Hannes Þór Halldórsson

„Ich liebe Film und Fußball gleichermaßen“

Von Patrick Heidmann
01.07.2022
, 06:23
Hannes Þór Halldórsson tauscht Torwarthandschuhe gegen Kamera: Bereits im vergangenen Sommer feierte sein Debütfilm „Cop Secret“ Weltpremiere beim renommierten Festival in Locarno.
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Nach dem Ende seiner Karriere als Torwart der isländischen Nationalmannschaft widmet sich Hannes Þór Halldórsson ganz dem Film. Im Interview spricht er über Homosexualität im Fußball und seinen neuen Lebensabschnitt.
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77 Spiele lang war Hannes Þór Halldórsson Torwart der isländischen Fußballnationalmannschaft der Männer. Auch als das Team 2016 sensationell das Viertelfinale der EM erreichte, war der mit von der Partie. Im März diesen Jahres beendete er seine Profikarriere und widmet sich nun ganz der zweiten Laufbahn als Regisseur. Bereits im vergangenen Sommer feierte sein Debütfilm „Cop Secret“ Weltpremiere beim renommierten Festival in Locarno. Die irre Actionkomödie über zwei rivalisierende Ermittler, die sich bei der Aufklärung einer Bankraub-Serie ineinander verlieben, läuft seit dem 23.6. auch in den deutschen Kinos.

Herr Hallórsson, parallel zu einer Karriere als Profifußballer einen Kinofilm zu inszenieren, das macht nicht jeder. Hatten Sie diesen Traum schon Ihre ganze Kicker-Karriere über?

Sagen wir es mal so: meinen allerersten kleinen Kurzfilm habe ich mit 12 Jahren gedreht und mit 16 bin ich dann in der Schule dem Videoclub beigetreten. Die Schule hatte eigentlich einen Wirtschaftsschwerpunkt, aber mich interessierte bis zum Abschluss eigentlich nur, was wir in diesem Club gemacht haben: Kurzfilme, Videos, Unterhaltungsshows für ein Publikum von 200 Leuten. Seit damals weiß ich, dass Regie meine Leidenschaft ist. Und den Fußballtraum hatte ich eigentlich sowieso schon längst beerdigt, nachdem ich mich mit 14 Jahren schwer an der Schulter verletzt hatte.

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Trotzdem haben Sie dann ja erst einmal den Weg des Sportlers eingeschlagen?

Nachdem ich vier Jahre quasi nicht gespielt hatte, rief mich kurz nach dem Schulabschluss mein alter Coach an, weil er verzweifelt war und einen Torhüter brauchte. Ich war früher echt gut gewesen, also dachte ich, dass ich es vielleicht nochmal versuchen sollte. Wäre doch schade, sein Talent zu verschwenden. Und siehe da: die Begeisterung für den Fußball loderte doch noch in mir. Plötzlich wollte ich es nochmal wissen. Aber weil ich ganz unten anfangen musste, konnte ich lange nicht davon leben und brauchte nebenbei einen Job. So bin ich dann jahrelang zweigleisig gefahren, habe gekickt und Werbespots inszeniert. Nur an einen Spielfilm war noch nicht zu denken, denn beim Fußball lief es immer besser. Für eine Weile war es wichtig, mich auf die Nationalmannschaft und mein jeweiliges Team zu konzentrieren, zumal ich ja teilweise auch in anderen europäischen Ländern unter Vertrag stand.

Am Ende haben Sie „Cop Secret“ aber dann doch noch während Ihrer aktiven Karriere gedreht…

Das hatte ich tatsächlich lange nicht für möglich gehalten. Aber als ich 2019 nach vielen Jahren wieder bei einem isländischen Verein anheuerte und zurück nach Hause zog, wurde die Sache plötzlich machbarer. Immer noch ambitioniert, aber nicht mehr vollkommen unrealistisch. Einen ersten Entwurf von „Cop Secret“ hatte ich ohnehin schon in der Schublade, also habe ich irgendwann angefangen, diesbezüglich erste Meetings zu arrangieren. Als ich dann die Produzentin Lilja Ósk Snorradóttir traf, beschlossen wir, es einfach zu versuchen. Wir bewarben uns für Förderung vom Icelandic Film Center, wo man unsere Idee mochte – und so nahm alles seinen Lauf. Es wurde dann ein ziemlicher Kraftakt, weil wir im Sommer, und deswegen mitten in der Spielzeit, zwischen Meisterschafts- und Länderspielen drehen mussten. Aber wir haben es durchgezogen.

