Eine Familie, vier Sprachen

„Mehrsprachigkeit ist eine große Bereicherung“

Von Leonie Feuerbach
16.06.2021
, 21:00
In der Familie von Olga Grjasnowa werden vier Sprachen gesprochen. Im Interview erklärt die Autorin, warum das kein Problem ist – und warum beim Thema Sprache oft mit zweierlei Maß gemessen wird.

Frau Grjasnowa, Sie sprechen Russisch mit Ihren Kindern, Ihr Mann Arabisch. Miteinander sprechen Sie Englisch. Sie haben also keine gemeinsame Familiensprache. Empfinden Sie das als Verlust oder als Bereicherung?

Weder noch. Wir haben uns gut darauf eingestellt, aber es war keine bewusste Entscheidung, sondern hat sich aus unseren Lebensläufen ergeben: Ich bin 1996 aus Aserbaidschan nach Deutschland gekommen, mein Mann 2013 aus Syrien. Und uns war es wichtig, dass unsere Kinder beide Sprachen sprechen. Je komplizierter es wird, umso eher antworten die Kinder uns aber auf Deutsch. Es ist nichts Ungewöhnliches, dass Familiensprachen sich ändern, bei mir in der Familie etwa von Jiddisch zu Russisch zu Deutsch. Das ist gar nicht so selten, wie wir vielleicht denken.

Früher sprachen Forscher von „doppelter Halbsprachigkeit“, wenn die Rede von mehrsprachig aufwachsenden Kindern war. Diese Kinder würden keine Sprache wirklich beherrschen, so die Sorge.

Ja, aber das ist ein veraltetes Konzept. Es gibt mittlerweile zahlreiche Untersuchungen, die das widerlegen. Natürlich können Kinder, die zum Beispiel in Deutschland mit zwei Sprachen groß werden, nicht immer die andere Herkunftssprache, die nicht im jeweiligen Land gesprochen wird, so perfekt wie monolingual aufwachsende Kinder. Aber man muss deshalb noch lange keine Halbsprachigkeit befürchten. Es ist ein Gewinn, noch eine weitere Sprache zu sprechen, selbst wenn man sie vielleicht nicht perfekt beherrscht, und man muss auch nicht befürchten, dass das Erlernen weiterer Sprachen auf Kosten der Deutschkenntnisse geschieht.

Ist die Sorge, dass mehrere Sprachen Kinder überfordern, wirklich ganz unberechtigt?

Mehrsprachigkeit schadet nicht, sondern ist gut fürs Gehirn, kann womöglich sogar Alzheimer vorbeugen. Sicher ist das Russisch eines in Russland aufwachsenden Kindes besser als das meiner Kinder. Aber ihr Deutsch ist genauso gut wie das der anderen. Hier wird außerdem mit zweierlei Maß gemessen. Denn bilinguale Kinder sprechen beide Sprachen ja immer noch viel besser als zum Beispiel die Fremdsprache, die sie in der Schule lernen.

Und das bezeichnet man nicht als „Halbsprachigkeit“.

Ja, genau. Und auch bei Kindern, die monolingual deutschsprachig aufwachsen, gibt es wahnsinnige Unterschiede in der jeweiligen Sprachbeherrschung und das nicht nur in der Kindheit. Mehrsprachigkeit ist nicht problematisch, sondern eine große Bereicherung.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Mehrsprachigkeit außerdem für die meisten Menschen die Regel ist.

Ja, schließlich gibt es weltweit keine 200 Staaten, aber 7000 Sprachen. Das heißt, der größte Teil der Welt ist mehrsprachig, und die meisten Menschen leben mit mehreren Sprachen. Einsprachigkeit hat sich historisch relativ spät entwickelt, sie erleichtert die Staatsbildung, aber geht heute auf Kosten der Vielfalt. Jetzt wird die Welt wieder globaler und diverser. Viele Kinder in Deutschland wachsen bilingual auf, manche sogar mit drei oder vier Sprachen.

Für diese neue Realität scheinen teils noch die Begriffe zu fehlen. Ihre Tochter wurde in der Kita als Kind „nicht-deutscher Herkunftssprache“ etikettiert. Hat Sie das verwundert?

Ja. Der größte Teil ihres Alltags findet schließlich auf Deutsch statt. Ihre Herkunftssprache ist weder Russisch noch Arabisch, sondern ganz klar Deutsch. Trotzdem wurde sie, als der Sprachstand aller Vierjährigen erfasst wurde, in diese Kategorie gesteckt. Auch ich gelte unter diesem Blickwinkel als russische Muttersprachlerin. Dabei bin ich eine deutschsprachige Schriftstellerin, unterrichte an der Universität literarisches Schreiben – auf Deutsch – und habe die letzten 20 Jahre der Sprachentwicklung in Russland verpasst. Mein Russisch ist nicht mehr das einer Muttersprachlerin. Der Begriff der Muttersprache ist mir aber ohnehin zu statisch.

Gibt es einen besseren?

Bei den Dolmetscherwissenschaften gibt es die Unterscheidung in A-, B- und C-Sprachen. Die A-Sprache ist die Sprache, die jemand am besten beherrscht und in die man hinein dolmetschen kann. Es kann mehrere A-Sprachen oder nur eine geben. Die B-Sprache beherrschen Dolmetscher fast genauso gut, aber aus dieser wird gedolmetscht. Die C-Sprache ist dann wieder eine, die noch schlechter beherrscht wird. Das finde ich ein gutes Konzept. Deutsch ist bei mir A-Sprache, Russisch und Englisch sind B-, wenn nicht sogar C-Sprachen.

Auf Twitter listete neulich jemand Dinge auf, die bei Reichen als cool und bei Armen als „assi“ gelten. Neben „viele Kinder haben“ und „Alkohol trinken“ hieß es da auch: „mehr als eine Sprache sprechen“.

Mehrsprachigkeit hat viel mit sozialen Faktoren zu tun. Manche Sprachen haben ein hohes soziales Prestige, andere ein niedriges. Es gibt in Berlin Schulen, die Mehrsprachigkeit in Englisch, Spanisch oder Französisch fördern. Das sind oft Privatschulen, die viel Geld kosten: Mehrsprachigkeit als Distinktionsmerkmal. Öffentliche Schulen mit Mehrsprachigkeit in Arabisch oder Türkisch aber werden als Brennpunktschulen gebrandmarkt – auch wegen des niedrigen Einkommens der Eltern.

Vor einigen Jahren forderte die CSU in einem Leitantrag: „Wer dauerhaft hier leben will, soll dazu angehalten werden, im öffentlichen Raum und in der Familie Deutsch zu sprechen.“ Hat Sie das geärgert?

Ja, denn diese Debatte zielt nur auf bestimmte Gruppen ab. Wer zu Hause Englisch oder Französisch spricht, gegen den richtet sich das ja nicht. Da wird ein bestimmtes Ressentiment wiedergegeben, dass sich manche nicht integrieren, assimilieren wollen. Abgesehen davon: Welches Deutsch meinen die? Das von Goethe oder das von Dieter Bohlen? Welchen Dialekt? Das soll die Idee einer Volksgemeinschaft suggerieren, die es so nicht gibt. Das ist aber kein ausschließlich deutsches Problem: In der Sowjetunion hatte zum Beispiel das Aserbaidschanische ein sehr schlechtes Standing, in Großbritannien lange Zeit das Walisische.

Von Olga Grjasnowa ist im Duden-Verlag „Die Macht der Mehrsprachigkeit: Über Herkunft und Vielfalt“ erschienen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin
Autorenporträt / Feuerbach, Leonie
Leonie Feuerbach
Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.
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