Tom Wlaschiha im Interview

„Es geht immer um Sex, Lust und Macht“

Von Max Fluder
27.06.2022
, 08:34
Auch ein Held muss menschliche Züge haben, findet Tom Wlaschiha.
Video
Tom Wlaschiha, der Mann fürs Zwielichtige, leiht seine Stimme dem Disney-Helden „Lightyear“. Ein Gespräch über Gut und Böse, Deutsche in Hollywood und die Unendlichkeit des Weltraums.
ANZEIGE

Die Arme vor der Brust verschränkt: So begrüßt Tom Wlaschiha zum Zoom-Interview – und in dieser Haltung wird der Schauspieler für die meiste Zeit bleiben. Er ist bekannt dafür, sich nur wenig zu Privatem zu äußern. Für das Gespräch sitzt er auf einem Hocker in einem dunklen Raum. Mit Phantasie sieht es so aus, als würde er durchs All treiben. Neben ihm hängt ein Plakat von „Lightyear“, dem neuen Disney-Pixar-Animationsfilm, den er synchronisiert hat: Der Astronaut Buzz Lightyear – ein „Space Ranger“ laut Film – erkundet fremde Planeten.

Sie sprechen jetzt einen Astronauten, der letzten Endes – so viel soll verraten sein – die Menschen rettet. Wie spricht man einen Helden?

Am besten spricht man einen Helden wie einen normalen Menschen. Denn so richtige, makellose Helden gibt es nicht. Da steht dann ja auch die Frage im Raum: Was ist denn jetzt ein Held?

Beantworten Sie sie doch gleich mit.

Ein Held ist jemand, der sich in außergewöhnlichen Situationen bewährt und gegen Widerstände etwas schafft, was andere nicht schaffen.

Gibt es überhaupt etwas, worauf man als Sprecher eines Helden achten muss? Pathos und Emotionen?

Ja, von allem natürlich etwas. Was bei jedem Helden wichtig ist: dass er menschliche Züge hat. Sonst kann man sich als Zuschauer nicht zu ihm in Beziehung setzen. Alles, was Sie genannt haben, ist bei Buzz Lightyear drin. Da ist einiges an Pathos, weil er sich immer mehr vornimmt, als er gleich schafft. Er hat immer den absoluten Plan und muss dann merken, dass auch er auf Hilfe angewiesen ist.

ANZEIGE

Sie haben mal gesagt, strahlende Helden seien langweilig. Jetzt geben Sie einem Disney-Helden Ihre Stimme.

Buzz Lightyear ist für mich kein strahlender Held. Er ist auf einer Reise – und auf dieser Reise erkennt er eben, dass bestimmte Sachen, von denen er überzeugt ist, doch nicht so gut funktionieren. Dass er eben doch Hilfe braucht, um bestimmte Ziele zu erreichen. Dass Menschen, die er auf der Erde zurücklässt, ihm näher sind, als er es doch am Anfang zugeben will. Das ist es, was ich mit meiner Aussage meine: Es muss immer Brüche geben und menschliche Züge sowieso.

Im Englischen spricht Chris Evans die Rolle. Wie geht man an so ein Vorbild heran?

Chris Evans macht seinen Part gut, aber ich spreche jetzt ja hoffentlich nicht wie Chris Evans 2.0, sondern wie ich selbst. Beim Schauen des Films bekommt man ein Gefühl für den Gesamtbogen der Rolle und versucht, dem gerecht zu werden. Synchron zu sprechen heißt nicht, etwas möglichst hundertprozentig nachzumachen, sondern die Rolle nachzuempfinden.

ANZEIGE

In „Lightyear“ geht es unter anderem um Zeit – und um die Frage, wie und mit wem man sie verbringen möchte. Stellen Sie sich diese Frage auch?

Jeder reflektierende Mensch denkt darüber nach. Und dass unsere Zeit hier endlich ist, das haben die meisten im Hinterkopf. Man muss da nur ab und zu die richtigen Schlüsse rausziehen für sich selbst und mal sagen: Jetzt nehme ich mir Zeit für mich und mache die Dinge, die ich wirklich gerne machen möchte. Manchmal muss man sich auch der Langeweile hingeben.

Es ist nicht die erste große amerikanische Produktion, bei der Sie dabei sind. Wie setzt man sich als Deutscher in Hollywood durch?

