Mr. Bean wird 30

Traditionalist und Neuschöpfer zugleich

Von Johanna Christner
28.10.2021
, 08:09
Mr. Bean Schauspieler Rowan Atkinson am Bondi Beach in Sydney im März 2007.
Seit 30 Jahren ist Mr. Bean in Deutschland, und das Lachen vergeht uns einfach nicht. Wie konnte dieses erwachsene Kind in Schlips und Anzug zu einem so lange anhaltenden Erfolg werden?
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Einen kurzen Kuss drückt Nigel Dixon seinem Teddybären noch zwischen die zwei Knopfaugen, bevor er ihn auf seinem Oberschenkel ablegt und zu musizieren beginnt: Aus Putzeimer, Wischmob und Kleiderbügel hat er ein Konstrukt gebaut, das dem chinesischen Instrument Erhu nachempfunden ist, und wiegt seinen Oberkörper im Takt der Musik. Eigentlich war der Brite Anfang 2020 nach Wuhan gekommen, um mit Freunden das chinesische Neujahr zu feiern und nicht, um Videos für die Plattform Douyin zu drehen. Dann aber wurde er mit seinen Filmen im ersten Lockdown berühmt. Allein auf der chinesischen Version von Twitter verfolgen mehr als 460 Millionen Menschen, wie Nigel Dixon die Pfoten seines Teddys unter dem Wasserhahn wäscht, wie er sich in chinesische Trachten wirft oder die „mutige“ Regierung Chinas für ihre Corona-Maßnahmen lobt. Denn kritische Worte hört man bei Dixon nicht. Er und sein Teddybär sind daher ungefährlicher für den chinesischen Staat als Disneys Bär Winnie the Pooh, der wiederholt der Zensur zum Opfer fiel, nachdem Staatspräsident Xi Jinping im Internet mit dem dickbauchigen Honigliebhaber verglichen wurde.

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Dixon schmückt sich – im grauen Tweed-Jackett, mit dunkler Anzughose und weinroter Krawatte – auch mit fremden Federn: Seit mehr als 20 Jahren tritt er als Doppelgänger von „Mr. Bean“ auf, als „Wanna-Bean“. Sogar als Kopie feiert die Kultfigur noch Erfolge. Das Original begeht in diesem Jahr sein dreißigstes Jubiläum in Deutschland. Am 1. Januar 1990 erschien die erste Folge der Comedyserie im britischen Fernsehen. In Deutschland strahlte der SWR die Episode mit drei Sketchen ein Jahr später aus. Die früher dunklen Haare des Original-Darstellers Rowan Atkinson schimmern inzwischen silbergrau, doch auf Facebook folgen seiner Filmfigur 129, auf Youtube 29 und auf Instagram immerhin 8,6 Millionen Menschen – eine größere Fangemeinde als sie manch ein Popstar vorweisen kann.

Vor Prinzessin Diana, Paul McCartney und Charlie Chaplin

Wie konnte Mr. Bean, dieses erwachsene Kind in Schlips und Anzug, zu einem so lange anhaltenden Erfolg werden? Der erste Sketch namens „Church“ zeigt Mr. Bean, wie er versucht, sich während eines Gottesdiensts wachzuhalten – und wie er kläglich daran scheitert. 15 Folgen lang setzt sich dieses Scheitern fort. In je 25 Minuten tritt Bean in ein Fettnäpfchen nach dem anderen. Auf die Serie, deren letzte Folge am 15. Dezember 1995 erschien, folgten Filme, eine von Atkinson synchronisierte Zeichentrickserie und Videospiele. In den späten neunziger Jahren galt er als eines der bekanntesten Gesichter auf diesem Planeten. Als „Kind im Körper eines Manns“ bezeichnet Schauspieler Rowan Atkinson seine Figur, die in aller Welt zum Erfolg wurde.

Rowan Atkinson in Berlin 2007: In „Mr.Bean macht Ferien“ warten so einige Fettnäpfchen auf den Schauspieler.
Rowan Atkinson in Berlin 2007: In „Mr.Bean macht Ferien“ warten so einige Fettnäpfchen auf den Schauspieler. Bild: Matthias Lüdecke

Dabei weist so vieles auf den Drehort Großbritannien hin: Durch die Straßen Londons fährt Bean in einem Mini Cooper, bei einem großen Fauxpas erteilt er der Königin eine Kopfnuss, und als er einen Friseur besucht, hängt ein Porträt von Prinz Charles an der Wand. Bei der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele 2012 saß er an einem Keyboard und begleitete das London Philharmonic Orchestra. Und in einer vom British Council durchgeführten Studie wählten die Befragten „Mr. Bean“ 2014 zu den „Greatest Brits“ – noch vor Berühmtheiten wie Prinzessin Diana, Paul McCartney und Charlie Chaplin.

