Jessica Chastain über „The 355“

„Um mangelnde Weiblichkeit habe ich mir keine Sorgen gemacht“

Von Patrick Heidmann
12.01.2022
, 10:33
Drei der fünf Hauptdarstellerinnen: Diane Kruger, Jessica Chastain und Lupita Nyong'o in „The 355“.
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Sie ist eine der fünf Hauptdarstellerinnen und Produzentin von „The 355“: Jessica Chastain über die ungewöhnliche Umsetzung des Agentenfilms, Fluch und Segen von harter Arbeit, und warum sie kein strenger Boss ist.
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Fleißig ist Jessica Chastain schon immer gewesen: rund 25 Filme (darunter „The Tree of Life“, „The Help“, „Zero Dark Thirty“ oder „Interstellar“) allein in den ersten zwölf Jahren ihrer Karriere sind mehr als beachtlich. Aktuell ist die 44 Jahre alte Kalifornierin, die nach ihrem Schauspielstudium in New York zunächst Theater- und kleine TV-Rollen übernahm, noch präsenter als sonst. Kürzlich spielte sie die weibliche Hauptrolle im Fünfteiler „Scenes From a Marriage“ (zu sehen bei Sky). Für das Drama „The Eyes of Tammy Faye“ (in Deutschland bislang nicht zu sehen) ist sie unter anderem für einen Golden Globe nominiert. Und nun wirkt die zweifache Mutter auch noch als Produzentin und eine von fünf Hauptdarstellerinnen bei dem Actionfilm „The 355“ mit, zu dem wir ein Video-Interview mit ihr führten.

Frau Chastain, die Idee zu Ihrem neuen Film „The 355“ stammt nicht nur von Ihnen, Sie haben ihn auch selbst mit Ihrer eigenen Produktionsfirma und gemeinsam mit den beteiligten Kolleginnen umgesetzt. Womit nahm das Projekt seinen Ursprung?

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Ich war 2017 Mitglied der Jury beim Filmfestival in Cannes, wo jedes Jahr Produktionsfirmen mit Plakaten für ihre kommenden Filme werben. Viele davon sind typische Actionfilme, oft mit vielen prominenten Gesichtern, aber mir fiel auf, dass da immer nur Männer zu sehen waren. Mit meiner Agentin unterhielt ich mich darüber, warum nie jemand solche Geschichten mit Frauen erzählt: Denn seit meiner Geheimdienst-Recherche im Rahmen von „Zero Dark Thirty“ weiß ich, dass Frauen durchaus schon sehr lange eine wichtige Rolle im Bereich der Spionage spielen.

Höchste Zeit also, daran etwas zu ändern.

Das habe ich mir auch gedacht. Und ich wollte dabei die Zügel in der Hand halten. Also fasste ich den Entschluss, eine Geschichte für verschiedene internationale Schauspielerinnen zu finden, mit denen ich das Projekt gemeinsam stemmen, in die ganze Welt verkaufen und erst dann drehen würde. Ich machte eine Liste mit meinen Wunschkolleginnen, die ich dann abtelefonierte und nach Ideen für Rollen befragte, außerdem holte ich mit dem Regisseur Simon Kinberg einen guten Freund ins Team. Ein Jahr, nachdem ich die erste Idee für „The 355“ hatte, waren wir alle zusammen wieder in Cannes und fanden in kürzester Zeit jede Menge internationaler Verleiher.

Kein gewöhnliches Vorgehen. Warum war es Ihnen so wichtig, den Film selbst zu verkaufen?

Normalerweise findet man für einen solchen Film ein Hollywoodstudio und setzt ihn dann innerhalb deren Systems um. Das kann wunderbar funktionieren, ist aber auch nicht unkompliziert, weil da doch sehr viele Personen beteiligt sind. Und es dauert oft ziemlich lange, bis ein Film wirklich gedreht wird. Bei „The 355“ ging es dagegen sehr schnell. Einfach weil wir nur ein kleines Grüppchen von Leuten waren, die das Sagen hatten – und denen der Film nun auch gehört. Dadurch, dass alle Rechte bei uns lagen, konnten wir selbst entscheiden, was wo mit „The 355“ geschieht.

Die US-Schauspielerin Jessica Chastain bei der Vorführung des Spielfilms "The Eyes Of Tammy Faye" beim 69. San Sebastian International Film Festival in San Sebastian, Spanien.
Die US-Schauspielerin Jessica Chastain bei der Vorführung des Spielfilms "The Eyes Of Tammy Faye" beim 69. San Sebastian International Film Festival in San Sebastian, Spanien. Bild: REUTERS

An der Spitze standen Sie mit Ihrer Firma Freckle Films. Wie sind Sie in Ihrer Rolle als Boss?

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Ich bin auf jeden Fall ziemlich gut darin, meine Leute zu motivieren: Wir können das alles schaffen, lasst uns am gleichen Strang ziehen, glaubt an Euch – so etwas zu vermitteln ist mein Ding. Vorschriften zu machen ist dagegen nicht so richtig meine Stärke. Streng und hart sein, das ist der Aspekt des Chefseins, den ich sehr gerne meiner Produktionspartnerin Kelly Carmichael überlasse. Im Zweifelsfall haben wir da eine „Guter Bulle, schlechter Bulle“-Dynamik, die für uns ziemlich gut funktioniert.