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Trailer
„Cop Secret“
Video: avids network, Bild: avids network

Hat Ihre Popularität als Fußballspieler geholfen, den Film auf die Beine zu stellen?

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Da bin ich mir gar nicht so sicher. Es war jedenfalls kein Kinderspiel, die Finanzierung für das Projekt zusammenzubekommen. Weil ich außer Werbespots keinerlei Erfahrung hatte, keinen Kurzfilm oder Ähnliches inszeniert hatte, musste Lilja echte Überzeugungsarbeit leisten, dass ich der Herausforderung überhaupt gewachsen bin. Vielleicht waren einige sogar extra skeptisch, weil sie mich nur als Fußballer kannten. Aber ich will nicht leugnen, dass mein Name sicherlich auch ein paar Türen geöffnet hat und manchmal das Telefon nur abgehoben wurde, weil ich es war, der anrief.

Ihr Film ist nun eine Parodie auf Actionfilme aus Hollywood. Ist das das Kino, mit dem Sie aufwuchsen?

Mehr oder weniger. In meiner Jugend in den Neunzigerjahren liefen tatsächlich vor allem amerikanische Mainstream-Filme in den isländischen Kinos. Natürlich habe ich im Laufe meines Lebens auch ein paar andere Filme gesehen, aber ich würde schon sagen, dass Hollywood mich sehr geprägt hat. Und ich stehe auch dazu, dass ich diese Art des Kinos mag. Wer denn nicht? Wenn Actionfilme gut gemacht sind – so wie damals „Stirb langsam“ oder die „Lethal Weapon“-Reihe – machen sie doch einfach verdammt viel Spaß. Deswegen wollte ich mich auch weniger über sie lustig machen, als ihnen augenzwinkernd ein Denkmal zu setzen. Auf eine Art und Weise, wie es das im isländischen Kino noch nie gegeben hat.

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Die beiden ungleichen Polizisten im Zentrum Ihrer Geschichte verlieben sich ineinander. Hatten Sie keine Sorge, dass es am Ende heißt, Sie würden sich über Homosexualität lustig machen?

Dass die beiden schließlich ein Liebespaar werden, war sicherlich das größte Risiko, das wir eingegangen sind. Zwischendurch fragte ich mich auch manchmal, ob das vielleicht zu viel des Guten sei und tatsächlich falsch ausgelegt wird. Aber ich fand, dass die Geschichte ein echtes, modernes Update brauchte – und durch diese Beziehung noch eine zweite Ebene bekommt. Denn für mich ist das kein simpler Gag, sondern ich sehe das als echte Liebesgeschichte, die ich respektvoll darstellen wollte. Natürlich ist „Cop Secret“ letztlich eine alberne Komödie, aber mir war die Botschaft wichtig, dass ein Mann sich heutzutage von seiner toxischen Maskulinität befreien kann und das ausleben darf, was er fühlt.

Im Profi-Fußball ist ein entspannter Umgang mit dem Thema Homosexualität ja noch immer keine Selbstverständlichkeit. Haben Sie die Hoffnung, dass sich daran endlich mal etwas ändert?

Ich glaube, das tut es schon – ganz langsam. Immerhin hat sich inzwischen in Australien mal ein noch aktiver Profispieler geoutet, und die Diskussionen zu dem Thema werden heute ganz anders geführt als früher. Gleichzeitig muss man nur nach Island gucken: Wir sind eines der progressivsten Länder der Welt – und trotzdem gibt es auch bei uns bislang keinen offen schwulen Spieler. Wir sind also längst nicht am Ziel. Allerdings blicke ich hoffnungsvoll in die Zukunft. Und wäre begeistert, wenn mein Film – ganz unabhängig vom Fußball – auch seinen Teil dazu beitragen könnte, dass sich etwas tut.

In Island lief Ihr Film schon mit großem Erfolg. Worauf sind Sie im Rückblick stolzer: Platz 1 der Kinocharts oder doch das Viertelfinale bei der Fußball-EM?

Muss ich mich entscheiden? Ich liebe Film und Fußball gleichermaßen und bin auf beides stolz. Gleich in zwei Bereichen ist es mir gelungen, aus meinem Hobby etwas echt Großes zu machen und richtig gut darin zu sein. Das ist doch mal was! 2018 einen Elfmeter von Messi zu halten – das war sicherlich das Highlight meiner Sportlerkarriere. Und auf nichts bin ich so stolz wie auf zehn Jahre in Islands Nationalmannschaft. Aber nun in meinen neuen Lebensabschnitt gleich mit einem Film zu starten, der so gut ankommt, ist schon auch ein enormes Privileg.

Quelle: FAZ.NET
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