Social-Media-Lockdown

Ein Abend ohne Instagram

Von Johanna Dürrholz
05.10.2021
, 12:13
Glücklich, wer abends im Zug eine Zeitung dabei hat.
Ein Abend im ICE – und dann ist Instagram down. Unsere Autorin kann ihr Pech kaum fassen. Und verbringt viel Zeit auf Twitter.
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Es gibt Situationen im Leben, die erfordern sämtliche innere Ruhe und Disziplin eines Menschen, die sind so nervenzehrend zermürbend, so bedrückend, dass man die Geduld eines Stücks Papier braucht, um sie bewältigen zu können. Diese Situationen stellen sämtliche Bahnen des Nervenkostüms auf die Probe, wir erinnern uns Jahre später noch an sie und fragen uns: Wie habe ich das geschafft? In diesen Situationen gibt es nichts anderes zu tun als: Warten. Sie haben es sicher geahnt: Es ist Viertel vor acht an einem Montagabend, ich sitze in einem ICE, und Instagram ist down. Ich rufe eine Freundin und Kollegin an, um ihr von meinem Tag zu erzählen. Sie druckst herum „Grad ist schlecht“. Im Hintergrund höre ich ihren Freund fragen: „Wollen wir den Ahrwein aufmachen?“ Wir legen auf. Ich gucke aus dem Fenster, nehme mein Handy und öffne Instagram. Geht nicht, stimmt ja.

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Der Abend erinnert mich ein wenig an die Zeit, als ich mich für ein paar Wochen von Twitter abmeldete und für Instagram die Kindersicherung einstellte. Nach 15 Minuten Fun am Tag sagte mir mein Handy: Ihr Instagram-Limit ist für heute erreicht. Als ich meinen Kolleginnen in der Sonntagszeitung davon erzählte, brach Jubel aus: „Schreib einen Text über deinen Verzicht, Johanna!!“ – „Ist das nicht ein bisschen ausgelutscht?“ – „Nicht bei dir!“ Ich sollte, dachte ich, mir wahrscheinlich Sorgen machen, wenn meine Kolleginnen es so außergewöhnlich finden, dass ich nicht mehr täglich viele Stunden in digitalen Welten abhänge.

Ich schreibe SMS, wie damals ein Teenager

Dabei tue ich normalerweise genau das ziemlich gern: Sie fragen sich, warum Kim Kardashian aussieht, wie sie aussieht? Ich kann Ihnen sagen, welche Schönheitsoperation sie laut einiger kalifornischer Experten gehabt haben soll, weil ich diversen Schönheitsdocs folge, die Celebrity-Gesichter erklären. Sie wollen wissen, welche Lippenstift-Linie Rihanna gerade rausgebracht hat? Auch das weiß ich, logisch. Um der ganzen Sache aber mal gerecht zu werden: Ich folge auch vielen Nachrichtenaccounts, die Informationen verarbeiten, Accounts von Aktivistinnen und Politikern, mein Feed ist fast so gemischt wie das Leben (an dieser Stelle bitte kein Forrest-Gump-Pralinenschachtel-Vergleich!) Irgendwo lese ich, dass die Facebook-/Instagram-Mitarbeiter nicht mal mehr in ihre Büros kommen. „Nicht nur ihr!“, denke ich dramatisch und öffne zum hundertsten Mal mechanisch Instagram, um zum hundertsten Mal auf ein nicht geladenes Profil zu gucken. Meine letzte WhatsApp-Nachricht kommt auch nicht an. Ich schreibe eine SMS, wie damals als Teenager.

Auf Twitter macht die Journalistenelite doofe Witze über den Instalockdown. Ich folge aus mir in diesem Moment unerfindlichen Gründen vielen Intellektuellen, und die machen sich natürlich alle lustig, nach dem Motto: Lest doch mal ein Buch! Wie kann man nur leiden unter einem Instagram-Lockdown? Ja, fahrt ihr mal ICE und habt euer Zugbuch vergessen, ihr Oberschlauen!, denke ich ziemlich sauer. Ich könnte natürlich auch Zeitung oder Nachrichten lesen, aber das habe ich berufsbedingt den ganzen Tag gemacht und dementsprechend keine Lust. Irgendwann ertappe ich mich dabei, mit der Candy-Crush-Version wieder anzufangen, die mir eigentlich zu schwer ist.

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Selig, denke ich, sind diejenigen, die diesen Lockdown 2.0 gar nicht erst mitbekommen – und denke neidisch an die Kollegin, die gerade mit ihrem Freund eine Flasche Wein aufgemacht hat und nun vermutlich auf dem Sofa kuschelt, während meine verlorene und ziemlich unselige Seele in einem leicht verkühlten ICE hockt, in dem vier von fünf Klos defekt sind, zwei Männer ein ganzes Abteil mit Bierfahne und Döner verpesten und die Klimaanlagen-Luft so trocken ist, dass mir unter meiner FFP2-Maske gerade ein Pickel sprießt.

Inzwischen habe ich so oft die Instagram-App geöffnet und auf ein leeres Profil gestarrt, dass ich mein aktuelles Limit (30 Minuten am Tag) schon mehrmals überschreiten musste. Twitter begrüßt auf Twitter (haha) die digital Gestrandeten: „Hello literally everyone!” McDonald’s antwortet auf Twitter. Ich blinzele. Ich lese etwas von Facebook, aber das habe ich vor Jahren vom Handy gelöscht. Am Zugfenster ziehen Lichter im Dunkeln vorbei, und das kleine Licht, das mein Handybildschirm ist, blinkt freundlich im Scheibenspiegelbild. Wenn man nichts zu tun hat, ist man ja automatisch mit den eigenen Gedanken gefangen, und ich denke, dass meine Gedanken nach einem Arbeitstag wirklich nicht so hell leuchten wie mein Smartphonebildschirm. Mein Chef schreibt mir eine E-Mail: „Schon gesehen? Instagram ist down!“ – (Schon gesehen? Haha!) – „Schreibst Du einen Text?“ Ich gucke wieder auf meinen Handybildschirm, dann auf den Bildschirm im Fenster gespiegelt, dann in meinen leeren Kopf. „Na gut“, antworte ich. Dann fange ich mal an.

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Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Duerrholz, Johanna
Johanna Dürrholz
Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin
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