Trend zum Notizbuch

Warum Planer gerade so angesagt sind

Von Jennifer Wiebking
05.01.2021
, 17:13
„Ich glaub ich hab nen Plan“, Odernichtoderdoch
Pläne für 2021? Egal, was Sie vorhaben: Es gibt mit Sicherheit schon einen Planer dafür. Vom Kinderwunsch bis zum Glück – das Sortiment ist riesig.

Unter den vielen verheißungsvollen Mails mit Ankündigungen neuer Produkte, die das Leben angeblich noch lebenswerter machen und die in dem E-Mail-Postfach landen, das ich beruflich nutze, habe ich eine von vor ein paar Monaten nicht vergessen. Es ging um einen neuen – Kinderwunschplaner.

Nichts gegen eine Kinderwunschbehandlung und schon gar nichts dagegen, sich vorab über entscheidende Punkte Gedanken zu machen. Aber was für ein Name für ein Produkt: Kinderwunschplaner. Die Papeterie-Marke Jo & Judy habe ihn so gestaltet, so stand es in der heiter geschriebenen Mail, „dass du ihn für deine individuelle Behandlung perfekt nutzen kannst. In diesem Buch findest du allgemeingültige Seiten zu deiner Person, zur Diagnose, deinem Behandlungsplan, der Finanzierung, Medikamenten, Literaturlisten, leckeren Rezepten und Tagebuchseiten für deine Behandlungszeit.“

Sicher, der unerfüllte Kinderwunsch gehört noch immer zu den Tabuthemen unserer Gesellschaft. Je mehr darüber gesprochen wird, umso mehr kann das Paaren helfen, die nichts unversucht lassen, um eine Familie zu gründen. Aber rechtfertigt ein ernstzunehmendes Lebensthema ein locker-flockiges Lifestyleprodukt?

Irgendeinen Planer gibt es sicher

Nun ruht dieser Kinderwunschplaner keineswegs allein auf dem imaginären Kalender-Stapel. Egal, was man in diesem Jahr so vorhat, die Chancen stehen nicht schlecht, dass irgendjemand in der Industrie einen spezialisierten Planer bereithält. Finanzplaner, Projektplaner, Jahresplaner, Tagesplaner, Klausurenplaner, rückwärtsgewandte Planer, Achtsamkeitsplaner, Hochzeitsplaner, Planer für die Trauzeugen, Reiseplaner. Gut, letztere drei werden aktuell wohl nicht gerade reißenden Absatz finden, es sei denn, ihre Käufer planen die Enttäuschung über das vielleicht doch nicht verwirklichte Vorhaben gleich mit ein. Dennoch lässt sich festhalten: Dass Planungssicherheit gerade nicht gegeben ist, scheint dem Sortiment haptischer Planer nichts anzuhaben. Es ist riesig.

In diesem Sinne auch schön: ein Glückskalender von Odernichtoderdoch („Planen, organisieren und Glücksmomente sammeln“). Oder: „Klarheit“, so der Name „deines Ankers im Chaos des Alltags“. Zur Handhabe des Kalenders gibt es mehrere Erklärvideos. Es geht um Leitgedanken der Woche, zum Beispiel: „enjoy“. Um Ziele, Aufgaben, um Gutes, das passiert ist, um das, was man erreicht hat. Und wer anschließend ernsthaft noch etwas aus seinem Alltag hinzuzufügen hat: Weißraum ist auch noch da. Jede Doppelseite ein Strategiepapier über das eigene Leben.

Soll noch jemand sagen, Schreiben bleibe zunehmend auf der Strecke. Gelegenheiten, um das zu tun, gibt es genügend. Wer in einem der netten Dekoläden in den Stadtvierteln kramt oder im Netz in den Online-Shops der diversen Papeterie-Start-ups unterwegs ist, der bekommt einen Eindruck davon, was Planwirtschaft heute auch bedeuten kann: So viele Bücher gibt es zu kaufen, deren Seiten bereitstehen, mit dem gefüllt zu werden, was in unserem Leben so passiert, mit hübschen Einbänden, die die Essenz des eigenen Daseins garantiert auf den Punkt bringen. Zeige mir deinen Planer, und ich sage dir, wie dein Leben läuft.

(K)ein Leben ohne Notizbuch?

Das nächste Jahr solle besser werden, sagte die Freundin, die in der Gastronomie arbeitet, im September. Sie habe sich deshalb schon jetzt einen Planer für 2021 zugelegt, nicht in Schwarz wie sonst, sondern mal in Pink. Auch ich kann mir ein Leben ohne ein solches Notizbuch schwer vorstellen. Seit zwölf Jahren kaufe ich mir alle paar Monate einen Moleskine, immer schwarz, immer Blankoseiten, und entwerfe für jede Woche eine Liste. Sehr unkreativ angesichts dessen, was es da draußen so gibt.

