„Salon Harry“ in Hamburg

Bekamen hier die Beatles ihre Pilzfrisur?

Von Anna-Elisa Jakob und Jens Gyarmaty (Foto)
30.11.2021
, 11:57
Franz Stenzel und Ute Bickeleit haben sich im „Salon Harry“ kennen- und lieben gelernt. Bis heute schneiden die beiden immer weiter.
„Salon Harry“, Gründungsjahr 1906, hat an der Hamburger Reeperbahn viele Haarmoden überstanden, außerdem zwei Weltkriege, die Wiedervereinigung und nun die Pandemie. Ein Friseurbesuch bei Franz Stenzel und Ute Bickeleit.
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Die Geschichte mit den Beatles, die wollen sie hier natürlich alle hören. Deswegen stehen manche schon morgens um zehn unter der grünen Markise und gucken ins Schaufenster, auf die vier tanzenden Püppchen von John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr, die dort, von winzigen Solarmodulen betrieben, weiterspielen. Yoko Ono hat mal eine Bar in der Nähe verklagt, weil die mit dem Namen ihres Manns geworben hatte (sie nannte sich „John Lemon“). Deswegen gibt es hier nur die kleinen Püppchen – als sehr subtilen Hinweis. Denn was dieser schmale Herrenfriseur mit den Weltstars zu tun hat? Das erkennt man hier draußen, am Rande der Hamburger Reeperbahn, nun wirklich nicht. Drinnen warten Franz Stenzel und Ute Bickeleit, die sich anfangs wie im Zoo fühlten, als die Touristen vor der Glasscheibe standen und Fotos machten. Als das noch erlaubt war, seien sie auch regelmäßig reingekommen: Reisegruppen von 30 Leuten, die sich im „Salon Harry“ umsahen.

Auch daran gewöhne man sich, sagt Bickeleit. Sie frisiert hier schon seit 38 Jahren, ihr Mann seit knapp 45. 1978 hat er angefangen und den Salon zehn Jahre später von Namensgeber Harry übernommen. Kein einziges Mal soll der Laden innerhalb einer Familie den Besitzer gewechselt haben, immer wartete man auf den passenden Nachfolger. Auch Stenzel wartet noch, dabei könnte er schon seit einem Jahrzehnt im Ruhestand sein. Aber einen Salon wie diesen, der schon das Leid zweier Weltkriege erlebt hat, das Glück der Wiedervereinigung und der goldenen Jahre, den gibt man nicht so schnell auf. Nur als im Jahr 2020 die Corona-Pandemie kam, dachten sie auch hier, jetzt wäre es soweit.

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Viele Orte schmücken sich mit einer Beatles-Story

Gerade blättert Stenzel durch ein altes Magazin auf Polnisch, bis zu einem Bild in Schwarz-Weiß: die Beatles, natürlich. Das Heft hat er noch gekauft, bevor er einst von Danzig nach Deutschland zog. Erst mal nach Bonn, dort frisierte er die Politiker aus dem Bundeshaus. Aber das Klima dort gefiel ihm nicht: „Ich bin eben am Meer aufgewachsen.“ Als es ihn später für einen Urlaub an die Küste zog und er auf dem Weg die Ausfahrt nach Kiel verpasste, landete er erstmals in Hamburg – und blieb. Hier sollten sich nun seine Wege und die der Beatles kreuzen; wenn auch nicht leibhaftig. Denn als Stenzel 1974 an die Elbe zog, waren die Musiker schon lange wieder weg. An der Großen Freiheit hatten sie 1960 ihre ersten Auftritte. Bis Ende 1962 traten sie regelmäßig in der Stadt auf. Erst danach begann ihre Weltkarriere. Heute ist hier ein Platz nach ihnen benannt, und noch immer schmücken sich einige Orte im Viertel mit einer Beatles-Story. Über den Salon wird seither diese erzählt: Es soll Stenzels ehemaliger Chef Harry gewesen sein, der den Beatles erstmals die Pilzfrisuren schnitt, die später unzählige Menschen auf der ganzen Welt nachmachten.

Franz Stenzel unter der Trockenhaube im Keller. Im „Salon Harry“ an der Davidstraße werden seit 1906 Haare von Luden, Promis und Nachtschwaermern geschnitten.
Franz Stenzel unter der Trockenhaube im Keller. Im „Salon Harry“ an der Davidstraße werden seit 1906 Haare von Luden, Promis und Nachtschwaermern geschnitten. Bild: Jens Gyarmaty

