Sänger Muhabbet

Musik für jeden, der es fühlt

Von Aylin Güler
30.06.2022
, 14:31
Auftritt in der Shisha-Bar: Muhabbet singt für seine Fans in Frankfurt.
Für viele Deutschtürken ist er ein Star, doch im deutschen Mainstream ist der Sänger Muhabbet nie angekommen. Heute ist er froh darüber – denn Stereotypen will er nicht bedienen.
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Es riecht süßlich nach Wasserpfeife, Gläser klingen, und orientalische Klänge ertönen aus den Lautsprechern. Das Publikum fängt nach den ersten Akkorden an zu kreischen. Auf diesen Moment haben sie ge­wartet: Der Sänger Muhabbet läutet seinen Auftritt mit dem Lied ein, das 2005 zur Hymne der deutsch-türkischen Community wurde – und es in die Top 20 der deutschen Single-Charts schaffte. „Es war un­ser erster Streit. Ein Stich in mein Herz, dann war sie weg“, lauten die ersten Zeilen des Lieds, das Muhabbet singt, während er sich auf den Weg Richtung Bühne macht. Immer wieder halten ihn Fans auf, wollen seine Hand greifen – ihrem Idol von früher einen Augenblick lang nahe sein. „Sie liegt in meinen Armen, ich kann es nicht ertragen. Es war ihre letzte Chance, ich liebe dich, dann ging sie fort“, heißt es im Re­frain. Zum Mitsingen muss er seine Fans nicht animieren. Die 200 Gäste in der Frankfurter Shisha-Bar „HypEast“ sind textsicher.

Der 38 Jahre alte Muhabbet, mit bürgerlichem Namen Murat Ersen, macht R ’n’ Besk – eine Symbiose aus türkischem Arabesk-Gesang, kombiniert mit kräftigen Beats und deutschen Texten. Ein Musikstil, der in den Neunzigerjahren von der türkisch-deutschen Musikszene entwickelt und von Muhabbet Anfang der Nullerjahre geprägt wurde. Zunächst kursierten seine Lieder ausschließlich im Internet, dort wuchs die Fangemeinde. „Meine Musik ist im Internet-Café berühmt geworden“, sagt der Sänger beim Gespräch im Anschluss an sein Konzert in Frankfurt.

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Sein „absoluter Lieblingssong“

In seinen Liedern verarbeitet Muhabbet Herzschmerz und Enttäuschung – aber auch positive Gefühle finden Platz. So singt er in „Glück für dich“: „So, so, so, so ein schöner Tag, genau wie ich es mag.“

Für Muhabbet ist das sein „absoluter Lieblingssong“. Er erinnert sich darin an ei­nen der schönsten Tage seines Lebens. „Ich hatte mein Fachabi bestanden, bin mit meinem Zeugnis nach Hause und habe diesen Song geschrieben. Da war ich 17 Jahre alt.“ Die Fans spüren seine positive Energie. Vor der kleinen Bühne stehen sie eng beisammen, singen und tanzen. Die meisten Gäste sind junge Frauen, Anfang bis Mitte 20. Sie haben Muhabbets Musik durch ihre älteren Geschwister, Tanten und Onkel kennengelernt. Immer wieder wünschen sie sich ihre Lieblingslieder, wie das türkische Liebeslied „Seninle uyanmadan“, das Muhabbet seiner Frau widmete. Mit ihr ist er seit fünf Jahren verheiratet und lebt mit den zwei gemeinsamen Söhnen am Nie­derrhein.

Zum Mitsingen muss Muhabbet seine Fans nicht animieren: Die 200 Gäste in der Frankfurter Shisha-Bar „HypEast“ sind textsicher.
Zum Mitsingen muss Muhabbet seine Fans nicht animieren: Die 200 Gäste in der Frankfurter Shisha-Bar „HypEast“ sind textsicher. Bild: Maximilian von Lachner

Aufgewachsen ist der Sänger als Sohn anatolischer Einwanderer im Kölner Stadtteil Bocklemünd/Mengenich, einem sozialen Brennpunkt. „So groß zu werden macht einen aggressiv, misstrauisch und depressiv“, sagt er. Die Musik hat ihn von diesem Trauma befreit. Für die musikalische Früherziehung hat vor allem sein Vater gesorgt. „Er war einer der Ersten in unserer Siedlung, der nicht nur türkische Musik, sondern auch arabische, afrikanische und kurdische Musik konsumierte.“

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Mit seinem älteren Bruder schrieb er schon mit elf Jahren Rapsongs auf Türkisch. Er gab sich den Künstlernamen „Muhabbet“. Im Türkischen heißt das „Konversation“, er aber dachte dabei an die arabische Bedeutung: Dann steht „muhabbet“ für „reich, berühmt und schön“. Drei Adjektive, mit denen er sich eines Tages schmücken wollte. Wenig später entstanden erste Lieder auf Deutsch. Die deutschen Texte mit orientalischen Klängen zu kombinieren war die Idee seines Bruders.