Auf jeden Fall waren Sie es, die das Ensemble ausgesucht hat. Diane Kruger stieß ein wenig später dazu, als Ersatz für Marion Cotillard. Warum haben Sie sich für sie entschieden?

Auch da gibt es einen Zusammenhang zum Festival in Cannes 2017, als ich in der Jury saß. Denn da lief Fatih Akins „Aus dem Nichts“, wofür wir Diane den Preis als beste Schauspielerin gaben. Sie hat mich umgehauen in dem Film, deswegen stand sie weit oben auf meiner Wunschliste. Und bei der Arbeit hat sie mich dann noch mehr verblüfft. Nicht nur mit ihrer Kraft, als wir miteinander kämpfen mussten. Sondern zum Beispiel auch damit, dass sie einen Motorradführerschein hat und sich ohne mit der Wimper zu zucken für den Film auf eine Maschine gesetzt hat.

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Der Film spielt natürlich auch ein wenig mit nationalen Unterschieden und den damit einhergehenden Klischees zwischen den Frauen. Was ist eigentlich das Amerikanischste an Ihnen?

Ich habe auf jeden Fall sehr diesen Gedanken verinnerlicht, dass jeder unabhängig von seiner Herkunft etwas aus seinem Leben machen und zu Erfolg bringen kann. Diese Vorstellung ist sehr amerikanisch, und ich weiß, dass in anderen Ländern nicht immer daran geglaubt wird. Dort sind die Klassensysteme weniger durchlässig und es gibt Leitsätze wie: Schuster, bleib bei deinen Leisten. Aber es ist wirklich meine Überzeugung, dass man es in den USA mit harter Arbeit von nichts nach ganz oben schaffen kann.

© Youtube

Wobei auch dort nicht für alle die gleichen Spielregeln gelten.

Das stimmt, keine Frage. Ich spreche in diesem Fall natürlich nicht zuletzt von eigenen Erfahrungen. Es ist nichts, was ich häufig thematisiere, aber ich selbst stamme aus sehr bescheidenen Verhältnissen. Aber ich habe verdammt hart gearbeitet. Ich bin fast ein bisschen manisch, was harte Arbeit angeht. Und lebe damit den amerikanischen Traum.

Wird so ein Arbeitsethos nicht irgendwann zur Belastung?

Bis vor kurzem hätte ich das vermutlich bestritten, aber inzwischen gebe ich Ihnen Recht. Kürzlich meldete sich mein Körper, um mich daran zu erinnern, dass es auch so etwas wie zu viel Arbeit gibt. Ich hatte fünf Wochen Proben in New York, für eine Miniserie mit Michael Shannon über die Country-Stars George Jones und Tammy Wynette, danach ging es weiter nach Nashville, wo wir die Songs für das Projekt aufnahmen. Anfangs hatte ich nur starke Schulterschmerzen, irgendwann tat mein ganzer Rücken weh. Anders als sonst half Akupunktur nicht. Und irgendwann dämmerte mir, dass mein Körper wohl mit meinem Arbeitspensum einfach nicht hinterherkam. Also habe ich mir dann für die Thanksgiving-Ferien eine Woche zuhause im Bett verordnet und habe kaum etwas anderes gemacht, als Filme zu gucken.

Um nochmal den Bogen zurück zu „The 355“ zu schlagen: Sie wollten einen Action-Film mit Frauen drehen – warum haben Sie einen männlichen Regisseur gewählt?

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Warum denn nicht? Ich liebe es, mit Regisseurinnen zu arbeiten, aber mir ging es bei „The 355“ nie um eine Ausschließlichkeit. Wir sind fünf Hauptdarstellerinnen und zwei Produzentinnen gewesen, das Drehbuch stammte auch von einer Frau. Um mangelnde Weiblichkeit habe ich mir bei diesem Film also keine Sorgen gemacht. Und deswegen war ich auch überzeugt, dass ein Mann auf dem Regiestuhl daran nichts ändern würde. Zumal einer wie Simon Kinberg, der ein guter Freund von mir ist und genau wusste, worauf es hier ankam.

Hoffen Sie eigentlich, dass am Ende aus dem Film eine ganze Reihe wie etwa „Mission: Impossible“ werden könnte?

Ich hätte nichts gegen weitere Filme, aber in der gleichen Liga wie „Mission: Impossible“ mit Tom Cruise und seinen Hubschrauber-Stunts spielen wir natürlich schon aus Budget-Gründen nicht. Aber apropos: Tom kam uns am Set besuchen, was sehr süß von ihm war. Und vor allem total passend, weil ich beim Spielen dieser Rolle ständig an ihn denken musste. Er hat ja in seinen Actionfilmen eine ganz spezielle Art zu rennen und zu springen – und die habe ich mir für „The 355“ zum Vorbild genommen. Ich habe bei meinen Stunts immer versucht, meine Arme und Beine so cool zu schleudern wie er das macht.

Quelle: FAZ.NET
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