Start-Up in Singapur

Aus 6652 Essstäbchen lässt sich ein Schneidebrett fertigen

Von Christoph Hein, Singapur
15.06.2021
, 18:18
Täglich werden millionenfach Essstäbchen verwendet und danach weggeschmissen. Das in Kanada gegründete Unternehmen ChopValue widmet sich der Wiederaufbereitung der Holzstäbchen und expandiert nun in Singapur.

So stellt man sich ein Start-up vor. Ein schlichter Raum in einem der Industrievorstädte Singapurs, hinter der nächsten Tür ein Sargbauer, ein Stück weiter ein Händler für Klimaanlagen. Mittendrin die unscheinbare Tür, ein paar Holzstufen zum Obergeschoss und dort ein riesiger, uralter Billardtisch. „Den haben unsere Vormieter einfach stehen gelassen“, sagt Evelyn Hew. Aber sie wäre nicht Gründerin, hätten sie und ihr Team sich das braun-rote Monstrum nicht zunutze gemacht: Holzplatten bedecken es nun und machen es zu einem riesigen Tisch.

Flexibel ist das Trio mit Hew in seinem Zentrum. In nur vier Monaten ziehen sie ein Unternehmen in Franchise-Art hoch, das einen der großen, ungenutzten Rohstoffe Asiens heben soll: Hölzerne Essstäbchen, dreimal am Tag von Milliarden Menschen genutzt, werden gesammelt, gereinigt, und dann unter Druck zu Holzplatten verleimt. Aus 6652 Stäbchen lässt sich ein Schneidebrett fertigen. Man kann Möbel und Regale bauen oder die Platten als Hausverkleidung an Bauunternehmen und Architekten verkaufen. Das Prinzip hat sich der deutsche Felix Böck ausgedacht, der sein eigenes Unternehmen ChopValue im kanadischen Vancouver aufgezogen hat. Er will Geld verdienen, aber damit auch die Welt verbessern. Bis Ende des kommenden Jahres sollen an knapp hundert Standorten rund um die Welt schon mehr als tausend Menschen arbeiten. Gut 1,5 Milliarden Essstäbchen würden dann zu wiederverwertetem Holz, heißt es. Bislang hat Böck knapp 34 Millionen Essstäbchen ein neues Leben verliehen.

Ein Inselstaat, der sich neu erfindet

„Felix ist total schnell“, sagt Hew. Ihr Mann Justin Lee hatte das kanadische Start-up auf Facebook entdeckt: „Wir haben am 26. Februar geschrieben, am 27. waren wir mit Felix im Gespräch.“ Die Chemie habe von Beginn an gestimmt. „Er tickt so wie wir“, sagt Hew. Die Mutter von drei Kinder sagt, sie sei mindestens so wagemutig wie ihr Mann. Der strebte nach einer Zeit als Audi-Verkäufer und dem gewinnträchtigen Verkauf einer Immobilie in die Selbständigkeit.

Das Paar hat Burger-Restaurants eröffnet, Autos vermietet, ist dann aber auf die neue Welle der Zukunftsstadt eingeschwenkt: Mit ihrem Unternehmen Smart City Solutions lassen sie im Inselstaat, der sich gerade als saubere, umweltfreundliche Asien-Metropole neu erfindet, Sensoren an Mülleimern und Containern installieren, die anzeigen, wie voll diese sind. „Das spart die täglichen Runden der Müllwagen“, sagt Lee. Auch lassen sie Drohnen durch die großen Abwasserkanäle fliegen, um deren Verstopfung zu prüfen. Bislang machen sie mit ihren sechs kleinen Unternehmen einen Jahresumsatz von rund 2 Millionen Singapur-Dollar (umgerechnet etwa 1,24 Millionen Euro)

„Wir wollten noch weiter in den Sektor der Wiederverwertung vordringen“, sagt Hsu Hui En. Sie unterstützt das Gründerduo als Strategin für ChopValue in der Stadt mit ihren 5,7 Millionen Einwohnern: „Uns liegt daran, die ,nach-Iphone-Zeit‘ vorzubereiten: Das Digitale ist vorhanden, wir müssen aber mit unseren Rohstoffen haushalten und sie wiederverwerten.“ Das Potential sei riesig, sagt Hew. Gut 75 Prozent der Singapurer sind chinesischstämmig, aber auch japanisches und thailändisches Essen werden in der Regel mit Essstäbchen serviert. „Wir schätzen, dass mehr als 80 Prozent der in der Stadt servierten Essen asiatischen Ursprungs sind“, sagt Hew: „Mindestens die Hälfte der dabei verwendeten Stäbchen sind aus Holz.“ Zum Vergleich: In China verbrauchen die Menschen bei jedem Mittagessen rund 130 Millionen Essstäbchen – und das Tag für Tag. In Böcks Heimatstadt Vancouver, wo er die Idee seiner Partnerin vor vier Jahren umzusetzen begann, sammelt ChopValue inzwischen Woche für Woche 350.000 gebrauchte Stäbchen ein.

