Kommt der Nachtzug zurück?

Pritschen mit kratziger Decke

Von Johanna Dürrholz, Julia Schaaf, Anke Schipp und Jörg Thomann
10.06.2021
, 06:30
Trendforscher halten Nachtzüge für ein Transportmittel der Zukunft. Und wir? Wir erinnern uns: an russische Schaffnerinnen und aufregende Küsse im Liegewagen.

Für den Liegewagen mit den Pritschen zum Runterklappen, geschweige denn für den echten Schlafwagen, der in meiner Fantasie mit Federbetten und Nachtportier ausgestattet war, hatte ich kein Geld. Aber ich war in diesen Jungen in Mailand verliebt, und um die gemeinsame Zeit voll auszuschöpfen, fuhr ich nachts. Der D-Zug kostete nicht einmal Intercity-Zuschlag. Auf den Hinfahrten tat ich vor lauter Herzklopfen kein Auge zu. Auf den Rückfahrten tropften die Tränen in mein Tagebuch, bis ich erschöpft begann, die Sitze auszuziehen, um eine möglichst bequeme Schlafposition zu finden. D-Züge waren nachts meistens leer, und die flachen Lederpolster ließen sich beinahe in der Mitte des Abteils zusammenschieben.

War der Sitz gegenüber frei, konnte man mit angewinkelten Beinen auf der Seite liegen. War noch mehr Platz, klappte man die Armlehnen hoch und streckte sich der Länge nach über drei Sitzkissen aus. Später, als die Liebe zu dem Mailänder vergangen, die zu Italien geblieben war, erweiterte sich das Spektrum meiner Erfahrungen. Einmal, unterwegs in die Toskana, war ein Mann in meinem Abteil, und wir zogen die Vorhänge der Gangfenster zu, um gemeinsam zu liegen und ein wenig zu küssen.

Ich kam mir wahnsinnig kühn und selbstbestimmt vor, Tinder war ja noch lange nicht erfunden. Ein andermal, unterwegs nach Venedig, wachte ich morgens auf, und mein kleiner Rucksack war geklaut. Geld und Pass trug ich in einem Bauchgurt unter dem T-Shirt, aber das Tagebuch, Adressen, mein Lieblingsfüller, der Kulturbeutel – einfach weg. Mein naives Vertrauen in den Nachtzug erschütterte das nicht. Wenn ich heute im ICE eindöse, wenn mich dieses sanfte Surren umfängt und Freiheit und Geborgenheit zu einem Traum verschmelzen, verzeihe ich der Deutschen Bahn selbst ihre bescheuerten Schalensitze. (sha.)

Herrliches Geratter und Geschüttel

Alfred Polgar hat Nachtzug-Reisende in zwei Gruppen unterteilt: Die einen schlafen besser, wenn der Zug fährt, die anderen, wenn er steht. Auf Zehenspitzen, schrieb er, nähere sich der Schlaf: „Aber das Rattern des Zuges ­verscheucht ihn wieder.“ Mir ging es genau andersherum. War der Zug in Bewegung, fühlte ich mich in den Schlaf geschaukelt, hielt er an einem Bahnhof, war ich hellwach. Und der Nachtzug von Frankfurt nach Warschau hielt an ziemlich vielen Bahnhöfen und dort ziemlich lange. Ein schlimmes „Geratter und Geschüttel“ wie einst der arme Polgar haben wir nicht erlebt, eine Zeitreise war unsere nächtliche Fahrt trotzdem.

Zug und Personal waren russisch, die Schaffnerin sprach keine andere Sprache, ihre robuste Natur aber erwies sich als für die Situation goldrichtig: Mit einem zielgerichteten Gewaltgriff gelang es ihr, die verklemmte Pritsche in unserem Abteil auszuklappen und die Sorge zu zerstreuen, einer müsste stehen. Ganz wohl war mir dennoch nicht dabei, ihr über Nacht unsere Pässe und Tickets zu überlassen. Es ging aber alles gut, die Kinder fanden es aufregend und abenteuerlich und waren am Morgen in Warschau völlig ausgeschlafen. Im Gegensatz zu mir; die Haltestellen und das Bemühen, das Kleinkind neben mir nicht zu zerdrücken, waren doch etwas viel. Grundsätzlich aber liebe ich Nachtzugfahrten, so wie das Wäschewaschen in der Maschine meine liebste Hausarbeit ist: Man kommt voran, muss aber selbst gar nichts machen. (jöt.)

