Judy Greer im Interview

„Meine Beziehung zu Hollywood hatte viele Höhen und Tiefen“

Von Patrick Heidmann
20.06.2022
, 19:51
Man kennt Judy Greers Gesicht aus Filmen wie „30 über Nacht“, „The Descendants“, „Ant-Man“ oder „Halloween“ und Serien wie „Arrested Development“, „Two and a Half Men“ oder „Kidding“.
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Judy Greer steht schon seit Jahrzehnten vor der Kamera, spielt aber wie in ihrem neuen Film „Hollywood Stargirl“ meist Nebenrollen. Im Interview spricht die Schauspielerin über Los Angeles, das Quasi-Berühmtsein und Hobbys neben dem Beruf.
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Der Name Judy Greer sagt Ihnen nicht auf Anhieb etwas? Damit stehen Sie nicht alleine da. Die 1975 in Detroit geborene Schauspielerin steht schon mehr als ihr halbes Leben in Hollywood vor der Kamera, ist aber eher selten in großen Auftritten zu sehen. Meistens spielt sie Nebenrollen: die beste Freundin, Ehefrau oder Mutter der jeweiligen Protagonistinnen und Protagonisten. So auch in ihrem neuen Film „Hollywood Stargirl“, der seit dem 3. Juni bei Disney+ zu sehen ist. Wir haben Greer aus diesem Anlass per Videoanruf erreicht, den sie ungeschminkt morgens in ihrem chaotischen Arbeitszimmer zuhause in Hollywood entgegennimmt, so unprätentiös wie es nur der Fall ist, wenn jemand eben kein allseits bekannter Weltstar ist.

Miss Greer, in Ihrem neuen Film „Hollywood Stargirl“ spielen Sie die Mutter der jungen Protagonistin. Wie ringt man einer solchen – mindestens auf dem Papier – austauschbaren Nebenrolle, wie Sie sie schon oft gespielt haben, noch etwas Interessantes ab?

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Das Schöne ist, dass ich dieses Mal nicht alleine dafür verantwortlich war, die Figur dreidimensional zu machen. Es gibt solche typischen Standardrollen tatsächlich oft, deswegen weiß ich genau, was Sie meinen. Aber hier war schon im Drehbuch festgelegt, dass die Mutter eine treibende Kraft der Geschichte ist. Sie ist Kostümbildnerin und hofft auf ihren Traumjob, weswegen sie mit ihrer Tochter Stargirl überhaupt erst spontan nach Los Angeles zieht. Eine Figur mit einem Ziel und mit Ambitionen, das ist in Nebenrollen keine Selbstverständlichkeit und viel wert. Wer weiß allerdings, ob ich nicht auch ohne diese Qualitäten bei diesem Projekt zugesagt hätte. Denn diese junge Titelheldin im Zentrum der Geschichte, die überall, wo sie auftaucht, Liebe und Freude verbreitet, finde ich einfach sehr entzückend.

Ihnen eilt doch ein ähnlicher Ruf voraus, nicht wahr? Dass Sie immer fröhlich seien und es eine Freude sei, mit Ihnen zu arbeiten.

Ich versuche es zumindest. Ein bisschen was ist also sicherlich dran. Mir ist es aber auch gelungen, mich in meinem Leben mit vielen wunderbaren Menschen zu umgegeben, die mich inspirieren. Und wir Leute aus dem Mittleren Westen der USA sind allgemein ganz nette Zeitgenossen, sagt man. Wenn Sie allerdings meinen Mann fragen, wird der Ihnen sicherlich bestätigen, dass ich mitunter auch mal recht passiv-aggressiv sein kann.

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Über Midwesterner sagt man auch, sie seien sehr pragmatisch und bodenständig. Stimmt das Klischee auch hier?

Pragmatisch bin ich in der Tat sehr, und bodenständig auch, glaube ich. Abgehoben à la Hollywood bin ich jedenfalls nicht. Und ich weiß nicht, ob das nach 25 Jahren noch kommt.

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© YouTube/KinoCheck Heimkino

Sie leben mehr oder weniger seit dem Ende Ihres Studiums in Chicago und dem Beginn Ihrer Leinwandkarriere in Los Angeles. Was bedeutet Ihnen die Stadt?

