Klassiker neu aufgelegt

Voldemorts Sicht der Dinge

Von Jörg Thomann
Aktualisiert am 19.09.2020
 - 11:38
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Ein heißer Trend auf dem Buchmarkt: Bestseller einfach ein zweites Mal herauszubringen – geschrieben aus anderer Perspektive. Einige exklusive Vorschläge, die sich hervorragend für den Trend eignen würden.

Auch Bestsellerautoren leiden mitunter unter Schreibblockaden. Es ist ja auch verständlich: Da hat man das Erfolgsrezept für ein Buch gefunden, das die Leser verschlingen – und nun soll man ein völlig neues nachschieben, das womöglich keinen interessiert? Stephenie Meyer, die Verfasserin der populären „Twilight“-Vampirschinken, hat daraus die Konsequenz gezogen. 14 Jahre später hat sie ihren Bestseller „Bis(s) zum Morgengrauen“ noch einmal veröffentlicht, unter dem Namen „Bis(s) zur Mitternachtssonne“ und aus anderer Perspektive: Statt von der jungen Bella wird die Geschichte nun vom Vampir Edward erzählt.

Auch dieses Buch hat es in die Bestsellerlisten geschafft. Schon zuvor hatte das Prinzip E.L. James angewandt, die ihrer „50 Shades of Grey“-Trilogie einen Nachzügler folgen ließ, der die Liebe-und-Hiebe-Saga noch mal aus der Sicht von Mr. Grey wiedergab. Und eigentlich kann dies nur ein Anfang sein: Viele große Werke der Weltliteratur warten darauf, noch mal aus anderer Perspektive erzählt zu werden. Eine exklusive Vorschau.

Ich war Dulcinea

„Don Quijote“ von Miguel de Cervantes aus der Sicht von Aldonza Lorenzo

Welch ein Schock für die lebenslustige Bauerstochter Aldonza Lorenzo, als sie erfährt, dass sie monatelang das ahnungslose Objekt der Begierde eines obskuren Mannes war, der sich Don Quijote nannte (oder Don Quixote? Don Quichotte?) und der durch eine Reihe befremdlicher Auftritte bekannt wurde. „Der ist in einer rostigen Rüstung auf einem alten Gaul durch die Gegend geritten und hat die peinlichsten Dinge angestellt – angeblich alles mir zu Ehren“, erzählt Aldonza. „Er hat zum Beispiel gegen Windmühlen gekämpft. Dabei habe ich gar nichts gegen Windmühlen.“

Den Namen Dulcinea del Toboso, den er ihr gegeben habe, finde sie „total albern“, so Aldonza. „Der Typ ist echt creepy, der reinste Stalker. Ich steh auch gar nicht auf ältere Männer. Und wenn schon ein alter Don, dann hätte es wenigstens Don Johnson sein dürfen, aber so, na ja.“ Den angeblichen Don Quijote hat sie jetzt auf ihren Social-Media-Kanälen blockiert. Den unfreiwilligen Ruhm will sich Aldonza zunutze machen und als Buchautorin und Influencerin groß herauskommen, mit dem Schwerpunkt auf Spanien-Reisen und raffinierten Pökelfleisch-Rezepten.

Lord Voldemort und der schreckliche Junge

„Harry Potter“ von Joanne K. Rowling aus der Sicht Lord Voldemorts

Über sieben Bücher und acht Filme hat die Welt die Abenteuer eines naseweisen, strubbelhaarigen Zauberers verfolgt. Dessen großer Antagonist taucht stets nur gegen Ende auf und wird dramaturgisch auf zwei Aufgaben reduziert: das absolute Böse zu verkörpern – und jedes Mal zu scheitern. Dabei birgt die Geschichte des Lord Voldemort mehr Tragik und Tiefe als jene Coming-of-Age-Story mit reichlich Hokuspokus, die wir als „Harry Potter“ kennen. Es brauchte Jahre der schriftstellerischen Reife und ein paar Nebenwerke über putzige Tierchen, bis Joanne K. Rowling in der Lage war, die Potter-Saga noch einmal zu schreiben – aus der Perspektive Lord Voldemorts, der endlich in anderem Licht erscheint, nämlich als Suchender, als Zweifelnder.

Gleich im ersten Band durchlebt Voldemort das Trauma seines Daseins: Er, der sich für den bösesten und mächtigsten aller Hexenmeister hält, verliert das direkte Duell gegen – ein Baby. Gegen jenen schrecklichen Jungen also, dessen Namen Voldemort jahrelang nicht mehr auszusprechen wagt, vor allem, seit er erkannt hat, dass „Harry Potter“ ein Anagramm ist von „Harter Typ, or“; wofür das „or“ steht, wird Voldemort zu seinem Kummer nie herausfinden. Die Schmach jedenfalls bringt ihm nicht nur den Spott frecher Zauberer ein („Volldepp-Mort“), er muss auch, in eine Art Wurmfortsatz verwandelt, zehn Jahre im Exil in Albanien (!) leben. Gegen Ende jedes Bandes zieht Voldemort tapfer in den Kampf gegen seinen Erzfeind Potter, welcher wieder und wieder obsiegt. Der Leser leidet mit dem gebrochenen Adligen, der bei all seiner Macht nicht mal fähig ist, sich selbst eine anständige Nase zu zaubern. Eine düstere, sehr erwachsene Buchreihe, die wenig überraschend ein trauriges Ende findet.