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„Die klassischen Bestseller bleiben es jahrhundertelang“

Rainer Stollmann, bis 2011 Professor für Kulturgeschichte an der Universität Bremen, habilitiert mit einer Arbeit über „Natur und Kultur des Lachens“, hält schon den Namen „Mr. Bean“ für einen „genialen Schachzug“: „Die großen Helden der Volkskomik sind nach den Essensvorlieben der Völker benannt. Im deutschsprachigen Raum heißt er Hanswurst, im Italienischen Maccaroni, und dann heißt er eben Bean, weil man in England gerne Bohnen zum Frühstück isst. Das sind Anspielungen auf nationale Identitäten.“ Und warum lachen nicht nur Bohnenliebhaber über Mr. Bean? „Die klassischen Bestseller bleiben es jahrhundertelang, gerade weil sie so individuell und in die Zeit eingelassen sind – sie sind überhistorisch, weil sie absolut historisch sind.“ Die Sympathie und das Mitgefühl, die man gegenüber Kindern empfinde – die löse auch seine Figur aus, sagt Rowan Atkinson in der Dokumentation „Happy Birthday Mr. Bean“.

Anders als der liebenswerte Tollpatsch ist Atkinson jedoch auch als Perfektionist am Arbeitsplatz bekannt. Keines der Drehbücher entstand ohne seinen Segen. Laut Drehbuchautor Richard Curtis feilte Atkinson bis ins letzte Detail an einer Szene, bis sie in seinen Augen perfekt war. Seinen Perfektionismus bezeichnet Atkinson allerdings nicht als Segen, sondern als eine Krankheit. Auch Charlie Chaplin soll ähnlich penibel in seiner Arbeit gewesen sein – nicht die einzige Gemeinsamkeit der beiden.

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Traditionalist und Neuschöpfer

Ein wesentlicher Faktor für den internationalen Erfolg von Mr. Bean ist schließlich, dass die Figur kaum bis wenig spricht. Denn die Körperkomik – statt sprachlicher Komik – bedarf keiner Übersetzung: Man werde „von den körperlichen Ausdrucksformen angeschrien“, sagt Rowan Atkinson. Der Witz kommt also in der synchronisierten Fassung nicht abhanden. Laut Atkinson führt die Schweigsamkeit von Mr. Bean außerdem dazu, dass die Filmfigur eine besonders große Fangemeinde in jenen Ländern besitzt, in denen Kunstfreiheit einen geringen Wert hat. Mit „Mr. Bean“ setzt er auf Slapstick, auf eine körperbezogene, wortlose, visuelle Form der Komik, deren Wurzeln in der Stummfilmzeit liegen. „Er kennt den Slapstick in- und auswendig“, meint Lach-Experte Stollmann. „Das ist das Erfolgsrezept der großen Künstler: Sie sind Traditionalisten und Neuschöpfer zugleich.“

Rowan Atkinson war auch Fan von Jacques Tatis „Ferien des Monsieur Hulot“: „Dieser Film war ein Moment der Offenbarung und eröffnete eine Welt, die ich zuvor nicht kannte, mit einer besonderen Form der Komik, die ihre Zeit braucht.“ Diese Offenbarung erlebte der privat eher zurückhaltende Rowan Atkinson, als er in der Schauspielkunst seine Stimme fand. Als Kind hatte Atkinson gestottert. Der frühere Premierminister von Großbritannien Tony Blair, der mit Atkinson auf die Schule ging, sagte einst, dass er sich an die Schikanen an dem zwei Jahre älteren Mitschüler erinnern könne. So wurde aus dem Jungen ein schüchterner Einzelgänger, der sich lieber versteckte, als die Blicke Anderer auf sich zu ziehen. Beim Studium in Oxford stellte Atkinson fest, dass sein Stottern verschwand, sobald er die Bühne betrat. Er selbst sagte, dass ihn diese Entdeckung möglicherweise zu seiner Karriere bewegt haben könnte. Nicht trotz seines Stotterns wurde er berühmt, sondern gerade deshalb.

Zur Person

Ein Blick in allen Schattierungen: Rowan Atkinson hat in seiner Rolle als Mr. Bean nicht viel zu sagen. Aber die Titelfigur der Serie, die von 1989 bis 1995 produziert wurde und aus 15 Fernseh-Episoden sowie zwei Specials besteht, erschafft komische Effekte allein mit ihrem Gesichtsausdruck. Dabei hatte Atkinson, der 1955 geboren wurde, nicht auf die Rolle seines Lebens hingearbeitet. Ursprünglich wollte er Elektroingenieur werden. In Oxford studierte er bis zum Master of Science. In einer Comedy-Show der BBC und in kleineren Rollen entwickelte er sein komisches Talent. Nach seiner Karriere als Mr. Bean blieb Atkinson vor allem als Kommissar Maigret und mit den „Johnny English“-Filmen im Gespräch, in denen er James Bond parodiert.

Quelle: F.A.Z. Magazin
Autorenporträt / Christner, Johanna
Johanna Christner
Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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