Liam Neeson im Gespräch

„Ich find’s noch immer Klasse, mit Stuntmännern Kampfszenen zu trainieren“

Von Patrick Heidmann
16.10.2021
, 14:16
In Irland geboren: Schauspieler Liam Neeson (hier bei einer Filmpremiere 2019)
Liam Neeson wird demnächst 70 Jahre alt und dreht noch einen Actionfilm nach dem anderen. Im Interview erzählt er von seinem neuen Film „The Ice Road“ und weshalb er Gruppen von mehr als acht Menschen als unerträglich empfindet.
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Mister Neeson, seit 2008 „96 Hours“ ein riesiger Kinohit wurde, drehen Sie immer wieder ähnlich gelagerte Actionfilme – und drohen auch immer wieder damit, solche körperlich anspruchsvollen Rollen bald sein zu lassen. Was braucht also ein Film wie nun „The Ice Road“, damit Sie doch noch einmal zusagen?

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Das liegt ganz einfach am das Drehbuch, das muss mich irgendwie interessieren. In diesem Fall nahm der Regisseur und Autor Jonathan Hensleigh Kontakt zu mir auf und berichtete, dass er sich zu „The Ice Road“ von dem französischen Film „Lohn der Angst“ von 1953 hat inspirieren lassen. Den mag ich sehr, deswegen war ich sofort hellhörig. William Friedkin hatte 1977 in den USA bereits ein Remake mit Roy Scheider gedreht, unter dem Titel „Atemlos vor Angst“. Auch ein guter Film! Und Jonathans Drehbuch überzeugte mich nun tatsächlich auch sehr, gerade weil er meiner Figur eine interessante Beziehung zu seinem Bruder verpasste, der an einer Aphasie, einer Sprachstörung, leidet.

Sind Sie es manchmal Leid, dass ausgerechnet solche Actionrollen inzwischen zu Ihrem Markenzeichen geworden sind?

Ich habe eigentlich nicht das Gefühl, dass ich da in irgendeiner Schublade feststecke. Schließlich kann ich genug wunderbare andere Filme drehen, ein paar Mal beispielsweise mit Martin Scorsese. Oder „Ordinary Love“, einen ganz tollen Film, für den ich vor ein paar Jahren mit Lesley Manville in meiner alten Heimat Belfast vor der Kamera stand. Aber ganz ehrlich: Ich habe auch Freude daran, dass ich auf meine alten Tage noch Actionszenen drehen darf. Ich war 55 Jahre alt, als ich „96 Hours“ drehte und Hollywood mich plötzlich in einem ganz neuen Licht sah. Eine spannende Erfahrung. Vieles, was mir dann angeboten wurde, war ziemlich schlecht, da habe ich dann immer abgewunken. Und die Angebote werden auch weniger, schließlich werde ich nächstes Jahr 70! Trotzdem finde ich es immer noch richtig Klasse, mit einer Gruppe von Stuntmännern Kampfszenen und Choreografien zu trainieren.

Sind Sie denn auch privat jemand, der körperlichen Betätigungen etwas abgewinnen kann? Oder sitzen Sie lieber auf dem Sofa und lesen ein Buch?

Ich mache beides gerne. Wenn ich Filme wie „The Ice Road“ drehe, ist es irgendwie meine Pflicht, auch einigermaßen in Form zu sein. Das nehme ich auch ernst. Wobei mein Anspruch natürlich nicht ist, auszusehen wie Arnold Schwarzenegger mit 35. Aber ich habe mein kleines Fitnessprogramm und trainiere jeden Tag eine halbe Stunde, manchmal auch 40 Minuten. Das tut mir schließlich auch sonst gut, denn jeder Filmdreh ist anstrengend, selbst wenn gar keine Action angesagt ist. Und ich muss dafür nicht einmal aus dem Haus, weil ich mein privates Fitnessstudio im Schlafzimmer habe, mit Standrad, Hanteln und ähnlichem.

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Sie wirken nicht annähernd so wortkarg und knurrig wie viele der Männer, die Sie spielen. Täuscht der Eindruck oder haben Sie mit diesen Einzelgängern letztlich kaum etwas gemeinsam?

Da müssten Sie vielleicht eher andere fragen. Ich bin schon ganz gerne alleine, das kann ich nicht leugnen. In Bars und Kneipen oder auf Partys hänge ich sowieso nicht rum, weil ich nicht trinke. Was übrigens immer wieder Menschen irritiert, weil dem blöden Klischee nach Iren ja immer saufen. Aber langer Rede, kurzer Sinn: ich habe nicht prinzipiell etwas gegen die Gesellschaft anderer Menschen. Muss aber nicht immer sein – und ab einer Gruppengröße von mehr als acht Menschen wird es mir oft zu viel.

