Sängerin Sia im Interview

„Ich bin schon immer gerne Risiken eingegangen“

Von Patrick Heidmann
13.02.2021
, 08:14
Nach ihrem Erfolg als Sängerin gibt Sia mit „Music“ ihr Debüt als Regisseurin. Im Interview spricht sie über den Dreh, die Vorteile einer guten Menschenkenntnis und warum sie ihren Produzenten im Stich lassen musste.

Mit Mitte 20 begann Sia Furler, geboren am 18.12.1975 in Adelaide, ihre Karriere als Sängerin. 1997 erschien ihr erstes Album, drei Jahre und ein Umzug nach London später das zweite. Jenseits der Heimat blieb der ganz große Erfolg allerdings längere Zeit aus, so dass sie sich irgendwann darauf konzentrierte, Songs für andere Künstler zu schreiben. Christina Aguilera, Rihanna, Beyoncé, Kylie Minogue, Britney Spears, Katy Perry, Maroon 5, David Guetta – sie alle verdanken der Australierin Hits. Als Solo-Künstlerin feierte Sia den Durchbruch spätestens 2014 mit dem Welterfolg „Chandelier“. Mit „Music“ (ab 12.2. als VoD und ab 5.3. auf DVD) gibt sie nun ihren Einstand als Regisseurin – und kann auch in diesem Bereich prompt reüssieren. Ihr Debütfilm wurde gerade für zwei Golden Globes nominiert, als Bester Film in der Sparte Komödie/Musical sowie für Hauptdarstellerin Kate Hudson. Wir sprachen mit ihr im virtuellen Interview, bei dem sie sich erst einmal über das Englisch ihres Gesprächspartner wundert. Ihr Tennistrainer, erzählt sie lachend, habe einen sehr viel stärkeren deutschen Akzent: „Den finde ich richtig angenehm!“

Frau Furler, wann hatten Sie zum ersten Mal den Gedanken, dass Sie gerne einen Film inszenieren würden?

Das weiß ich, ehrlich gesagt, nicht mehr genau. Die erste Idee zu der Geschichte, die ich nun mit „Music“ erzähle, kam mir auf jeden Fall schon vor rund 15 Jahren. Viel später fing ich dann an, Gefallen am Inszenieren zu finden, als ich gemeinsam mit dem Regisseur Daniel Askill an meinen Musikvideos zu „Chandelier“ und Co. arbeitete. Das machte mir richtig Spaß – und so oft, wie diese Videos online angeguckt wurden, machte ich scheinbar auch einiges richtig. Ich guckte mir immer mehr bei Daniel ab, und nebenbei fing ich an, mit meinem besten Freund Dallas Clayton aus meinen Ideen ein Drehbuch zu machen. Das dauerte ein paar Jahre, und mindestens genauso lange brauchte ich dann nochmal, um den Mut zu finden, auch wirklich einen Film daraus zu machen.

Sie haben sich nicht getraut?

Ich habe mir zumindest ganz viele Fragen gestellt. Bin ich wirklich eine Regisseurin? Oder nur eine Sängerin mit ein paar guten Ideen? Lassen die Leute mich bei den Videos nur mitarbeiten, um mein Ego zu streicheln oder kann ich wirklich was? Kriechen mir alle nur in den Arsch und die eigentliche Arbeit macht eigentlich Daniel? Irgendwann kam ich zu dem Schluss, dass ich das mit dem Film einfach ausprobieren muss. Und zwar alleine, nicht wie anfangs gedacht mit Daniel zusammen. Der Anruf bei ihm in dieser Sache war einer der schwierigsten meines Lebens.

Ein Spielfilm ist ja doch etwas anderes als ein Musikvideo. Wie leicht fiel Ihnen der neue Job?

Das war schon eine echte Feuertaufe, die ich da bestehen musste. Aber ich hatte so viel Freude daran. Jeden Tag kam ich so aufgeregt und fröhlich zur Arbeit wie nie zuvor. Diese ungewohnte Aufgabe gab mir eine ungeahnte, geradezu manische Energie und inspirierte mich enorm. Zumindest während der eigentlichen Dreharbeiten. Als es dann an den Schnitt ging, sah die Sache anders aus.

Warum?

Plötzlich war jegliche Energie verschwunden, die Arbeit im Schneideraum laugte mich aus. Das war wirklich der Teil des Filmemachens, den ich hasste. Was meine eigene Schuld war, denn in meiner Naivität hatte ich viel zu wenig Material gedreht. Meine Schauspielerinnen und Schauspieler waren alle so toll, dass ich immer viel zu früh gesagt habe: super, das Ding ist im Kasten, weiter zur nächsten Einstellung. Dadurch hatten meine Editoren viel zu wenig, womit sie arbeiten konnten. Deswegen lagen zwischen dem Ende des Drehs und jetzt dem Start des Films noch einmal dreieinhalb Jahre, die für mich die vielleicht mühsamste und frustrierendste Zeit meines Lebens waren. Denn was ich sah, war zwar gut, aber nicht so gut, wie es meinen Selbstansprüchen und Erfolgen als Musikerin nach sein sollte.

