Julianna Margulies

Eine Schauspielerin, die man sich einfach merkt

Von Bertram Eisenhauer
23.09.2021
, 19:59
Paraderolle: Margulies 2016, kurz vor dem Ende ihrer Serie „The Good Wife“, die auch in Deutschland zu sehen ist.
Sieben Jahre spielte sie in „Emergency Room“, weitere sieben Jahre in „The Good Wife“: Eine kleine Ode an die amerikanische Schauspielerin Julianna Marguelies.

Die Enzyklopädie „Internet Movie Database“, die praktisch alles weiß, was es über Film und Fernsehen zu wissen gibt, verzeichnet bei Schauspielerinnen und Schauspielern stets auch deren Markenzeichen – etwas, was sie unverwechselbar macht und oft auch erheblich ihren Erfolg begründet. Im Falle von Julianna Margulies sind das angeblich „ihre rabenschwarzen Locken“. Das ist zwar korrekt, aber viel zu kurzgefasst – und gilt zudem vor allem für die Zeit, als Margulies noch George Clooney liebte.

Obwohl, streng genommen liebte sie ihn natürlich rein beruflich – weil sie in der Fernsehserie „Emergency Room: Die Notaufnahme“ lange Jahre eine Krankenschwester verkörperte, die der love interest eines von Clooney ebenda gespielten Arztes war. Clooney war damals auch noch nicht DER George Clooney, dieser in Hollywood geformte Inbegriff männlicher Lässigkeit. Doch die Beziehung von „Carol“ und „Doug“, die von den Drehbuch­autoren handwerklich vorbildlich mit allerlei retardierenden Kommen-sie-nun-zusammen-oder-nicht?-Momenten immer weiter gestreckt wurde, war einer der zentralen Gründe für den immensen Erfolg der Serie in den Vereinigten Staaten (der sich hierzulande nie einstellen wollte) und für die intensive Anteilnahme des Publikums am Schicksal des fiktionalen Paares. Der Programmführer TV Guide nahm es ganz zu Recht in seine Liste der „Besten Fernseh-Paare aller Zeiten“ auf.

In jedem einzelnen ihrer insgesamt sieben Jahre in der Serie war Margulies für den Fernsehpreis Emmy als beste Darstellerin in einem Drama nominiert, 1995 gewann sie ihn. Als Clooney die Serie 1999 verließ, um in einer Reihe von Kinofilmen eben DER Clooney zu werden, wussten die Autoren offenbar nicht mehr so recht, was sie mit Margulies anfangen sollten; zu „der Frau, die mit jedem mal ausgeht“, sei Carol geworden, erinnerte sich die Schauspielerin einmal.

Doch seit damals ist die 1966 in der Nähe von New York City Geborene, die man in Deutschland weniger kennt, in ihrer amerikanischen Heimat ein Star, wenn auch einer unter vielen. Dass sie sich, anders als etwa Clooney, vornehmlich im Fernsehen aufhält, wäre vor Jahren noch als second best betrachtet worden. Als zweite Wahl im Vergleich zum prestigeträchtigeren Film. Aber so denkt heute, im Zeitalter des epischen TV und der Stream­ingdienste, kaum einer mehr. Margulies gehört in eine besondere Kategorie von Schauspielern: Hat man sie einmal bemerkt, merkt man sie sich.

Carol, die Krankenschwester, war zwar eine beliebte Figur gewesen – ursprünglich sollte sie in der Pilotfolge sterben, kam beim Testpublikum aber zu gut an, sodass sie weiterleben durfte –, lange Zeit jedoch von Traurigkeit umweht. In mehreren ihrer späteren Arbeiten indessen wurde Margulies, die in jungen Jahren die Scheidung der Eltern überstehen musste, zu einer Art Spezialistin für Frauengestalten, die sich von niemandem herumschubsen lassen und ihren eigenen Weg gehen, dafür aber einen Preis bezahlen.

27 Millionen Dollar für zwei weitere Staffeln „Emergency Room“

Nirgends zeigt sie das so eindrucksvoll wie in der Serie „The Good Wife“, deren Hauptdarstellerin sie zwischen 2009 und 2016 in 156 Folgen war und für die sie weitere zweimal einen Emmy gewann. Ihre „Alicia Florrick“ ist die sprichwörtliche „Frau an seiner Seite“, deren Politiker-Gatte von einem Sex- und Korruptionsskandal übermannt wird; nach vielen Jahren als Mutter arbeitet sie wieder als Anwältin – und muss nun mit Kollegen konkurrieren, die frisch von der Uni kommen. Margulies spielt diese Alicia zwischen Selbstbehauptung und schleichender Korrumpierung ihrer Integrität mit großer Präsenz; ihre leicht angeraute Stimme kann im Gerichtssaal wirkungsvoll schneidend werden, um in emotionalen Augenblicken dann ebenso wirkungsvoll zu brechen.