Deutsche in Hollywood sind gar nicht so ungewöhnlich. Einer der wichtigsten Ausgangspunkte für mich war, dass ich mir eine Agentur im Ausland, in London, gesucht habe und dann für andere Castings eingeladen wurde. In den vergangenen Jahren hat sich der amerikanische Markt geöffnet. Man ist dort offener geworden Akzenten gegenüber. Man erzählt eine viel breitere Palette an Figuren in den Geschichten. Dann kommt hinzu – von europäischer Seite –, dass es mehr und mehr Koproduktionen gibt. Die Filmwelt wächst immer mehr zusammen.

ANZEIGE

Warum schaffen es dann viele andere deutschsprachige Schauspieler nicht?

Es kann ja nicht jeder überall sein. Was sehr wichtig bei mir war, ist, dass ich recht früh versucht habe, mich international aufzustellen. Dass ich dann in London versucht habe, ein Netzwerk aufzubauen, Kontakte zu knüpfen. Der Beruf ist wahnsinnig unsicher, es gibt keine Garantien. Es ist ein ständiges Suchen und Ausprobieren. Und dann gehört da auch noch ein bisschen Glück dazu.

Video starten01:48
© KinoCheck

Was war bei Ihnen das Glück?

Dass ich Agenten gefunden hatte, die mich sehr unterstützt und mir dann auch viele Türen geöffnet haben. Und dass ich in den entscheidenden Momenten ab und zu mal ein gutes Casting gemacht habe.

Ihr Nachname ist tschechischen Ursprungs. Sprechen die Amerikaner und die Briten ihn richtig aus?

Mittlerweile geht es. Im Englischen kann man da auch gar nicht so viele Fehler machen. Die stolpern natürlich auch darüber, aber es kommt immer einigermaßen geradeaus raus. In Deutschland buchstabiere ich ihn am Telefon immer noch dreimal täglich, aber das wird wohl auch so bleiben.

Sie haben einmal gesagt, sie wollten lernen, Nein zu sagen. Wie lernt man das in Ihrem unsicheren Beruf?

Ich bin immer noch dabei zu üben. Wenn ich ein gutes Angebot bekomme, dann mache ich das auch. Aber als Schauspieler hat man oft das Gefühl, dass nie wieder etwas kommt, wenn eine Produktion erst einmal zu Ende ist. Da ist dann der Kalender komplett frei bis zum Jahresende. Und wenn dann ein Angebot kommt, von dem man nicht 100 Prozent überzeugt ist, wo man also eigentlich Nein sagen müsste, dann fällt es schwer abzulehnen.

ANZEIGE

Eine Ihrer größeren Rollen hatten Sie in „Game of Thrones“. Dort spielten Sie einen Killer. Braucht gutes Fernsehen Brutalität?

Sie haben mich in „Game of Thrones“ nicht bei einer einzigen brutalen Handlung gesehen. Das ist alles bei Ihnen im Kopf passiert. Ich war ein sehr zurückhaltender Typ . . .

Sie hatten aber ein gewisses Image.

Da kann ich ja nichts dafür (lacht). Nein, zurück zur Frage: Was heißt das schon, Brutalität? Ich glaube, was eine Show wie „Game of Thrones“ so populär gemacht hat, war – unter anderem –, dass es letzten Endes um sehr menschliche Dinge ging: um Sex, Lust und Macht. Um die geht es jeden Tag, auch bei uns im Jahr 2022.

Sie verkörpern oft zwielichtige Charaktere. Wie spielt man die richtig?

Ich spiele jede Figur, als wäre diese Figur der positive Held der Geschichte. Man spielt ja den Bösen nicht als Bösen. Die moralische Wertung sollte beim Publikum bleiben. Meine Aufgabe als Schauspieler ist es, meine Figuren zu verteidigen und ihre Handlungen nachvollziehbar zu machen, egal, was das ist.

Muss man als Schauspieler Grenzen ziehen zwischen sich selbst und der unmoralischen Figur, die man spielt?

Ich habe noch nie Method Acting ausprobiert. Ich weiß auch nicht, wie das gehen soll, wenn sich Menschen komplett in ihren Rollen verlieren und selbst in ihrem Privatleben in ihren Figuren bleiben. Bei mir ist das eher ein technischer Vorgang. Sobald die letzte Klappe gefallen ist, bin ich wieder ich. Ich habe, glaube ich, noch keinen psychischen Schaden von einer meiner Rollen davongetragen.