Aber Sie müssen doch auch hin und wieder mal frustrierende Erfahrungen in der Musik gemacht haben, oder?

Klar, da gibt es natürlich auch immer mal wieder Momente, in denen es nicht rundläuft. Ich erinnere mich noch an eine Situation, vor vielen Jahren, als im Tonstudio jemand am Drum-Sound feilte und ich mich am liebsten von einer Klippe gestürzt hätte. Damals realisierte ich, dass ich in der Musik bestimmte Stärken habe: Kopfzeilen, Melodien, Texte, vielleicht mal ein Akkord. Alles andere lasse ich inzwischen sein. Ich singe das ein, sage, wie das klingen soll und gehe nach Hause. Hier bitte einen Ace of Base-Sound, dort bitte klingen lassen wie „La Isla Bonita“. Solche Ansagen kann ich machen, mich dann verabschieden und warten, bis die Produzenten mir dann einen fertigen Song schicken, bei dem ich nur sagen muss, welche Elemente mir gefallen und welche nicht. All das war bei „Music“ nicht möglich. Zumindest dachte ich, dass ich doch nicht meinen eigenen Film im Stich lassen und verschwinden kann. Bis ich dann doch genau das gemacht habe.

Tatsächlich?

Ja, irgendwann war ich mit den Nerven so runter, dass ich meinen tollen Produzenten Vincent Landay bat, den Rest des Schneideprozesses zu übernehmen. Ich konnte nicht mehr und wollte nur noch ins Bett. Die letzten zwei Jahre kam ich immer nur noch einmal im Monat vorbei, um meinen Senf dazuzugeben, aber habe den Feinschliff den anderen überlassen. Genau wie ich es bei den Songs eben auch mache.

Gab es eigentlich Aspekte aus Ihrer Arbeit als Sängerin und Songschreiberin, die Ihnen als Regisseurin weiterhalfen?

Auf jeden Fall war es enorm hilfreich, dass ich bei meinen Songs seit Jahren mit sehr vielen sehr unterschiedlichen Menschen zusammenarbeite. Gerade im Umgang mit den Schauspielerinnen und Schauspielern konnte ich da jetzt auf wertvolle Erfahrungen zurückgreifen. In der Kollaboration mit Künstlerinnen und Künstlern lernt man ja schnell, wie man damit umgeht, wenn jemand verängstigt oder verunsichert ist. Das klingt jetzt machiavellistischer als es ist, aber ich weiß, wie ich jemandem, der eingeschüchtert ist, zu mehr Selbstvertrauen verhelfe.

Wie oft war das denn in der Arbeit an „Music“ nötig?

Zum Glück nicht sonderlich oft, vor allem nicht mit meinen Hauptdarstellern. Denen musste ich noch nicht einmal besonders viele Regieanweisungen geben, so gut waren sie alle. Mir wurde schon vorher oft gesagt, dass der Knackpunkt eines jeden Films eigentlich bereits das Casting ist, und das hat sich für mich voll bestätigt. Wenn man darauf achtet, die Rollen wirklich mit den besten Leuten zu besetzen, ist der Rest später fast ein Kinderspiel.

Trotzdem ist ein Projekt wie „Music“ ein ziemliches Risiko. Oder haben Sie das nie so empfunden?

Doch, auch als ich mich nach Jahren dazu durchgerungen hatte, fühlte sich das nach einem riesigen Risiko an. Ich hätte die Sache ja auch gründlich verkacken können, was meinem Ego nicht gut getan hätte. Aber Risiken bin ich als Künstlerin immer schon gerne eingegangen. Auch vor 25 Jahren schon.

Und sonst? Ist die Sia von heute noch die gleiche wie damals?

Nicht in jeder Hinsicht. Ich bin zum Beispiel – als Künstlerin wie als Mensch – geduldiger geworden. Und mitfühlender. Außerdem habe ich früher sowohl andere als auch mich selbst ein wenig an der kurzen Leine gehalten. Ich war in vieler Hinsicht sparsam, wenn nicht sogar geizig. Davon kann heute überhaupt keine Rede mehr sein. Mittlerweile kann ich zum Glück sehr großzügig sein, mit meiner Zeit, mit Geld, aber auch mit meinen Emotionen. Das habe ich mir selber über die Jahre beigebracht.

Quelle: FAZ.NET
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