Wie es scheint, teilt Margulies mit ihrer Paradefigur auch eine gewisse Unabhängigkeit des Denkens. Beispiel: Nach Clooneys Abgang aus dem „Emergency Room“ seinerzeit nahm sie ebenfalls Abschied von der Erfolgsserie, trotz der Warnungen von Kollegen vor dem mutmaßlichen „Karriereselbstmord“, des Drucks der Zuschaueröffentlichkeit, die an Carol und ihrem Doug hing, und des Versprechens auf ein Gehalt von angeblich 27 Millionen Dollar für zwei weitere Staffeln.

Stets mit den richtigen Leuten zusammengearbeitet

Warum das denn, frage ich sie während eines schmerzhaft kurzen Interviews, das sie per Webcam anlässlich ihrer jüngsten Arbeit gibt: „The Morning Show“, eine Apple-TV-Serie über die moralischen Abgründe hinter der fröhlichen Muntermacherkulisse des amerikanischen Frühstücksfernsehens. „Das mit ‚Emergency Room‘“, erzählt Margulies, „war eine qualvolle Entscheidung – weil so viel Geld im Spiel war. Aber ich hatte meinen Vertrag erfüllt, ich hatte die nächsten beiden Jobs in der Tasche, darunter ein Theaterengagement in New York, mit Regisseuren, mit denen ich immer hatte arbeiten wollen.“ Materiell abgesichert war sie ebenfalls, sie war 32, und ihre Hypothek war abbezahlt. Den Ausschlag jedoch gab der Rat ihres Vaters, den sie gern zitiert, auch jetzt wieder: „Wenn du morgen vom Bus überfahren würdest, würdest du sagen können, du hast dein Leben wahrhaftig gelebt, oder hast du darauf gewartet, reich zu werden?“

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Also tat Margulies, wonach der Sinn ihr stand, und hat es bisher nicht bereuen müssen. Und wie erklärt sie sich, dass sie bei der Auswahl ihrer Rollen oft ein gutes Händchen hatte? Sie lacht: „Das ist Glück – zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Bei ‚Emergency Room‘ sollte ich in der ersten Folge ja eigentlich sterben, bei ‚The Good Wife‘ wurde die Rolle vor mir zwei anderen Schauspielerinnen angeboten, und ich wollte eigentlich nicht die dritte Wahl sein, aber mein Agent sagte klugerweise: ‚Niemand wird das wissen, wenn die Leute dich auf dem Bildschirm sehen.‘“

Äußerlich kühl, aber nie statuarisch

Zum Glück gehört auch: Sie hat mit den richtigen Leuten zusammengearbeitet. Anders als manch andere Kollegen sagt sie offen, dass ihr Erfolg ohne Drehbuchautoren undenkbar wäre: „Sie können der beste Schauspieler der Welt sein, aber wenn das Skript nichts taugt, können Sie nicht viel machen.“ Margulies beschreibt den „wunderbaren Tanz“ zwischen Autoren und Schauspielern im seriellen Fernsehen: „Die Autoren beobachten, was du machst, und schreiben mit deinen Stärken im Sinn. Zu den Kings“ – dem Ehepaar Michelle und Robert, das „The Good Wife“ erfand – „habe ich manchmal gesagt: ‚Sie haben meinen Text da so viel kürzer gemacht‘, und sie sagten: ‚Ja, weil Sie immer diese starken Momente haben, wo Sie gar nichts sagen müssen.‘ Und durch diesen Tanz wird eine Figur lebendig.“

Wer sich einen Eindruck von Margulies’ Klasse verschaffen will, ist mit „The Morning Show“ ordentlich bedient, wenngleich die Serie etwas zu viel von jener Oberflächenglätte hat, welche sie doch parodiert. Ein Serien-Nerd würde stattdessen Folge 16 der fünften Staffel von „The Good Wife“ empfehlen; die Episode wurde mit einem Emmy fürs beste Drehbuch ausgezeichnet. Mitten in einer Staffel einzusteigen ist in diesem Fall zu verantworten. Vertrauen wir darauf, dass ein kurzes Was-bisher-geschah genügt: Der Anwalt, der Margulies’ Alicia eine Chance in seiner Kanzlei gegeben hat und mit dem sie eine heimliche Liebe verbindet, wird im Gerichtssaal von seinem Mandanten erschossen – und die Schockwellen der Tat treffen nun Figur um Figur die dramatis personae.

Margulies, von der Inszenierung klug in schwarze Outfits gesteckt, geht durch diese Folge, diese 44 Minuten Fern­sehen, wie eine Witwe in einer antiken Tragödie. Äußerlich kühl, aber nie statuarisch, ein inneres Drama enthüllend, aber nie dramatisierend. Vielleicht wäre diese Fähigkeit ja ein passenderes Markenzeichen für ihren Eintrag in der „Movie Database“.

„The Morning Show“ ist seit dieser Woche bei Apple TV+ zu sehen, „The Good Wife“ ist u.a. bei Amazon Prime Video erhältlich.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Eisenhauer, Bertram (bpe.)
Bertram Eisenhauer
Verantwortlich für das Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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