Manchmal denkt Stenzel auch, die ganze Welt, zumindest die der Männer, ist schon hier gewesen, in dem kleinen Laden. Er zieht die Gästebücher aus dem Schrank, in denen sich einige von ihnen verewigt haben: Schauspieler und Artisten, Sportler und Gastronomen. Es gibt einen Eintrag auf Hebräisch (Musiker aus Israel) und ein paar Seiten weiter einen auf Arabisch (Hamburger Teppichhändler). Uwe Seeler (HSV-Legende) lässt sich im Salon regelmäßig frisieren, auch Spieler und Vorstandsmitglieder des Stadtrivalen FC St. Pauli. Udo Walz, der jüngst verstorbene König der Zunft, war auch mal hier. Ein Sender wollte den Salon mieten, damit er Walz dort bei der Arbeit filmen konnte. Bickeleit war damals allein im Laden und sagte zu, obwohl sie da noch gar nicht wusste, wer Walz war. Solche Anfragen von Medien bekommen die beiden immer wieder, die meisten nehmen sie mittlerweile nicht mehr an. Manchmal geht es um die Beatles, manchmal soll es aber auch ganz persönlich werden. „Einmal sagte einer, er wolle Franz morgens im Bett beim Aufstehen sehen“, sagt Bickeleit. Nee, habe sie gesagt: „Das mach’ nur ich.“

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Schneiden will er, „solange es geht“

Die beiden haben ihr gemeinsames Leben im Salon verbracht, haben sich kennengelernt, als Bickeleit hier anfing. Zwei Jahre hat sie mal pausiert, da wurde ihre gemeinsame Tochter geboren. Beide erzählen so gerne, dass sie sich ständig gegenseitig unterbrechen und manchmal einfach parallel weiterreden. Ob das nicht auch mal nervt, zusammen arbeiten, jeden Tag, und dann auch noch dasselbe? Uns nie, sagt Bickeleit, und lacht verlegen. Als sie im Salon angefangen haben, war der immer voll: sechs Leute, die Haare schnitten, Locken drehten, Nägel feilten. Zwölf Stunden lang geöffnet, jeden Tag außer Sonntag. Jetzt sind sie zu zweit, schneiden vor allem nach Termin und montags gar nicht. Nagelpflege machen sie heute nicht mehr, dafür gebe es ja viel zu viele Kosmetikstudios rundherum. „Ich glaube, mittlerweile haben wir einen Alltag wie normale Menschen“, sagt Bickeleit. Vor kurzem sind sie sogar einfach mal nach Danzig gereist, in Stenzels Heimatstadt. Bickeleit hat sich sofort in die historische Altstadt verliebt, die Gassen und das Meer in der Nähe. Am liebsten würde sie dorthin ziehen. Aber aufhören?

Franz Stenzel könnte schon im Ruhestand sein. Aber ein Betrieb mit so viel Geschichte lässt sich nicht so einfach aufgeben. Als der erste Lockdown kam, befürchtete er, dass es das jetzt gewesen sein könnte für den Salon.
Franz Stenzel könnte schon im Ruhestand sein. Aber ein Betrieb mit so viel Geschichte lässt sich nicht so einfach aufgeben. Als der erste Lockdown kam, befürchtete er, dass es das jetzt gewesen sein könnte für den Salon. Bild: Jens Gyarmaty

Stenzel wird bald 77, doch schneiden will er, „solange es geht“. Jetzt, als der Laden lange zu gewesen sei, hätten sie ja gemerkt, wie sehr ihnen das fehle: die Menschen und St. Pauli. Sie selbst sind einst in ein Reihenhaus in Schleswig-Holstein gezogen. Das war praktischer, weil sich dort auch die Großmutter um die gemeinsame Tochter kümmern konnte. Aber nun, in Corona-Tagen, „war der Rasen im Garten irgendwann perfekt kurz“, sagt Bickeleit. Die Existenzängste dafür umso größer. Kurz vor dem ersten Lockdown ließ sich ein Professor aus dem Tropeninstitut um die Ecke von ihr frisieren und erklärte ihr nach Ladenschluss noch zwei Stunden lang, was es mit dem Coronavirus auf sich habe. Warum es besser sei, dass sie schließen müssten. Aber es ging nicht um die Angst, sich anzustecken, die hatten beide sowieso schon. Als der Lockdown kam, hätten sie gedacht: Das war’s für den Salon. Ausgerechnet ihr Laden, den es immerhin schon seit 1906 gibt, wie Stenzel mit einem Schwarz-Weiß-Bild beweist. Gegenüber sieht man darauf die Hamburger Davidwache, daneben eine Bar und ein Tanzlokal. Da sind heute ein Kiosk und die Filiale einer Fast-Food-Kette ansässig.

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„Heute ist hier mehr Ballermann“

Zunächst ging es erst mal nur bergauf im Salon: Wirtschaftswunder, goldene Jahre, der Kiez florierte. Schwieriger wurde es später, als große Unternehmen von St. Pauli ins Umland zogen, die Touristen zwar mehr wurden, aber nicht unbedingt spendabler. „Heute ist hier mehr Ballermann“, sagt die 59 Jahre alte Ute Bickeleit. Manchmal ärgert die beiden auch, dass viele denken, wer nach St. Pauli komme, könne das Feiern und die Ausgelassenheit mitmachen, aber interessiere sich nicht für die anderen Werte des Viertels, Respekt und Toleranz zum Beispiel.