Wir rumpelten durch Ostdeutschland und machten kein Auge zu

Die Erinnerung ist leicht vergilbt, wie alle Fotos aus dieser Zeit. Ich denke an Beige- und Brauntöne, wenn ich mir den Schlafwagen vorstelle, in dem wir, vier Freundinnen aus Frankfurt, Anfang der Neunzigerjahre nach Berlin fuhren. Unter dem Fenster zwei Plastikklapptische, dazwischen der Aschenbecher aus Metall, der einen lauten Knall gab, wenn man den Deckel fallen ließ. Mit Piccolos tranken wir uns das triste Ambiente schön und giggelten, bis es richtig dunkel war und wir unter den kratzigen Decken zu schlafen versuchten.

Ich lag oben, kurz unter dem Waggondach in verblasstem Weiß. Das Rütteln hätte mich sanft in den Schlaf wiegen können, wenn da nicht das Quietschen der Bremsen gewesen wäre, ständig ein Halt irgendwo auf freier Strecke, keine Ahnung warum, vermutlich Gleispro­bleme ein paar Jahre nach der Wende. Wir rumpelten durch Ostdeutschland, durchbrochen von den blechernen Bahnhofsvorsteherstimmen mitten in der Nacht. „Auf Gleis 3 hat Einfahrt der Regionalexpress 345“ – „Vorsicht an der Bahnsteigkante“ – „Bitte Einsteigen, die Türen schließen“ und zum Schluss ein lauter Pfiff, bevor sich der Zug schwerfällig in Bewegung setzte.

Irgendwann im Morgengrauen kam der Mitropa-Mitarbeiter ins Abteil, um uns auf die Ankunft vorzubereiten, in der Hand einen kleinen geriffelten Plastikbecher mit Kaffee in der Farbe eines vergilbten Espressos. Vollkommen gerädert kamen wir am „Hauptbahnhof, Berlin, Hauptbahnhof“ an, der heutige Ostbahnhof. Wir waren nur auf der Durchreise und stiegen in den Zug nach Rügen. Dort schliefen wir uns erst mal aus. (ipp.)

Albtraumnacht, Traumziel

Mit dem Nachtzug nach Wien, das klang herrlich luxuriös, so befand ich mit Mitte 20 – etwas anderes konnte ich mir als Studentin auch sowieso nicht leisten. Warum die Fahrt so erschwinglich war, wurde mir spätestens klar, als ich das Abteil mit meinem Platz betrat. Es handelte sich nämlich nicht um einen Nachtzug, vielmehr um einen Über-Nacht-Zug, zumindest um ein Über-Nacht-Abteil, in dem mir keine Liege zur Verfügung stand, sondern bloß ein stinknormaler Sitzplatz. Erleichtert stellte ich fest, dass meine Mitreisenden im engen Abteil allesamt Frauen waren (auf der Rückfahrt hatte ich nicht so viel Glück).

Im Laufe der elfstündigen Fahrt rutschten wir in unseren Sitzen immer tiefer, legten die Füße auf die gegenüberliegenden Polster und drehten uns, so gut wir konnten, voneinander weg. Irgendwann döste ich ein, und es war so unbequem, dass ich zum ersten Mal in meinem noch recht jungen Leben Rückenschmerzen kennenlernte. Der Zug sauste nicht einmal durch die Nacht, er hielt irgendwo im österreichischen Nirgendwo an und blieb dort zwei Stunden liegen.

Als ich wach wurde, zog der Morgen grün am Fenster vorbei. Wir erreichten Wien, und dort gab es all das, was wir seit nunmehr anderthalb Jahren schmerzlich vermissen: Laue Nächte zum Durchmachen, das Rauchen war natürlich überall erlaubt, Kneipen und Käsekrainer; ich lief barfuß in Sandalen durch die Stadt und roch ihr Flair. Helle Tage, lauter Burgen und Schlösser in der flirrenden Sonne, Weißer Spritzer und Sachertorte im Kaffeehaus. Ich war mit dem Albtraumzug in meine Traumstadt gekommen. (jdhz.)

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Duerrholz, Johanna
Johanna Dürrholz
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET
Autorenporträt / Schaaf, Julia
Julia Schaaf
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Autorenporträt / Schipp, Anke
Anke Schipp
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Autorenporträt / Thomann, Jörg
Jörg Thomann
Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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