Analog-Trend

Eine Pause in der Vergangenheit

Von Anna Wender
02.09.2021
, 14:04
Taylor Swift verkaufte 102.000 Schallplatten in einer Woche.
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Die Generation Z kauft Schallplatten, Einwegkameras und bastelt Handyketten. Der Trend zum Analogen schafft dabei etwas, das den Digital Natives nur selten alleine gelingt: Sie sind endlich mal offline.
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Schon 2019 veröffentlichte Billie Eilish ihr Debüt-Album sowohl auf Schallplatte als auch auf Kassette. Von ihrem neuen Album „Happier than ever“ verkaufte die Neunzehnjährige in diesem Jahr dann unglaubliche 73.000 Platten. Nur Taylor Swift war nach der Veröffentlichung ihres Albums „Evermore“ Ende Mai noch erfolgreicher. Mit 102.000 Exemplaren stellte sie einen neuen Rekord auf – für den größten Schallplattenverkauf in einer Woche seit Beginn der Aufzeichnung der Verkaufszahlen 1991.

Wer für diese Erfolge hauptsächlich verantwortlich ist? Eine Generation, die genau wie Eilish nicht mal geboren war, als Kassetten oder Schallplatten modern waren: Die Generation Z. Sie ist für viele ein Mysterium – oft auch für sich selbst. Was sie hingegen will, scheint zurzeit klar zu sein: zurück in die Vergangenheit.

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Sie sorgt dabei nicht nur für ein Comeback der Schallplatten. Sie wird auch für ausverkaufte Einwegkameras und Kamerafilme verantwortlich gemacht, scheinbar, um eine Zeit wiederzubeleben, die sicherer war, als ihre Realität es gerade ist. Dafür stellen manche auch gerne mal den Keller auf den Kopf, um nach Überbleibseln der eigenen Kindheit zu suchen.

Die aktuellen Trends der Generation Z sind von Nostalgie getränkt. Besonders beliebt: Mode und Trends der neunziger und nuller Jahre. Obwohl sie gerne als die Generation beschrieben wird, die mit digitalen Medien groß geworden ist, werden sich die meisten Mitglieder der Generation Z sowohl noch an den Gang zur Videothek erinnern als auch an analog festgehaltene Erinnerungen in dicken Fotoalben. Filme wurden teilweise noch mit dem Videorekorder geschaut und zum Einschlafen hörte man Benjamin Blümchen oder Bibi Blocksberg mit quietschbunten Kassettenrekordern. Die Erinnerung an diese Zeit löst ein wohliges Gefühl aus, voller Sicherheit und Beständigkeit.

© Youtube

Der Neo-analog-Trend – also alte Techniken wie analoge Kameras, Kassetten oder Plattenspieler wiederzubeleben – schafft dabei etwas, das den Digital Natives nur selten von allein gelingt: Sie werden aus der digitalen Welt herausgezogen – und sind endlich mal offline. Im Zentrum steht die Sehnsucht nach einer weniger komplizierten Zeit, die durch analoge Technologien gekennzeichnet ist und von den Belastungen, die das digitale Zeitalter mit sich bringt, scheinbar weit entfernt ist.

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Ganz offline kann sich der Nostalgie-Trend jedoch nicht abspielen: Auch in den sozialen Netzwerken wird täglich an die Vergangenheit erinnert. Der Throwback-Thursday gehört seit Jahren genauso dazu wie die von Instagram bereitgestellte Erinnerungsfunktion. Aber auch andere Bereiche der Online-Welt wurden von der Nostalgie-Welle überrollt. Streaming-Dienste wie Disney+ halten ihre Zuschauer mit alten Klassikern oder Serien wie „Friends“ und dem „Denver Clan“ stundenlang vor den Bildschirmen.

TKKG-Kassetten zum Einschlafen: Die Erinnerung an diese Zeit löst ein wohliges Gefühl aus, voller Sicherheit und Beständigkeit.
TKKG-Kassetten zum Einschlafen: Die Erinnerung an diese Zeit löst ein wohliges Gefühl aus, voller Sicherheit und Beständigkeit. Bild: dpa

Neben Webseiten, die in einem Stil erstrahlen, der an die Anfänge des Internets erinnert, können Apps wie Rewound oder Gudak Cam das eigene Smartphone optisch in einen iPod Classic verwandeln oder Bilder wie analoge Fotografien wirken lassen. Statt futuristischer oder zeitgenössischer Stile, bevorzugt die Generation Z Retro-Design und verbindet so ihre Gegenwart mit der Vergangenheit.

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Ein weiteres Indiz dafür, dass wir derzeit auch modisch die frühen Nullerjahre wieder durchleben, sind – neben Korsetts kombiniert mit tiefsitzenden Jeans – Handyketten. Baumelten sie vor fast 20 Jahren an Klapp-Handys und Tamagotchis, zieren sie heute die neuesten Smartphones und nicht nur die Handgelenke der Generation Z. Tik-Tok bringt den Trend endgültig in die Kinderzimmer und sorgt wie die Neo-Analog-Welle für einige Momente digitales Fastens: Statt die Ketten, wie sie Stars wie Gigi Hadid oder Dua Lipa tragen, nachzukaufen, entscheiden sich immer mehr Gen Zler dazu, sie selbst zu machen. Praktisch, wenn die eigene Kindheit noch nicht so lange her ist und Bastelkisten noch im Keller oder auf dem Speicher verstauben. Perlen, Smileys, Herzen oder Buchstaben werden so nicht nur zum neuen alten Accessoire, sie eignen sich auch prima zum Verschenken.

Beim Empfinden von Nostalgie spielt das Alter übrigens keine Rolle, vielmehr die persönliche Einstellung. Selbst die jüngsten Angehörigen der Generation Z, die gerade die Pubertät durchleben, können Nostalgie für eine Zeit empfinden, in der sie noch lange nicht geboren waren – Anemoia beschreibt genau dieses Gefühl. Für die Trends sind sie jedoch genauso empfänglich wie Generationen, die sie schon beim ersten Mal zur Jahrtausendwende mitgemacht haben. Im Kampf um eine bessere Zukunft muss die Generation Z eben ab und zu mal eine Pause in der Vergangenheit einlegen – perlenkettenbastelnd zu Billie Eilishs „Happier than ever“.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Wender, Anna
Anna Wender
Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“
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