Über die Jahre hat meine Beziehung zu Los Angeles und speziell dem Stadtteil Hollywood, wo ich die meisten der letzten 25 Jahre gelebt habe, viele Höhen und Tiefen durchgemacht. Es gibt vieles, was ich hier liebe, vom Wetter über die Architektur bis hin zum Baseball-Team der L.A. Dodgers. Was über die Jahre spannend war, waren die Veränderungen in der Stadt, die begannen, als es vor rund zehn Jahren eine Art Abwanderung in der Kunst- und Unterhaltungsbranche in New York gab. Da waren viele genervt von den winzigen Apartments und hohen Lebenskosten dort und zogen nach Los Angeles. Plötzlich erlebten wir hier eine Mini-Renaissance: die Restaurants, die Kunstwelt, die Musikszene – alles war so aufregend wie lange nicht mehr. Da habe ich mich wieder ganz neu in die Stadt verliebt.

Gibt es trotzdem auch noch Tiefpunkte?

Klar, denn ausgerechnet die Theaterszene ist leider nicht besser geworden. Angesichts all der fantastischen Schauspielerinnen und Schauspieler, die hier leben, hatte ich immer gehofft, dass wir uns zumindest mal minimal etwas beim Broadway abgucken. Aber vielleicht passiert da ja irgendwann noch etwas. Ansonsten ist natürlich der große Nachteil von Los Angeles, dass man so sehr auf das Auto angewiesen ist. Dieser Großstadtvibe, dieses Straßenleben, das man aus New York und Europa kennt, das fehlt uns hier. Und das wird sich auch nicht ändern, solange wir nicht unseren öffentlichen Nahverkehr gehörig umkrempeln. Erste Ansätze dazu gibt es, aber noch stecken wir täglich in unseren Metallkisten fest.

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Sie gelten als eine der „ewigen Nebendarstellerinnen“, deren Gesicht das Publikum wiedererkennt, ohne wirklich zu wissen woher oder wer Sie sind. Sie haben sogar unter dem selbstironischen Titel „I Don’t Know Where You Know Me From” autobiografische Essays darüber geschrieben. Wie lange dauerte es, bis Sie mit dieser seltsamen Form des Quasi-Berühmtseins Ihren Frieden gemacht haben?

Es gab schon ein paar Jahre, in denen mich das frustriert hat. Heute störe ich mich nicht mehr dran, auch wenn ich es manchmal immer noch komisch finde, wenn mich Leute ansprechen, ohne dass sie eigentlich wissen, wie ich heiße oder in welchem Film sie mich gesehen haben. Aber ich bin stolz auf meine Arbeit, nicht zuletzt die der zurückliegenden Jahre, und dass mich überhaupt Menschen wiedererkennen, spricht ja für sich. Und dass ich inzwischen älter und im Privatleben rundum glücklich bin, hilft natürlich auch.

Weil der Job da nicht mehr so wichtig ist?

Doch, doch. Mein Job ist mir enorm wichtig; ich liebe es zu arbeiten. Deswegen drehe ich auch recht viel und freue mich, dass ich mitunter mit meinen Rollen eine größere Vielfalt abdecken kann als manche Kolleginnen, die zwar Hauptrollen, aber dafür auch viel Ähnliches spielen. Ich meinte nur, dass gewisse Fragen sich heute nicht mehr so aufdrängen. Warum wissen die Leute nicht, wer ich bin? Warum bin ich kein echter Filmstar? Das hat mich mehr umgetrieben, als andere Gebiete meines Lebens noch nicht so erfüllt waren. Heute habe ich einen wundervollen Mann und tolle Stiefkinder, liebe meine Freunde und unser schönes kleines Haus. Ich habe meinen Hund, von dem ich besessen bin, und bin im Vorstand eines Schimpansen-Asyls, habe meinen Strickclub und meine anderen Hobbys. Neben all diesen fantastischen Dingen verblassen viele Unsicherheiten anderer Art.

Was vielleicht auch hilft, ist die Tatsache, dass heute online auf Twitter und anderen Plattformen eine ganz neue Form von Fan-Dasein erblüht. Karrieren wie Ihre werden in vielleicht kleinen, aber sehr leidenschaftlichen Kreisen gefeiert, vermeintlich vergessene Filme wie etwa „Jawbreaker – Der zuckersüße Tod“ wiederentdeckt.

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Vieles davon bekomme ich allerdings kaum mit. Bei Twitter habe ich mich mehr oder weniger ausgesperrt, weil ich mein Passwort vergessen und es so oft mit dem falschen versucht habe, dass mein Account jetzt schon ewig brachliegt. Immerhin hat mein Mann einen Google-Alert auf meinen Namen, und manchmal erzählt er mir, wenn irgendwo etwas besonders Nettes geschrieben wurde. Ich versuche aber ohnehin, jeglicher Berichterstattung über mich nicht zu viel Beachtung zu schenken. Das habe ich mir dank Ashton Kutcher hinter die Ohren geschrieben.

Was hat der damit zu tun?