ANZEIGE

Glauben Sie das, oder wissen Sie es?

Das müssen andere beurteilen, aber ich musste bisher nach keinem Dreh zur Kur. Das ist ja ein Anhaltspunkt.

Was heißt denn für Sie eigentlich, böse zu sein?

Böse, gut, das sind keine Kategorien im richtigen Leben. Das ist ja nicht schwarz und weiß. Daher wüsste ich nicht, was böse und gut ist. Es gibt moralisch verwerflich und ethisch falsch. Wenn man als Mensch ein Gewissen hat, dann hält einen dieses Gewissen vielleicht ab und zu davon ab, bestimmte Dinge zu tun. Aber es gibt eben auch andere Leute ohne Gewissen.

Viele kennen Sie aus „Das Boot“, der Sky-Serie. Sie spielt während des Zweiten Weltkriegs. Jetzt gibt es einen echten Krieg in Europa. Was macht das mit Ihnen?

Erst einmal sind das für mich zwei völlig unterschiedliche Dinge. Das eine ist: Wir machen Unterhaltung und erzählen eine Geschichte vor einem historischen Hintergrund. Das andere ist ein realer Krieg. Was mich ein bisschen verwundert: Seit 1949 war irgendwo auf der Welt immer Krieg. Und jetzt sind wir aber plötzlich so schockiert, weil es nebenan stattfindet. Ich denke, das sagt sehr viel über uns als Gesellschaft aus, dass wir Dinge, die weiter weg stattfinden, ausblenden und uns nur dafür inter­essieren, wenn wir jetzt persönlich davon betroffen sind.

Aber das ist doch nur menschlich. Je näher einem etwas geht, desto mehr Emotionen hat man dafür.

Das ist wohl menschlich, ja. Aber durchaus auch bedenklich. Wenn moralische Standards gelten, dann bitte immer und überall.

Es ist bekannt, dass Sie Autos mögen. Wären Sie lieber einmal Weltraum-Tourist à la Lightyear oder mit einem edlen Wagen in Monaco unterwegs?

Durch Monaco bin ich schon gefahren. Nur deswegen würde ich jetzt den Weltraum wählen, der fasziniert mich. Das All ist aus wissenschaftlicher Sicht super interessant. Und es liegt in der menschlichen Natur, herausfinden zu wollen, was sich dahinter verbirgt, ob und wo es weitergeht. Ich persönlich fand als Kind die Vorstellung vom Weltall eher immer etwas . . . nicht beängstigend, aber seltsam. Der Gedanke, dass es da eine Unendlichkeit gibt, dass es immer weiter geht, ohne dass man jemals irgendwo ankommt. Ich fühle mich sehr wohl mit beiden Beinen fest auf der Erde und muss mich nicht irgendwo anders hinschießen lassen.

ANZEIGE

Schauen Sie selbst denn wenigstens gerne in den Sternenhimmel?

Wenn ich im Sommer abends am Strand liege, schaue ich gerne nach oben und denke darüber nach, wo und wie es weitergeht.

Haben Sie dort oben schon mal eine Antwort gefunden?

Nein, nur Sternschnuppen.

Zur Person

In Dohna in Sachsen 1973 geboren, aufgewachsen in der Nähe von Dresden. Lebt in Berlin und London.

Nach der Wende verbringt er ein Schuljahr in Amerika. Danach Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig.

Theatererfahrungen in Dresden, Berlin und ­Stuttgart. Dann der Wechsel zum Film und erste Drehs mit Steven Spielberg, Roland Emmerich und anderen.

Prominente Rollen in den Serien „Das Boot“, „Game of Thrones“, „Crossing Lines“ und seit 2022 auch „Stranger Things“.

Der Film „Lightyear“ läuft gerade in den Kinos. Die neue Staffel „Das Boot“ läuft auf Sky.

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Gutscheinportal
Finden Sie die besten Angebote
Selection
Exklusives für Anspruchsvolle
Sprachkurs
Lernen Sie Französisch
Nachhaltigkeit
Nachhaltigkeit im Unternehmen
Immobilienbewertung
Verkaufen Sie zum Höchstpreis
ANZEIGE