Kostenlose Bierglas-Untersetzer

In Singapur will das weltweit erste Franchiseunternehmen der Kanadier rund zwölf Millionen Stäbchen im Jahr bekommen – hundert Tonnen Holz in drei Jahren, die nicht in der Müllverbrennungsanlage landen. „Unsere Investitionen liegen bei rund 75.000 Singapur-Dollar“, sagt der 40 Jahre alte Lee: „Wir brauchen keine allzu großen Maschinen. Und vor allem ist unser Rohstoff ja nahezu kostenlos.“ Verkauft werden soll das neue alte Holz dann zum selben Preis, den auch geschlagenes Holz kostet. Deshalb hätten sie zwar nichts gegen Geldgeber von außen, angewiesen aber seien sie nicht auf sie.

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Ein „sehr, sehr günstiger“ Vertrag mit dem Singapurer Abfallentsorger Sembcorp soll die Stäbchen-Versorgungs-Pipeline aus 300 bis 400 Restaurants und von Imbissständen sichern. „Wir arbeiten schon daran, ein System zum Einsammeln der Stäbchen von privaten Haushalten aufzubauen“, sagt Lee. Denkbar sei, Sammler von einer bestimmten Menge weitergeleiteter Stäbchen an mit einem kostenlosen Bierglas-Untersetzer aus dem Stäbchen-Holz zu belohnen.

Sind die Stäbchen, meist aus Bambus, manchmal auch aus Birke oder Esche, bei ChopValue angekommen, werden sie in einer „Micro-Fabrik“, die Böck zusammengestellt hat, weiter verarbeitet. Böck will rund um die Erde ein Netz aus diesen Kleinfabriken hochziehen, um seine Idee über das Franchisesystem zu lokalisieren. So entfallen hohe Transportkosten. Noch in diesem Jahr solle Europa folgen, wahrscheinlich mit einem Franchiseunternehmen in Deutschland, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. Während des Aufarbeitungsprozesses werden die Sticks in einer wasserbasierten Harz-Lösung gebadet, zur Reinigung mit 200 Grad über fünf Stunden lang erhitzt und dann zu Platten gepresst, die geschnitten und geschliffen werden können. „Die fertigen Blöcke sind stärker als Eiche, härter als Ahorn und so langlebig wie Teakholz“, sagt Lee. Auch ergeben sich so faszinierende Muster. Das Holz kann von Privatleuten genutzt werden. Aber zahlreiche Restaurants, die ihre Stäbchen einliefern, schmücken sich dann später mit dem wiedergewonnenen Holz.

Auch Design-Vorschläge kommen von Böck aus Kanada zu den Franchisenehmern im fernen Asien. „Wir arbeiten aber auch an eigenen Designs, die dann auf Asiaten ausgerichtet sind“, sagt Hew: „Domino-Spiele laufen hier beispielsweise sicher nicht allzu gut. Aber wir könnten ein Mahjong-Spiel aus wieder verwerteten Stäbchen entwickeln.“ Die kleine Fabrik soll im Dezember ihre Arbeit mit sieben Leuten aufnehmen. Schon jetzt streckt das Trio seine Fühler aber auch in Märkte wie das benachbarte Malaysia, nach Thailand und bis Australien aus. „Noch haben wir uns hier keine Lizenzen gesichert. Aber die Möglichkeiten in Asien sind ja fast unbegrenzt“, sagt Hew. Schon jetzt denkt das Trio darüber nach, auch andere Rohstoffe – wie etwa Plastiktüten oder Kokosnüsse – wiederzuverwerten. „Um dieses Thema wollen wir unser Geschäft in Zukunft aufbauen“, gibt Hew die Richtung vor. Hinter ihrem Schreibtisch mit den vielen Computerbildschirmen steht ein golden ausgeleuchteter Buddha-Schrein. Er wacht über das Vorankommen der jungen Gründer.

Quelle: F.A.Z.
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Christoph Hein
Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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