Oversharing bei Celebrities

In eigenen Rollen

Von Maria Wiesner
20.10.2021
, 11:00
Leben als Reality-Show: Chrissy Teigen nach der Totgeburt ihres Sohns.
Wir schauen zu, wenn sie nackt sind oder sich künstlich befruchten lassen: Berühmte Menschen mit ernstzunehmenden Karrieren neigen seit einiger Zeit zum Oversharing. Bringt uns das weiter?
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Das wirklich Großartige an einem Filmstar ist, dass seine Liebe – wie die eines Gottes – bedingungslos ist. Er weiß nicht, dass wir existieren. Er kann nicht um uns trauern. Er kann nur ganz allein das sein, was er ist, ein Star.“ Als der New Yorker Autor und Dichter Tom Disch 2008 diese Zeilen für den jung gestorbenen Schauspieler Heath Ledger schrieb, gab es Instagram noch nicht. Stars waren glatte Projektionsflächen für die Träume ihrer Fans. Dischs Gott- Vergleich beschreibt treffend die bedingungslose Liebe, der sich die Bewunderer gewiss sein konnten, hatten sie doch keinen Weg, mit ihren Vergötterten zu kommunizieren und sich von ihnen etwas anderes erzählen zu lassen. Die Worte des Dichters treffen aber auch ein weiteres Merkmal: Stars waren weit entfernte, überirdische Wesen. Als Heath Ledger starb, war sein öffentliches Bild geprägt von dem herausragenden Talent, mit dem er in seinen Filmrollen glänzte – und einigen Berichten in Klatschblättern über seine Schlaflosigkeit und seinen Medikamentenmissbrauch. Tatsächliche Einblicke in sein Privatleben gab es darüber hinaus nicht.

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Gut ein Jahrzehnt und ein paar Social- Media-Plattformen später hat sich das drastisch geändert: Heute hüpft Kourtney Kardashian im String auf ihren Partner Travis Barker, Karolína Kurková präsentiert ihre Schwangerschaft mit einem Nacktbild der Öffentlichkeit, und die Sängerin Lizzo teasert ihre Songs gerne auch mal in Unterwäsche an. Wer heute Instagram öffnet, ist den Stars manchmal näher, als es einem lieb ist. So sah man in der Pandemie schon Madonna nackt in der Wanne zwischen Rosenblättern über das Leben sinnieren. „Mad-Men“-Superhausfrau January Jones teilte über Instagram mit, vom Lockdown gelangweilt, was sie in ihre „Badesuppe“ schüttet (unter anderem Backpulver, Salz und Essig). Und der sonst so durchtrainierte Schauspieler Will Smith zeigte sich dank Corona- Kilos „in der schlimmsten Form“ seines Lebens, mit Bäuchlein und schlaffen Armen.

Body Positivity, Fitness und Selfies

Götter sehen anders aus. Reality-Shows im Fernsehen hatten uns schon daran gewöhnt, dass die dritte Reihe der Möchtegernprominenz sich entblößt. Doch wie reagieren wir darauf, wenn die Halbgötter jetzt von ihrem Olymp steigen und uns ihre menschlichen Schwächen in sozialen Netzwerken präsentieren? Wie Facebook, Twitter und Co. die Körperbilder ihrer Nutzerinnen und Nutzer beeinflussen, ist zunehmend ein Thema psychologischer Forschung. Doch meist handelt es sich um Studien mit kleinerem Probandenkreis, die Schwerpunkte variieren zwischen Fragen zu Body Positivity, Fitness und Selfies. Den Aspekt der Prominenz berücksichtigen nur wenige Wissenschaftler.

2015 befragten die australischen Psychologen Jasmine Fardouly und Lenny R. Vartanian 227 Studentinnen. Ihr Ergebnis: Wer auf Facebook Posts und Bilder naher Verwandter und Bekannter sieht, fühlt keinen Druck, sich damit zu vergleichen. Handelt es sich jedoch um Celebrity-Bilder, erscheint den Nutzerinnen ihr eigener Körper weniger attraktiv. Die Forscher warnen, dass dieser Effekt zunehmen könne, je länger die Nutzerinnen sich auf der Plattform aufhielten. Das Phänomen existiert nicht erst, seit es soziale Netzwerke gibt. Es ist so alt, dass es schon in der Popkultur verarbeitet wurde.

