„Pose“-Macher Steven Canals

„Ich wollte den richtigen Schlusspunkt finden“

Von Patrick Heidmann
25.09.2021
, 17:32
Hat selbst entschieden, wann Schluss ist: „Pose“-Macher Steven Canals
Nach drei erfolgreichen Staffeln endet die Serie „Pose“ – weil Macher Steven Canals es so wollte. Im Interview spricht er über seinen Antrieb, Kompromisse, und warum die Serie sein „Mad Men“ ist.

Dass „Pose“ eine Serie für die Fernseh-Geschichtsbücher ist, ahnte man schon bei der Premiere 2018. Nie zuvor waren so viel trans, queere und überwiegend nicht-weiße Figuren auf dem Bildschirm zu sehen gewesen – und auch als Autorinnen und Autoren an der Entstehung beteiligt. Tatsächlich sorgte „Pose“ dann nicht nur für gute Quoten, sondern setze auch bei den Emmy Awards Meilensteine: Billy Porter wurde 2019 der erste schwarze Schwule, der als Bester Hauptdarsteller in einem Drama ausgezeichnet wurde, in diesem Jahr nun wurde mit MJ Rodriguez die erste trans Hauptdarstellerin nominiert. Drei Preise durfte die Serie am Ende mit nach Hause nehmen, für die Kostüme, das Make-up und die Frisuren. Nach der dritten Staffel, die in Deutschland nun bei Netflix zu sehen ist, ist trotzdem Schluss. Darüber sprachen wir mit Steven Canals, dem 41 Jahre alten Showrunner und Erfinder von „Pose“, beim Séries Mania Festival in Lille.

Mr. Canals, Ihre Serie „Pose“ zeichnete von Beginn an aus, dass sie von ihrem Milieu – also der Ballroom-Szene queerer Schwarzer und Latino-Menschen im New York der Achtziger und später Neunziger Jahre – mit einer Selbstverständlichkeit erzählt, bei der es offenkundig nicht darum ging, permanent zu erklären oder alle und jeden mit ins Boot zu holen. Hatten Sie bewusst kein Interesse daran, drüber nachzudenken, ob vielleicht auch ein weißer, heterosexueller Mann aus der Provinz etwas damit anfangen kann?

Als ich mir die Serie während meines Studiums ausdachte, war für mich ganz klar, wie das Publikum für „Pose“ aussieht: Schwarz und Latino, queer und trans. Mein Antrieb war ja nun einmal, dass ich mich selbst als Teenager nie auf dem Bildschirm repräsentiert sah und daran endlich mal etwas ändern wollte. Es war dann Ryan Murphy, dem ich ja verdankte, dass ich die Serie überhaupt umsetzen konnte, der mich dazu drängte, auch darüber nachzudenken, ob die Geschichte nicht auch für andere interessant sein könnte – wogegen ich mich anfangs sehr sträubte.

Weil Sie fürchteten, mit faulen Kompromissen Ihre Vision zu verwässern?

So ungefähr. Aber Ryan war sich sicher, dass es Wege gibt, andere, ganz unterschiedliche Menschen in diese Welt und die Leben meiner Figuren einzuladen, ohne die Spezifizität dreinzugeben, die das Ganze für mein intendiertes Publikum so besonders macht. Da die Serie im Grunde von universellen Themen wie Liebe und Familie, Unverwüstlichkeit und Überleben handelt, war es letztlich gar nicht so schwer einem breiten Publikum Einlass in diese Welt zu gewähren. Ich musste nur sicherstellen, dass ich eine ehrliche, wahrhaftige Geschichte erzähle.

Zumal diese Geschichte und besagte Welt ja auch spannend und faszinierend sind, selbst wenn man keinen persönlichen Bezug dazu hat.

Das hoffe ich natürlich. Und muss tatsächlich auch betonen, dass der Erfolg von „Pose“ sich nicht einzig der Tatsache verdankt, dass ich allgemein zugängliche Themen verhandle. Wir hatten natürlich auch das Glück zu einer Zeit an den Start zu gehen, in der es ganz offensichtlich einen Hunger auf neue, andere und kulturell diverse Geschichten gibt. Die Serie ist anders gewesen als alles, was es sonst im Fernsehen zu sehen gab – und danach suchen die Leute gerade.

Bevor Sie Ryan Murphy trafen, hatten Sie in Hollywood 150 erfolglose Meetings zu „Pose“. Waren Sie jemals soweit, die Serie aufzugeben? Oder wussten Sie immer, dass Sie es irgendwann klappt?

Beides stimmt irgendwie. Ich war vielleicht nie bereit zu sagen: scheiß’ drauf, das war’s. Aber ich war mir ziemlich sicher, dass „Pose“ mein „Mad Men“ wird.

Steven Canals und „Pose“-Darstellerin Sherry Marsh bei den Emmy Awards, bei denen die Serie drei Preise gewann.
Steven Canals und „Pose“-Darstellerin Sherry Marsh bei den Emmy Awards, bei denen die Serie drei Preise gewann. Bild: dpa/picture-alliance

Das müssen Sie erklären.

Matthew Weiner, der Schöpfer der Serie „Mad Men“, hatte die damals recht früh in seiner Karriere geschrieben, doch niemand wollte sie umsetzen. Sie lag dann in seiner Schublade, und erst nachdem er an den „Sopranos“ mitgewirkt und andere Sachen geschrieben hatte, zog er sie wieder hervor – und plötzlich wollte jeder mit ihm diese Serie machen, die dann auch ein riesiger Hit wurde. Ich stellte mir also auch vor, dass ich mir erst einmal zwölf oder mehr Jahre meine Sporen in dieser Branche verdienen müsse, bevor ich die Chance bekäme, „Pose“ zum Leben zu erwecken. Aber ich merkte eben auch, dass diese Geschichte zu wichtig für mich war und zu viel daran hing, als dass ich sie je ganz aufgegeben hätte.

