Helene Fischers neuer Song

Duett der Schulversager

Von Jörg Thomann
06.08.2021
, 15:09
Duettpartner Fischer und Fonsi. Zwischen ihnen: die Sprachbarriere
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Lange hat Helene Fischer nichts von sich hören lassen, nun ist sie zurück – mit einem Duett mit Luis Fonsi. Es ist ein Feuerwerk des unreinen Reims geworden.
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„Vamos a Marte“, machen wir uns auf zum Mars, heißt der neue Song von Helene Fischer. Als vor ein paar Tagen dessen Titel bekanntwurde, konnte man sich fragen, ob sie sich womöglich hatte beeindrucken lassen vom kosmischen Armdrücken der Milliardäre Musk, Bezos und Branson. Fischers Lied nämlich ist, wie könnte es anders sein, ein Liebeslied – und warum, um Sternenhimmels Willen, sollte ein Liebespaar sich nach dem Mars sehnen, wo es unwirtlich ist und kalt? Ginge es auf dem Liebesplaneten Venus nicht wesentlich heißer zu? Dass es sich bei ihrem Duettpartner um keinen der drei erwähnten Herren, sondern um den Latin-Pop-Sänger Luis Fonsi handeln würde, ließ die Mars-Metapher nicht schlüssiger werden.

An diesem Freitag nun ist Fischers neue Single veröffentlicht worden. Darauf eingestimmt hatte Fischer im Internet mit Videobotschaften, in denen sie andeutete, dass sie sich „verändert“ habe, und schließlich per Countdown: Auch in Sachen Selbstvermarktung, was in ihrem Fall ein gutes Maß an Geheimniskrämerei einschließt, ist Fischer ihrer nationalen Konkurrenz Lichtjahre voraus.

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Und wie ist nun das Lied? Ein internationaler Pop-Schlager, zweisprachig dargeboten in Deutsch und Spanisch, der sich mit eingängigem Beat recht forsch in den Gehörgang frisst. Gesanglich ist da nichts zu beanstanden, höchstens dass Fischers Stimme nicht zum ersten Mal so klingt, als würde sie vor lauter Ergriffenheit gleich in Schluchzen ausbrechen.

Noch höher hinaus

Dummerweise aber gibt es auch noch einen Text. Der Mars spielt darin erstaunlicherweise gar keine so große Rolle; er dient lediglich als Symbol dafür, dass Fischer dieses Mal noch höher hinaus möchte. Schon in ihrem Signature Song „Atemlos“ war sie, ganz schwindelfrei, „auf das höchste Dach dieser Welt“ geklettert; im Grunde wäre das der Himalaja, der in „Vamos a Marte“ sogar namentlich auftaucht. Nur ist diesmal die Welt eben nicht genug, der Mars muss es sein. Ganz profan an den Strand geht es aber auch noch.

© Youtube

Entscheidender aber ist der auf Spanisch dargebotene Satz: „Wir sprechen eine Sprache ohne Wörter“. Darum nämlich geht es hier vor allem – um Frau und Mann aus verschiedenen Kulturen und Sprachräumen, die sich nicht verstehen, doch trotzdem lieben. Ein klassisches Sujet, das schon die Beatles mit „Michelle“ oder Namika mit „Je Ne Parle Pas Francais“ aufgriffen – das aber heute, in Zeiten von Google Translate, kaum noch Sinn ergibt. Ein Latino und eine Deutsche, die sich einzig nonverbal verständigen können, nicht einmal in der Universalsprache Englisch – da müssten gleich zwei Schulsysteme versagt haben. Ad absurdum geführt wird das Szenario durch Fischer selbst, die irgendwann dann auch auf Spanisch trällert.

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Das ist dem Deutschen dann auch unbedingt vorzuziehen. Was Fischers Team hier abliefert, ist ein Feuerwerk an unreinen Reimen. „Marte“, „Sprache“ und „sagte“, „Sonne“ und „Kontrolle“, „Körper“ und „Wörter“, „Atmen“ und „Warten“: Mit beachtlicher Präzision wird hier jeglicher Gleichklang vermieden. Womöglich hat das damit zu tun, dass in den Credits gleich zwölf „Lyricists“ aufgeführt werden, einschließlich Fischer und Fonsi selbst. Da macht sich dann jeder seinen eigenen Reim.

Wirklich progressiv mutet auch die Rollenverteilung nicht an, bei der der Mann die Richtung vorgibt. Komm und folge mir, darf Fonsi singen, während Fischer „keine Wahl“ hat und die Kontrolle verliert. Aber so ist das nun mal bei Latin Lovers wie Luis Fonsi, der schon in seinem Welthit „Despacito“ die Kommandos gab. In der blumigen spanischen Sprache drückte er da der Geliebten seinen Stempel auf und ließ die Wellen des Meeres „Oh, Gesegneter!“ schreien. Derlei Extravaganzen hat man den Helene-Fischer-Fans im neuen Duett immerhin erspart.

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Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Thomann, Jörg
Jörg Thomann
Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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