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Schaffen sie es, Themen zu enttabuisieren?

In der Serie „Sex and the City“ schaut man in der Folge „Models und Menschen“ zu, wie sich die vier Freundinnen zu einem Abend mit Take-Away-Essen im Apartment von Carrie Bradshaw treffen. Als die Frauen ihre Modemagazine in die Hände bekommen, sagt die zierliche Charlotte den Satz: „Ich hasse meine Schenkel.“ Das Essen wird daraufhin angewidert beiseite geschoben. Dabei verkörpern hier vier Schauspielerinnen mit nahezu perfekten Figuren jene Großstädterinnen, die Komplexe mit ihren Körpern haben sollen. Sie tun es glaubwürdig: Mittlerweile gibt es Websites, die auf Charlottes „perfekte Schenkel“ spezialisiert sind.

Will Smith zeigte sich dank Corona- Kilos „in der schlimmsten Form“ seines Lebens.
Will Smith zeigte sich dank Corona- Kilos „in der schlimmsten Form“ seines Lebens. Bild: willsmith/Instagram

Verändern sich unsere Normen also, wenn die Idole zeigen, dass hinter ihrer Perfektion harte Arbeit steckt – wie Will Smith es nun mit seinem Fitnessprogramm gegen den Pandemiebauch tut? Oder wenn wir ihre Schwächen sehen? Schaffen es diese vormaligen Halbgötter gar, Themen zu enttabuisieren, wenn sie sie an die Öffentlichkeit bringen? Denn Schauspielerinnen, Models und Sängerinnen sprechen nicht nur öffentlich über ihre Schwangerschaften, sie sprechen auch über all die Dinge, die dazugehören, über die aber selbst Mütter selten mit ihren Töchtern reden.

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Was man nie auf Hochglanz, aber in der Sauna sieht

Die Komikerin Amy Schumer informierte ihre Fans ausführlich darüber, was mit ihrem Körper auf dem Weg zur, während und nach der Schwangerschaft geschah. Sie postete ein Foto ihres Bauchs mit blauen Flecken um den Nabel und auf Höhe der Eierstöcke während einer In- Vitro-Befruchtung. Sie zeigte ihren Bauch auch auf der Bühne, auf der sie noch im letzten Schwangerschaftsdrittel auftrat. Und sie machte kein Geheimnis aus den körperlichen Beschwerden, die sie während der Schwangerschaft plagten. Einige ihrer Shows musste sie aufgrund von Übelkeit absagen. Nach der Geburt teilte sie auf Instagram ein Foto, auf dem sie in fleckiger Hose und schlabberigem T-Shirt das Kind auf dem Arm trägt. Darunter steht: „Das war das weitaus beste Jahr meines Lebens, und ich habe mich die Hälfte davon jeden Tag übergeben.“

Gisele Bündchen stillt nur öffentlich, wenn das Foto sie umringt von zehn Stylisten vor dem nächsten Auftritt zeigt.
Gisele Bündchen stillt nur öffentlich, wenn das Foto sie umringt von zehn Stylisten vor dem nächsten Auftritt zeigt. Bild: gisele/Instagram

Nun mögen das manche geschmacklos und narzisstisch finden. Doch Schumers weit mehr als zehn Millionen Instagram-Follower kommentieren es zu Tausenden, viele posten Herzen oder Liebeserklärungen. Auch Lena Dunham, Erfinderin und Hauptdarstellerin der Serie „Girls“, ist ein Beispiel für den veränderten Umgang von Prominenten mit der Öffentlichkeit. Dunham schrieb im Februar 2018 in der Zeitschrift Vogue über die Entscheidung, sich aufgrund von Endometriose Eierstöcke und Gebärmutter im Alter von 31 Jahren entfernen zu lassen. Neun Monate später stellte sie „zur Neun-Monats-Feier“ des Eingriffs ein Nacktbild auf Instagram, auf dem sie ohne Make-up oder Filter mit allem zu sehen ist, was Modemagazine gerne wegretuschieren: Äderchen, Pölsterchen, das, was man nie auf Hochglanz, aber in der Sauna sieht.