Frostige Stimmung: Liam Neeson (rechts) im Actionfilm „The Ice Road“
Frostige Stimmung: Liam Neeson (rechts) im Actionfilm „The Ice Road“ Bild: AP

Apropos Irland, ist das vom Gefühl her noch Ihr Zuhause?

Es ist auf jeden Fall meine Heimat. Aber ich lebe schon lange nicht mehr dort, sondern in New York. Und seit November 2019 war ich durch die Corona-Pandemie und zuletzt viel Arbeit auch nicht mehr dort. Selbst als im vergangenen Jahr meine Mutter mit 94 Jahren und nach einem erfüllten Leben starb, konnte ich nicht rüberfliegen. Ihre Beerdigung am Computerbildschirm verfolgen zu müssen, war kein schönes Gefühl. Aber diese Tragödie teile ich mit vielen Menschen. Allein in den USA starben ja mehr als 600.000 Menschen an diesem verfluchten Virus, und viele von ihnen waren mutterseelenallein, weil niemand bei ihnen sein konnte und durfte. Deswegen bin ich so dankbar, dass es inzwischen Impfungen gibt und Wissenschaftler rund um die Uhr damit beschäftigt sind, noch mehr für unsere Sicherheit und Gesundheit zu tun.

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Sie haben vorhin den Bruder erwähnt, den Sie in „The Ice Road“ haben. In Wirklichkeit waren Sie dagegen der einzige Junge in der Familie und haben drei Schwestern, nicht wahr?

Das stimmt, und ich habe eine recht enge Beziehung zu ihnen. Allerdings hat die sich erst entwickelt, als wir alle erwachsen waren und nicht mehr zuhause lebten. In unserer Jugend war dafür irgendwie kein Platz – das ist ganz wörtlich gemeint. Wir waren als Familie eher arm und lebten recht beengt in einer Sozialwohnung. Da war man froh, wenn man überhaupt mal ein bisschen Raum für sich alleine hatte und wusste, wann man das Bad benutzen kann.

Heutzutage hört man gerade in Großbritannien häufig, dass die Schauspielerei mehr und mehr zu einem Beruf für Kinder aus sozial besser gestellten Familien werde, weil sich alles um Ausbildungen an teuren Eliteschulen dreht. Stimmen Sie dem zu?

Ehrlich gesagt habe ich von dieser Diskussion gar nichts mitbekommen. Für meinen Teil habe ich die Schauspielerei nie als elitäre Angelegenheit empfunden, aber das mag an meinen persönlichen Erfahrungen liegen. Seit ich 17 Jahre alt war, stand ich auf der Bühne, anfangs vor allem bei Laien-Inszenierungen. Eine Schauspielschule konnte ich mir tatsächlich nie leisten, aber das hat mich nie abgeschreckt. Und auch später habe ich immer wieder fantastische Kolleginnen und Kollegen erlebt, die der Arbeiterklasse entstammen, in Shakespeare-Stücken am Theater genauso wie beim Film. Aber wie gesagt: ich kenne da keine Zahlen oder Erhebungen.

Sie selbst arbeiten seit bald 50 Jahren eigentlich unermüdlich. Allein in den letzten zwölf Monaten haben Sie drei Filme gedreht, darunter in Berlin den Thriller „Retribution“. Sind Sie ohne Arbeit unglücklich?

Vergangenes Jahr saß ich gezwungenermaßen ein halbes Jahr zuhause und war vielleicht nicht glücklich, aber doch sehr zufrieden. Die Decke fiel mir zumindest nicht auf den Kopf. Aber es stimmt schon, ich arbeite gerne. Ich mag die Atmosphäre an Filmsets und bin immer wieder fasziniert, was für eigenwillige Menschen so eine Crew ausmachen. Mir ist es aber auch wichtig zu betonen, dass ich weiß, wie viel Glück ich immer hatte. Ganz allgemein, aber natürlich auch besonders während der Pandemie. Ich kenne viele tolle Kolleginnen und Kollegen, gerade in der Londoner Theaterszene, die anderthalb Jahre keine Jobs hatten. Ich weiß also meine privilegierte Situation sehr zu schätzen, selbst wenn ich weiß, dass ich auch meines eigenen Glückes Schmied war und zum Beispiel immer gezielt nach Arbeit gesucht habe. Deswegen bin ich im Laufe der Jahre ja von Belfast nach Dublin, dann nach London und weiter nach Los Angeles und schließlich nach New York gezogen.

Quelle: FAZ.NET
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