Es vergingen einige Jahre, in denen Mu­habbet ausschließlich auf Deutsch sang. „Irgendwann kam der Wunsch aus meiner Community, mehr türkische Songs zu produzieren. Wenn ich’s gefühlt habe, habe ich also auf Türkisch gesungen“, erzählt er und ergänzt: „Wenn ich Deutsch singe oder rappe, komme ich mir cooler vor. Wenn ich auf Türkisch singe, fühle ich mich emotionaler und offener.“ Heute produziert Muhabbet seine deutsch-türkischen Lieder zum Großteil in seinem Heimstudio. Das habe Vorteile: „Ich kann meine Frau bei der Erziehung unserer Kinder unterstützen und bin nie länger weg von zu Hause. Das will ich nicht missen.“

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Gut 180 Lieder hat er veröffentlicht. Dafür holt er sich auch immer wieder junge Künstler hinzu. „Ich will die jungen Stars von morgen mit fördern.“ Auch in der Türkei kommt Mu­habbets Musik gut an. „Sie liegt in meinen Armen“ kennt man im ganzen Land. „Ich bekomme viel Liebe und Respekt aus der Türkei. Ich habe aber nicht das Pensum, mir parallel noch dort eine Karriere aufzubauen.“

In Deutschland sind seine Lieder teilweise erst drei bis vier Jahre nach der Veröffentlichung zum Hit geworden. „Die Songs brauchen manchmal einfach länger, weil ich kein Management habe“, sagt er. Das war nicht immer so. Von 2005 bis 2008 war Muhabbet unter Vertrag bei der Sony BMG. Hatte einen „Major-Deal“. Doch der große Erfolg blieb aus. „Ich wurde zu dem Zeitpunkt in den Medien falsch platziert, denn meine Fans haben zum Großteil türkische Medien konsumiert“, sagt Muhabbet. „Stattdessen habe ich Sendezeit bei RTL II bekommen, das war nicht klug.“ Seine Musik sei von vielen deutschen Zu­hörern noch nicht verstanden worden. „Als dunkelhaariger Musiker mit Migrationshintergrund war man zu dieser Zeit eben Rapper oder Asi oder beides zusammen. Mit meinem fröhlichen Sound konnten die nichts anfangen.“

„Ich wollte kein Randprodukt mehr sein“

Mit diesen Vorurteilen konnte der da­mals Einundzwanzigjährige irgendwann nicht mehr umgehen. „Vor 18 Jahren lebten wir in Deutschland in einer Parallelgesellschaft. Als Türke war ich nur eine Touristenattraktion.“ Von seinem Management wurde ihm damals empfohlen, seinen Künstlernamen zu ändern. Die Begründung: „Muhabbet“ klinge zu sehr nach „Mo­hammed“.

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„Das hat mir das Herz gebrochen“, sagt er. „Ich wollte kein Randprodukt mehr sein.“ Darum habe er sich entschlossen, „mich den Leuten zu widmen, die mir Liebe schenken und mich unterstützen“. In einem Youtube-Video wird der Sänger noch deutlicher. Darin sagt er: „Es gab eine Zeit, in der ich nicht mehr der Muhabbet für eine Gesellschaft sein wollte, die mich nicht akzeptiert hat.“ Das hat sich geändert. Der Sänger macht Musik für jeden, der es fühlt. Er möchte keine Stereotypen mehr bedienen, seine Musik nicht mehr einer bestimmten Gruppe zuordnen. Diese Freiheit genießt der Sänger. Kein Management zu haben bedeutet allerdings auch, viele Aufgaben selbst in die Hand nehmen zu müssen. Zeit für Urlaub und Auszeiten gibt es kaum. „Die Lockdown-Phase in der ersten Corona-Welle war für mich das erste Mal in 16 Jahren, dass ich länger als zwei Wochen am Stück zu Hause war.“

Die Stimmung in der Frankfurter Shisha-Bar ist ausgelassen. Der Sänger trägt ein lockeres Hemd, dunkle Jeans, Sneaker. „Vor drei, vier Jahren wäre ich vermutlich nicht in Shisha-Bars aufgetreten. Diese Locations wurden immer schlecht gesprochen. Aber ich habe mir selbst ein Bild gemacht, und ich liebe die entspannte Atmosphäre.“ Auch auf Hochzeiten hat der Sänger regelmäßig Auftritte. Sein Traum sieht jedoch anders aus: Die „Muhabbet-Show“, eine Mischung aus Live­musik und Stand-up-Show. Von 2013 bis Ende 2016 haben 32 solche Auftritte stattgefunden. Nach einer längeren Pause fand Ende 2021 dann eine weitere Show in München statt. Pandemiebedingt im kleineren Rahmen, aber so mag es der Sänger: „Ich mache lieber zehn Auftritte für tausend Menschen statt einen Auftritt für 10.000 Menschen.“

Diese Nahbarkeit schätzen seine Fans. Auch in Frankfurt posiert der Sänger während des Auftritts für Fotos und Videos, nimmt Fans kurz in den Arm. „Das, was viele Künstler nicht schaffen, schafft Muhabbet. Er ist so herzlich, er hat sich gar nicht fremd angefühlt“, schwärmt die 24 Jahre alte Selin. Auch Hümeyra ist begeistert von der Mischung aus Musik und Comedy: „Er macht einfach immer gute Stimmung, weil er nicht nur singt, sondern auch entertaint.“ Der Auftritt dauert 75 Minuten. Als Zugabe gibt es „Sie liegt in meinem Armen“ ein zweites Mal. Danach nimmt er sich mehr als eine Stunde Zeit für Selfies und Gespräche. „Ich liebe die Energie, die meine Fans mir abverlangen. Für mich ist das kein Stress“, sagt er. „Das, was wir hier erleben, sind magische Momente, die komplett am Mainstream vorbeigehen. Und das ist auch gut so.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenrporträt / Güler, Aylin
Aylin Güler
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