Damit sind sie nicht allein. Rund um die Reeperbahn finden sich Schilder an den Mülleimern, die auf deren Benutzung drängen. Der Tenor: Eure Party ist unsere Heimat. „Auch hier will man, dass die Leute pünktlich und zuverlässig sind“, sagt Bickeleit. Es ist schon einige Jahre her, als Bickeleit plötzlich alles rausreißen wollte: die dicken Ledersessel, den Holzfußboden, die dunklen Wände und Dreißiger-Jahre- Leuchten. Das war, als überall im Land die Friseursalons ganz weiß wurden, mit Fliesen und mit Marmor. Sie wollte, dass sich auch bei ihnen etwas verändere und der alte Laden zu neuem Leben erwache. Heute, sagt sie, sei sie froh, dass sie doch alles so gelassen hätten.

Trends, das wissen die beiden mittlerweile, kommen ja sowieso alle wieder. Minipli, zum Beispiel, die Männer-Dauerwelle der achtziger Jahre: Früher saßen sie hier den ganzen Tag im Keller und haben ihren Kunden die Löckchen gedreht. „Einer von uns konnte das sogar mit dem Streichholz“, sagt Stenzel. Heute sieht man auch das wieder, junge Männer mit Dauerwelle, zart gelockt, rechts und links allerdings kurz rasiert. Sein Enkel, sagt Stenzel, trage das auch schon so.

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Wo der Pilzschnitt perfektioniert wurde

Bevor er und Bickeleit sich kennenlernten, hatte Stenzel schon eine Familie – eine Frau, einen Sohn, eine Tochter. Von der Frau ist er bis heute nicht geschieden. Wenn Bickeleit und Stenzel übereinander sprechen, reden sie trotzdem von „meinem Mann“ und „meiner Frau“. Dass sie den Salon heute nur noch zu zweit führen, liegt auch daran, dass es für sie stets schwierig gewesen sei, jemanden zu finden, der genauso arbeite wie sie. Ganz klassisch, mit Nassrasur, Messer und Schere. Das dauert eben ein bisschen länger, „und einen Männerschnitt für zehn Euro gibt es eben auch nicht“, sagt Bickeleit.

Beschäftigt es sie, dass es doch das Ende dieses geschichtsträchtigen Salons bedeuten könnte, wenn sie niemanden finden, der ihnen nachfolgt? Sehr, sagt Bickeleit. Aber sie hätten ja noch etwas Zeit, fügt Stenzel hinzu. Folgt man ihm durch den Laden, die Treppe runter, führt er in einen kleinen Raum, in dem es aussieht, als wäre die Zeit stehengeblieben. In der Mitte zwei dunkelblaue Frisiersessel, bei einem hebt Stenzel das Polster an: Darauf ist die Signatur von Horst Fascher zu sehen, der so etwas wie der Beatles-Manager der ersten Stunde war. In der Hamburger Zeit der vier Musiker engagierte er sie nicht nur für seinen kurzlebigen „Star-Club“, sondern begleitete sie auch abseits der Bühne.

Im Keller sieht es noch aus wie früher. Seit einigen Jahren werden hier aber keine Haare mehr geschnitten.
Im Keller sieht es noch aus wie früher. Seit einigen Jahren werden hier aber keine Haare mehr geschnitten. Bild: Jens Gyarmaty

Die Idee der Pilzköpfe kam von der Fotografin Astrid Kirchherr, sie sollte die Musiker für ein Magazin fotografieren. Weil die Beatles zuvor ständig auf der Bühne gestanden hatten, waren ihre Tollen, die sie noch im Elvis-Stil trugen, ganz verwachsen. Die Fotografin fand das wohl so furchtbar, dass sie ihnen die Haare kurzerhand abschnitt. So, dachte der Manager, könnten seine britischen Newcomer allerdings auch nicht herumlaufen. Er brachte sie zum Friseur seines Vertrauens: in den „Salon Harry“, wo der Pilzschnitt perfektioniert wurde.

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Horst Fascher, 1936 in Hamburg geboren, soll immer noch für einen neuen Schnitt vorbeikommen. Die Püppchen im Schaufenster hat ihnen mal ein Kunde gebastelt, seitdem stehen John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr hier und spielen vor sich hin. Am liebsten zeigen Stenzel und Bickeleit ihre Gästebücher, sie können zu jedem Eintrag eine Anekdote erzählen. Irgendwann aber, als Stenzel noch ein weiteres Beatles-Bild hervorkramt, bremst ihn seine Frau dann doch: Er solle endlich mal aufhören mit den Beatles. Es gehe heute ja auch um ihn.

Eine Sache erzählt Stenzel allerdings noch, als man mit ihm im Keller steht. Damals hätten sie hier alle geraucht, die Kunden und die Friseure. Nur er nicht. Er stand jeden Tag im Qualm, hat geschnitten und frisiert. Abends, wenn alle weg waren, war er immer noch da. Hat aufgeräumt und die Aschenbecher ausgeleert. Geduldig, jeden Tag, bis irgendwann das Rauchverbot eingeführt wurde. Da wüteten die einen, feierten die anderen. Und er, der Nichtraucher? Sah aufmerksam zu, wie sich die Welt um ihn herum veränderte. Er stellte die Aschenbecher in den Keller, und hier stehen sie bis heute.

Quelle: F.A.Z. Magazin
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