Instagram-Nutzer im Schnee

In Winterberg schneit es Likes

Von Julia Anton
04.01.2021
, 18:25
Der Ansturm auf die Bergregionen lässt sich auch auf Instagram beobachten: Trotz Appellen, nicht dorthin zu fahren, posieren etwa unter dem Hashtag „#Winterberg“ Influencer und zahlreiche andere Nutzer im Schnee.

Influencer und Fans, die ihnen nacheifern, haben’s nicht leicht. An vielen Orten sind sie nicht erwünscht. In Lavendel- und Mohnfeldern zum Beispiel – weil sie dort Pflanzen platt treten. Oder in den herrlichen Naturpools des Berchtesgadener Nationalsparks – weil der Aufstieg gefährlich ist. Auch nicht in Gedenkstätten – weil sich Posieren dort einfach nicht gehört. Wegen der Corona-Maßnahmen gibt es seit ein paar Tagen nun einen weiteren Punkt auf dieser Liste: verschneite Bergregionen wie den Taunus mit dem Großen Feldberg oder das Sauerland mit dem Wintersportort Winterberg.

Ausgerechnet! Dabei lassen sich auf den verschneiten Wegen und schönen Pisten doch hervorragende Bilder für den Instagram-Feed produzieren. Likes sind garantiert, schließlich sitzen die Deutschen zu Hause und starren durchs Fenster auf graue Gehwege. Oder besser gesagt: Das sollten sie. Doch der Ansturm auf die Bergregionen am Wochenende lässt sich auch auf Instagram und Tiktok beobachten. Unter der Ortsmarke und dem Hashtag Winterberg finden sich zahllose Fotos und Videos von Influencern und denen, die es mal werden wollen: jungen Menschen, die mit ihren Bommelmützen posieren, als stünden sie auf einem Laufsteg.

Dass die Bergregionen wegen der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Beschränkungen dazu aufgerufen haben, nicht zu kommen, und die Stadt Winterberg angesichts des Ansturms am Sonntag sogar ein Betretungsverbot verhängt hat – davon ist auf den Plattformen nichts zu spüren. Stattdessen postet manch einer fröhlich Videos von der Autofahrt durch die schneebedeckte Gegend: „Ab nach Winterberg“.

„Den Egoismus hinten anstellen“

Nun sind es mit Sicherheit nicht die Influencer und ihre Fans allein, die den Ausflugsverkehr in die Höhe treiben. Zahlenmäßig lässt sich das Ausmaß ohnehin schwer fassen: Nicht jedes der mehr als 213.000 mit „#Winterberg“ markierten Fotos auf Instagram muss aktuell oder tatsächlich dort aufgenommen worden sein. Doch jedes Schnee-Bild provoziert Nachahmer – zu sehen etwa bei Influencerin Gerda Lewis (998.000 Abonnenten), die sich im Netz darüber freut, dass das Foto von ihr in einem im Schnee stehenden Auto von ihren Fans nachgestellt wird – und die darüber nachdenkt, dazu eine „Challenge“ zu veranstalten.

Das stieß bei Moderator Oliver Pocher (1,9 Millionen Abonnenten) auf Unverständnis. Wer in diesen Tagen für Fotos in die Berge fahre oder gar nach Dubai fliege (ebenfalls gerade ein beliebter Influencer-Trend), sollte sich „nochmal ein paar Monate zurückhalten und seinen Egoismus hinten anstellen“. Wer es doch nicht lassen könne, solle wenigstens keine Fotos davon ins Netz stellen und „alle für doof verkaufen, die sich an die Regeln halten“.

Inzwischen sind unter den Winterberg-Fotos auch kritische Kommentare zu lesen. Darin weisen einige Nutzer andere auf die Corona-Maßnahmen und ihre Vorbildfunktion hin. Ein Einsehen gibt es eher selten: „Als ich da war, war wirklich nichts los“, heißt es dann zum Beispiel. Auch Gerda Lewis rechtfertigt sich: Sie habe ihr Foto in einem abgelegenen Waldstück aufgenommen und nicht gegen Corona-Regeln verstoßen. „Muss man jetzt unter jedes Foto schreiben: ,Vorsicht, nicht nachmachen‘?“

Der Grat ist schmal. Fest steht: Dass ihre Follower ihnen auch im echten Leben buchstäblich folgen – sei es in den Klamottenladen, das Café oder den Freizeitpark –, ist das Geschäftsmodell von Influencern. Und für ein Foto, das viele Likes bringt, werden von vielen Instagram-Nutzern bereitwillig Risiken in Kauf genommen und Regeln ignoriert. Dafür ist „#Winterberg“ ein schneeweißes Beispiel.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Anton, Julia
Julia Anton
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET
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