Mein Sohn, das Untier

„Die Verwandlung“ von Franz Kafka aus der Sicht von Gregor Samsas Vater

Als Vater Samsa eines Tages aus unruhigen Träumen erwachte, fand er seinen Sohn in dessen Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. Das war mal wieder typisch für diesen Nichtsnutz! Ihm war offensichtlich jedes Mittel recht, um sich vor der anstehenden Geschäftsreise zu drücken. Was sollte er nur dem Herrn Prokuristen sagen: „Mein Sohn kann heute leider nicht zur Arbeit fahren, denn er ist zu einem Käfer geworden“? Lächerlich.

Doch nicht nur Gregor, auch sich selbst zürnte der Vater, hatte er doch in einem Anfall von Weißglut mit den guten Äpfeln nach Gregor geworfen; ein Apfel steckte nun in dessen Rückenpanzer und, ein Anblick des Jammers, faulte vor sich hin. Am schlimmsten aber war für Vater Samsa, dass am Ende wieder alle ihm die Schuld an allem geben würden, von wegen dominante Vaterfigur und so. Ha! Mit einem missbilligenden Blick auf Gregor, den Käfer, nahm er sich fest vor, nun doch endlich einen Vaterschaftstest machen zu lassen.

Wenn ich zweimal klingle

„Wenn der Postmann zweimal klingelt“ von James M. Cain aus der Sicht des Postmanns

James M. Cains Roman „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ aus dem Jahr 1934 sorgt bei Generationen von Lesern für Verwirrung. In dem Krimi verliebt sich der Tunichtgut Frank Chambers in die junge Cora Papadakis und beschließt mit ihr, ihren Ehemann Nick zu ermorden. Das Verwirrende: Ein Postmann kommt im gesamten Buch nicht vor. Und überhaupt niemand, weder Tunichtgut noch Tankwart, drückt zweimal auf einen Klingelknopf. Hatte Cain zunächst den Titel gewählt und dann im Schreibrausch den Briefträger vergessen? Oder klingelt der Postmann nur metaphorisch, weil der Ausdruck im Englischen bedeutet, dass es immer eine zweite Chance gibt – was in Deutschland aber keiner kapiert?

Vor allem an jene, die das Buch unbefriedigt zuschlugen, weil sie vergebens auf den Postmann warteten, richtet sich das neue Werk „Wenn ich zweimal klingle“, das die Ereignisse nicht mehr aus der Sicht von Frank schildert, sondern erstmals aus der von Walter Morris, 62, der viele Jahre bei den Papadakis’ die Post ausgetragen hat. Über den Mord weiß er nicht viel, „da halt ich mich auch raus“, versichert er. Stattdessen erzählt er davon, wie es ist, Tag für Tag bei Wind und Wetter früh aus dem Haus zu müssen, von der Dänischen Dogge aus der Nummer 26a, die immer so böse knurrt, und ganz zum Schluss von Walters großem Geheimnis: „Zweimal klingeln? Mach ich nie. Die Leute sollen froh sein, wenn ich einmal klingle. Meistens schmeiß ich die Päckchen einfach übern Gartenzaun.“

Ja, ja, ich komm ja schon

„Warten auf Godot“ von Samuel Beckett aus der Sicht Godots

Godot ist ein etwas untersetzter, bärtiger Herr von Ende fünfzig, vielleicht aber auch eine bildhübsche Frau von Ende zwanzig, so klar wird das auch in diesem aus dem Nachlass Samuel Becketts geborgenen Stück nicht. Godot selbst überblickt es ebenfalls nicht: Gibt es mich, fragt er sich, überhaupt wirklich? Bin ich Mensch oder Metapher, erdacht zur Peinigung ganzer Generationen von Gymnasiasten? Bin ich am Ende Gott – und wenn ja, welcher?

Statt eine Antwort zu finden, hat Godot den lieben langen Tag prokrastiniert und mal wieder verschwitzt, dass er mit zwei Typen verabredet war, obschon er nicht mehr weiß, was er von ihnen wollte oder sie von ihm. Seine Hoffnung, schnell noch mit dem ICE zu den beiden zu gelangen, schwindet aufgrund der Verspätung (Oberleitungsstörung) und zerschlägt sich endgültig in dem Augenblick, als Godot bei der Zugteilung in Hamm nicht rechtzeitig erkennt, dass er in der falschen Hälfte sitzt. Morgen, sagt er sich, klappt es bestimmt.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Thomann, Jörg
Jörg Thomann
Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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