„Niemand sagt einem, dass Fehlgeburten die ganze Zeit passieren“

Noch schockierender war der Tabubruch, den das Model Chrissy Teigen im Oktober vergangenen Jahres mit ihren mehr als elf Millionen Fans teilte: „Wir stehen unter Schock und sind in tiefer Trauer, von der Art, die man sonst nur vom Hörensagen kennt, solchen Schmerz haben wir noch nie zuvor gespürt“, schrieb sie unter ein Schwarz-Weiß-Bild, das sie im Krankenhaus zeigt. Tränen laufen über ihr Gesicht. Die Posts erzählen von der Totgeburt ihres Sohns. Sie zeigen, wie sie und ihr Mann, der Sänger John Legend, Abschied vom toten Kind nehmen. Chrissy Teigen war nicht die erste, die darüber sprach, und sie blieb nicht die einzige. Von Beyoncé über Céline Dion und Brooke Shields bis Kirstie Alley haben Stars ähnliche Schicksalsschläge öffentlich gemacht.

Die Bilder der Herzogin von Sussex sind sorgfältig durchkomponiert und mit der Hilfe eines Profi-Fotografen entstanden.
Die Bilder der Herzogin von Sussex sind sorgfältig durchkomponiert und mit der Hilfe eines Profi-Fotografen entstanden. Bild: meghanmarkle_official/Instagram

Gerade in einem Land, in dem Frauen noch immer darum kämpfen müssen, über ihren Körper selbst bestimmen zu können, ist das ein mutiger Schritt. Dass solche Themen noch immer ein Tabu sind, stellte auch Michelle Obama fest. In ihren Memoiren zeigt sie sich überrascht: „Niemand sagt einem, dass Fehlgeburten die ganze Zeit passieren und von viel mehr Frauen erlebt werden, als man denkt, wenn man sich das relative Schweigen über das Thema anschaut.“ Michelle Obama erwähnte auch, dass viele ihrer Freundinnen, als sie von ihrer Fehlgeburt erfuhren, eigene Geschichten dazu erzählten.

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Sorgfältig mit der Hilfe von Profis durchkomponiert

So sehr solche Geschichten dazu verführen könnten, das Lied der Demokratisierung durch die sozialen Medien zu singen, muss an dieser Stelle natürlich auch auf jene hingewiesen werden, die diesen Trend unterlaufen und sich gegen den Imperativ der Authentizität stellen. Jene A-Liga-Stars, die gar nicht daran denken, sich in die neuen Rollen der angeblichen Rollenlosigkeit zu begeben. Aber wer weiterhin sein Image in der Öffentlichkeit kontrollieren und nur geprüfte Stückchen preisgeben will, braucht harte Disziplin und das Geld für ein gutes Team. Beyoncé ist so ein Fall. Schwangerschaften macht sie durch Fotos öffentlich, die von professionellen Fotografen inszeniert sind. Ihr Mann geht fremd? Natürlich kann man darüber reden, aber doch bitte künstlerisch aufgearbeitet in Form eines Popsongs, der nicht nur das Image der selbstbewussten Künstlerin, sondern auch das Konto bereichert.

Das Model Gisele Bündchen hat auch nichts dagegen, die Debatte über öffentliches Stillen anzufachen – aber nur, wenn das Foto sie umringt von zehn Stylisten vor dem nächsten Auftritt zeigt. So lautet die Botschaft hier nicht nur: Ich bin eine progressive Mutter. Es heißt auch: Ich bin eine hart arbeitende Geschäftsfrau und könnte das ohne mein Team nicht schaffen. Und wenn die Herzogin von Sussex Bilder ihrer zweiten Schwangerschaft zeigt, dann tut auch sie das, wie alles seit der Trennung vom britischen Königshaus, sorgfältig durchkomponiert und mit der Hilfe eines Profi-Fotografen, der das glückliche Paar für eine Aufnahme unter lichte Bäume bittet. Solche Aufnahmen erinnern an die offiziellen Fotos der goldenen Hollywood Ära. Nur dass die Stars ihre Öffentlichkeitsarbeit heute selbst in der Hand haben und ihnen kein Studio mehr vorgibt, mit wem sie zur Party erscheinen müssen, um die richtigen Schlagzeilen zu produzieren.

Quelle: F.A.Z. Magazin
Autorenporträt / Wiesner, Maria
Maria Wiesner
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
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