Auch mir wird regelmäßig angetragen, doch ein wenig spezialisierter vorzugehen. Zuletzt anlässlich der Geburt meiner Tochter. Schon in der Schwangerschaft bekam ich ein Büchlein geschenkt („Baby Notes“) mit Seiten für Namensideen, die Erstausstattung, die Planung der Kinderbetreuung. Zur Geburt kamen zwei weitere hinzu: ein Rückwärts-Planer („Mom’s One Line a Day“) mit jeweils ein paar Zeilen pro Tag für das, was ich mit Kind erleben würde, und ein schlichteres liniertes Notizbuch. („Falls du mal etwas festhalten möchtest“). Allesamt sehr schöne Ideen. Ich notiere auch hin und wieder etwas. Viel öfter jedoch habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich meiner Chronistenpflicht als Mutter wieder nicht nachgekommen bin.

Volker Jungeblut ist Geschäftsführer des Verbandes der PBS-Markenindustrie. Die Abkürzung steht für Papier, Bürobedarf und Schreibwaren. Jungeblut war zuvor mehr als zwei jahrzehntelang bei Filoxfax tätig, dem Trendprodukt einer Generation, die noch kein Smartphone kannte. Er hat Aufstieg und Abstieg des Luxuskalenders mit Einlegeblättern erlebt. Dieser Markt wachse nicht mehr, sagt Jungeblut. Es gebe zwar Bestandskunden, jüngere aber seien dafür selten zu gewinnen. „Sie verplanen sich mit iPhone und iPad.“ Ein anderes Thema seien die Notizbücher und Kalender als feste Bücher. Die sind günstiger als ein Filofax, sie eigneten sich aber eben auch besonders gut als Geschenk. „Es ist etwas Persönliches“, sagt Jungeblut. Die leeren Seiten sollen ja mit jenen Kostbarkeiten gefüllt werden, die der DHL-Bote niemals innerhalb weniger Tage an die Haustür liefern könnte, Erinnerungen an besondere Momente.

„Der Mensch will schreiben“

Los ging es mit Moleskine Ende der neunziger, Anfang der nuller Jahre. „Moleskine hat den Markt für Notizbücher erst so richtig geschaffen“, sagt der Schreibwaren-Experte. Es folgten die leuchtend bunten Bücher von Leuchtturm, und es entstanden immer mehr kleine Unternehmen, die mit Haptischem den Begleiterscheinungen der Digitalisierung entgegenwirken. „Der Mensch will schreiben“, sagt auch Jungeblut. Zuletzt entstand eine neue Seitenerscheinung: nicht liniert, kariert oder blanko, sondern kleine Punkte. Das sogenannte dotted paper habe dem Verkauf von Notizbüchern noch mal einen Schub gegeben. „Mit Linien werden Sie in Formen gezwungen, auf Blanko müssen Sie selbst kreativ werden.“ Also dotted als Mittelweg.

Wie wichtig diese Planer für die Schreibwaren-Unternehmen sind, das zeigt sich an den Zahlen: Bei Juniqe machten Terminplaner und Notizbücher zwischen Wandbildern, Deko und Postkarten 60 Prozent des Umsatzes aus. Bei Odernichtoderdoch und Jo & Judy, die zum selben Unternehmen gehören, führen Kalender und Planer ebenfalls die Verkaufslisten an.

„Ein Guter Plan“, noch so ein Planer mit ebendiesem Cover-Slogan, sei als Jahreskalender 2021 schon seit einer Weile ausverkauft, sagt Ko-Gründer Jan Lenarz. Zum ersten Mal habe es in diesem Jahr eine zweite Auflage gegeben, auch die – weg. Insgesamt geht es um mehr als 100.000 verkaufte Ein-guter-Plan-Exemplare in diesem Jahr.

Nie endenwollende Selbstoptimierung

Wir lesen immer weniger Bücher, aber wir kaufen Notizbücher. Die interessanteste Figur, in deren Leben wir uns einfühlen wollen: die eigene Person. Diese Ich-Geschichten wären natürlich nur halb so faszinierend, gäbe es nicht immerzu Anlass zur nie endenwollenden Selbstoptimierung. Also braucht es Listen und hübsche Bücher für Listen.

Man könnte jetzt anfangen, von Hamsterrad und Überforderung zu sprechen, und auch Jan Lenarz betont, das auch „Journaling“ genannte Tagebuchschreiben diene im 21. Jahrhundert durchaus der Stressprävention. Nicht unerheblich aber scheint auch zu sein: keine Tagesreflexion ohne Statement-Notizbuch.

Und es kann ja auch einfach Spaß machen, mit so einem Buch zu beginnen. Auf den ersten Seiten noch genau darauf zu achten, dass die Tinte nicht verwischt und dass man sich nicht verschreibt, bevor es dann chaotischer wird. Bevor die ersten Seiten knicken und das Buch Kaffeeflecken bekommt. Wenn es gut läuft. Denn welche Bücher von den vielen Planern überhaupt beendet werden, steht auf einem anderen Blatt Papier.

Quelle: F.A.S.
Jennifer Wiebking - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jennifer Wiebking
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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