FAZ plus ArtikelEin Drama in drei Akten

Die Geschichte einer knapp gescheiterten Publikation

Von Timo Frasch
22.10.2021
, 09:51
In diese Reihe hätte sich unser Autor gerne eingereiht: Bücher, die auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2021 stehen.
Wer bin ich, ernsthaft zu glauben, ich könnte ein Theaterstück beim Suhrkamp-Verlag unterbringen?
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Eine von Annalena Baerbocks Begründungen, warum sie ein Buch geschrieben (oder wie auch immer verfertigt) habe, geht so: Sie habe während der Pandemie „auf einmal Zeit“ gehabt. So ging es mir auch. Ich wollte aber kein Buch schreiben wie Baerbocks „Jetzt“, auch kein klassisches Journalistenbuch („Quo vadis, Deutschland?“, „Mein München“), sondern eines, das aneckt, aufregt, aufrüttelt – und zugleich, wegen der Familie, nicht zu zeitaufwendig ist. Also: ein Drama. Es sollte zur demnächst beginnenden Buchmesse erscheinen. Mit der Idee dazu ging ich schon lange schwanger.

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Das kam so: Einmal im Jahr treffe ich mich mit Kumpels zum Skifahren. Abends auf der Hütte spielen wir immer „Wer bin ich?“ Man muss dabei Prominente durch Nachfragen erraten. Ich habe oft beobachtet, dass das Spiel Anlass für Konflikte und Ausgangspunkt hitziger Diskussionen sein kann. Es fängt schon an mit der Frage: Wen muss man kennen? Muss man den Philosophen Ludwig Wittgenstein kennen? Oder versucht der, der sich Wittgenstein aussucht, bloß seine vermeintlich überlegene Bildung gegenüber dem zu zeigen, der Wittgenstein erraten muss? Eine scheinbar harmlose Frage wie „Bin ich eine Künstlerin?“ kann, wenn die zu Erratende eine Schlagersängerin ist, zu interessanten Debatten über die Frage führen: „Was ist Kunst?“ Ist Fußball Kunst? Zumindest dann, wenn die handelnde Person Maradona heißt? Ist Fußball Unterhaltung? Wenn ja, sind Fußballspieler dann Unterhalter? Müsste man auf die Frage „Bin ich ein Unterhalter?“ im Fall Maradonas mit Ja antworten, oder wäre ein Nein angemessener, weil nach gängigem Verständnis hinter dem Begriff „Unterhalter“ dann doch keiner einen Fußballstar, sondern eher Thomas Gottschalk vermuten würde?

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Timo Frasch - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Timo Frasch
Politischer Korrespondent in München.
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