Es gab noch nie eine Serie, bei der so viele trans Frauen mitgewirkt haben wie bei „Pose“, vor und hinter der Kamera. Mussten Sie dafür sehr kämpfen? Schließlich brachten die Hauptdarstellerinnen nicht allzu viel Erfahrung mit ...

... was natürlich daran liegt, dass trans und nicht-binären Menschen in Hollywood seit jeher nicht allzu viele Chancen geboten wurden. Mir war also immer klar, dass der Lebenslauf einer trans Schauspielerin um die 30 anders aussieht als der ihrer cis Kolleginnen. Zum Glück gab es trotzdem von unserem Sender in den USA damals keine Bedenken deswegen. Da spürte ich volle Unterstützung und Verständnis für meine Haltung, dass ich die Rollen authentisch besetzen wollte. Dass der offizielle Slogan des Senders damals „furchtlos“ lautete, war wohl nicht ohne Grund.

„Pose“ ist Ihr Baby, der bereits erwähnte Ryan Murphy stieß dann lediglich als Produzent dazu. Trotzdem nehmen viele die Serie als „Ryan-Murpy-Serie“ wahr. Macht Sie das wütend?

Ich habe das immer nachvollziehen können, vor allem in der ersten Staffel. Ryan ist nun einmal eine echte Marke, was Serien angeht. Und hätte man „Pose“ als „Steven Canals-Serie“ vermarktet, hätte sich das Interesse ohne Frage in Grenzen gehalten. Um Aufmerksamkeit zu erregen, war dieses Label also immer Gold wert. Allerdings hoffte ich natürlich schon damals, dass irgendwann meine Arbeit für sich sprechen würde und man auch meine Rolle bei der Entstehung der Serie wahrnimmt. Was zum Glück dann auch größtenteils so gekommen ist.

„Pose“ ist eine der wenigen Serien, die von Staffel zu Staffel immer besser und auch mutiger wurden. Fuhren Sie zu Beginn noch mit angezogener Handbremse?

Das nicht. Aber natürlich halfen der Erfolg der Serie und die positiven Reaktionen dabei, dass ich zusehends mehr Vertrauen in meine eigenen Fähigkeiten und künstlerischen Instinkte gewann. Außerdem war zu Beginn natürlich die Arbeitsbeziehung zwischen Ryan und mir noch ganz frisch. Je besser wir uns kennen und vertrauen lernten, desto befreiter konnten wir arbeiten. Als er in der Mitte der letzten Staffel irgendwann anrief und mir vorschlug, dass ich die letzte Episode inszenieren solle, war das ein wunderbarer Vertrauensbeweis. Zumal die Serie mit einer von ihm inszenierten Folge begonnen hatte. In unserem Verhältnis als Freunde, Kollegen und Mentor/Schüler schloss sich damit ein Kreis, den ich mir so anfangs nicht hätte ausmalen können.

Apropos letzte Folge: Warum fiel die Entscheidung, dass nach drei Staffeln Schluss ist?

Ich muss gleich mal festhalten: Wir wurden nicht abgesetzt, der Sender hätte uns weitermachen lassen. Die Entscheidung haben wir selbst gefällt. Und zwar aus zwei Gründen. Zum einen weil ich selbst als Fernsehzuschauer es immer gehasst habe, wenn man bei einer Serie irgendwie das Gefühl hatte, sie habe nichts mehr zu sagen und eine Staffel existiere nur, um das Ganze in die Länge zu ziehen. Oder wenn sie einfach nicht den richtigen Schlusspunkt fand. Das wollte ich auf keinen Fall. Und zum anderen hatte ich schon 2016 zu Ryan gesagt, dass das Ende der Serie ungefähr 1995/96 spielen solle, denn damals kamen erstmals Medikamenten-Cocktails auf den Markt, mit denen man Aids in den Griff bekam. Hätten wir das Ganze auf vier Staffeln gestreckt, hätte ich ganz neu überlegen müssen, wie ich die Handlung zeitlich aufbaue. Die Aufteilung wie sie jetzt ist – zweite Hälfte der Achtziger, dann Anfang der Neunziger und schließlich Mitte der Neunziger – machte für mich einfach mehr Sinn, auch im Sinne der Integrität und Pointiertheit der Serie. Aber glauben Sie mir: leicht gefallen ist mir die Entscheidung nicht.

Immerhin haben Sie bereits einen Vertrag für neue Produktionen in der Tasche. Was kommt als nächstes?

Mit dieser Frage habe ich mich die letzten Monate natürlich viel beschäftigt, und ich tat mich wirklich schwer damit, etwas zu finden, dem ich mich nach einer so großen und besonderen Sache wie „Pose“ widmen will. Aber irgendwann hatte ich eine gute Idee und ich kann auf jeden Fall schon verraten, dass meine nächste Serie ganz anders wird als „Pose“. Eher ein Genre-Ding, mit Horrorelementen, wobei es wieder um Familien und zwischenmenschliche Beziehungen gehen wird. Und natürlich werden wieder LGBTQ+ und People of Colour im Zentrum stehen, das versteht sich von selbst.

Quelle: FAZ.NET
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