für ein Projekt entscheide, dann ist das künstlerische Potential eben doch immer wichtiger als die Erfolgsaussichten.

Apropos Erfolg: in Locarno war noch einmal Ihr Regiedebüt „City of Ghosts“ zu sehen, den im Kino damals nicht allzu viele Menschen gesehen haben. Haben Sie deswegen seit 2002 keinen weiteren Spielfilm mehr inszeniert?

Nein, das hat damit nichts zu tun. Aber es ist nicht so, dass mir die Leute die Tür eingerannt sind und Drehbücher zum Verfilmen angeboten haben. Und noch einmal selbst komplett alleine ein Projekt zu entwickeln ist eine sehr langwierige Sache, das dauert viele Jahre. Doch ich bin sicher, dass ich noch mal einen Spielfilm inszenieren werde. Denn ich halte mich für einen guten Regisseur, und die Arbeit an „City of Ghosts“ damals war eine durch und durch gute Erfahrung. Als Nächstes werden Sie aber erst einmal einen Dokumentarfilm von mir sehen: „The Great Fellove“ über den famosen kubanischen Musiker Francisco Fellove Valdès. Daran habe ich alles in allem 20 Jahre gearbeitet, und wir wurden während der Corona-Pandemie endgültig damit fertig.

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Quelle: FAZ.NET
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