2008 habe ich mal die Hauptrolle in einer nach kurzer Zeit wieder abgesetzten Sitcom namens „Miss Guided“ mitgespielt, die er produzierte. Am Tag unserer ersten Ausstrahlung schickte er eine Email an uns alle und riet uns, alle Kritiken zu ignorieren. Denn wenn ihr den guten glaubt, müsst ihr auch den schlechten glauben – so formulierte er es. Etwas ähnliches hatte schon im Studium mal ein Professor gesagt, und dieses Mal blieb es hängen. Und auch wenn mein Selbstvertrauen über die Jahre immer größer wurde, ist es vermutlich trotzdem noch nicht groß genug für die Untiefen des Internets, wenn man einmal wirklich zu suchen anfängt.

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Zu Ihren bekanntesten Filmen gehören die Komödie „30 über Nacht“ mit Jennifer Garner und der Oscar-Gewinner „The Descendants“ mit George Clooney. Sind die auch für Sie persönlich die wichtigsten?

Beide Filme bedeuten mir zumindest viel, weil sie beide meine Karriere und mein Leben sehr geprägt haben. Mit Jen Garner bin ich bis heute befreundet, und wir staunen manchmal beide, wie viel Menschen bis heute über diesen Film schwärmen. „The Descendants“ war auch deswegen besonders für mich, weil der Wunsch, einmal mit dem Regisseur Alexander Payne zu drehen, weit oben auf meiner Liste stand. Sein Film „Citizen Ruth“ mit Laura Dern gehörte zu denen, die mich erst so wirklich haben Schauspielerin werden lassen wollen. Außerdem war die Rolle einfach toll und öffnete mir viele neue Türen, weil mich einige Leute danach in einem neuen Licht sahen. Aber es gibt auch andere Filme, die mir persönlich viel bedeuten. „Jeff, der noch zu Hause lebt“ von den Duplass-Brüdern zum Beispiel. Oder der schon erwähnte „Jawbreaker“, einfach weil ich da noch so jung und das meine erste größere Rolle war, die eine ganz unerwartete Sichtbarkeit nach sich zog.

Sie haben auch mal selbst einen Film inszeniert, doch von allzu vielen Menschen wurde „A Happening of Monumental Proportions“ nicht gesehen. Hat Ihnen das die Lust an der Regie verdorben?

Nein, so würde ich das nicht sagen. Es gibt ein paar Projekte, die ich gerne inszenieren möchte, und tatsächlich erinnert mich Ihre Frage daran, dass ich gleich noch eine E-Mail in dieser Sache verschicken muss. Ich bin sehr stolz auf „A Happening of Monumental Proportions“ und mir hat die Arbeit an dem Film wahnsinnig viel Spaß gemacht. Am meisten mochte ich, so viel Zeit am Set zu verbringen. Als Nebendarstellerin ist man ja oft gar nicht so häufig vor Ort. Aber da war ich wochenlang morgens die erste, die kam, und die letzte, die ging.

Eine letzte Frage noch, weil Sie vorhin das Schimpansen-Asyl erwähnten. Steht das im Zusammenhang mit der Tatsache, dass Sie in „Planet der Affen: Revolution“ im Motion Capture-Verfahren die Schimpansen-Dame Cornelia spielten?

In gewisser Weise ja. Angefangen hat es aber damit, dass ich bei den Dreharbeiten zu einem Film namens „Ordinary Life“ den Green Day-Sänger Billie Joe Armstrong kennen lernte, der darin auch eine Rolle spielte. Wir verstanden uns super, und ich lernte auch seine Ehefrau Adrienne kennen, die sehr viel wohltätige Arbeit leistet. Die beiden gehörten zu den Gründungsmitgliedern der Organisation „Project Chimps“, und weil sie wussten, wie sehr mein Mann und ich spätestens seit meiner Arbeit an „Planet der Affen: Revolution“ Schimpansen lieben, fragten sie uns irgendwann, ob wir nicht mitmachen wollen.

Welchen Aufgaben widmet sich die Organisation?

Wir kümmern uns vor allem um die noch in den USA existierenden Labor-Affen. Gestetet werden darf an denen schon seit einiger Zeit nicht mehr, aber es gab lange keinen Ort, wo man sich dieser ausrangierten Schimpansen annahm. Anfangs haben wir gespendet, inzwischen sind selbst im Vorstand. Und heute hat „Project Chimps“ ein Gelände von mehr als 90 Hektar in den Blue Ridge Mountains in Georgia, wo inzwischen fast 100 Schimpansen glücklich ihren Ruhestand verleben. Aber es gibt noch fast 200, die in kleinen Käfigen in privaten Forschungsstationen ihr Dasein fristen. Auch die wollen wir noch zu uns holen.

Quelle: FAZ.NET
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