SPRECHEN SIE...

Von LEONIE FEUERBACH

14. September 2021 · Sie kommen nicht mehr mit, in den sozialen Medien oder im Gespräch mit Jüngeren? Hier kommt Abhilfe.


Ally

Ein Ally ist ein Verbündeter. Der Begriff kommt aus der Homosexuellenbewegung. „Straight allies“ wurden Leute genannt, die selbst „straight“ sind, also heterosexuell, und sich mit sexuellen Minderheiten solidarisierten. Zum echten Ally-Dasein gehört es, sich weiterzubilden und die eigenen → Privilegien zu hinterfragen. Allys geben auch das Pronomen, mit dem sie angesprochen werden wollen, in ihrer Mail-Signatur an. Die Idee dahinter: Je normaler das wird, umso leichter wird es auch für Transpersonen, die richtige Anrede einzufordern.


alte weiße Männer

Drei Wörter, die leicht verständlich klingen, ganz anders als „Deadname“, „Flinta“ und weitere Wörter, die hier noch folgen. Ein bisschen kompliziert ist es aber auch hier. Der alte weiße Mann steht in der Diskussion über → Identitätspolitik für den Prototyp eines Menschen, der keine Diskriminierung aufgrund von unveränderlichen Merkmalen wie Geschlecht oder Hautfarbe erfährt. In Debatten wird ihm das – trotz dieser Unveränderlichkeit – oft zum Vorwurf gemacht. Er sei → privilegiert und solle deshalb nicht versuchen zu verstehen, wie sich Minderheiten fühlen, oder für sie sprechen. Neben dem tatsächlichen AWM wird mit dem Begriff oft auch eine rückständige Haltung beschrieben.


Blackfacing / Whitewashing

Angelina Jolie spielte 2008 die schwarze Journalistin Mariane Pearl: mit dunkler Schminke und krauser Perücke. Kritiker bezeichneten das wahlweise als Blackfacing, schließlich wurde Jolie das Gesicht schwarz angemalt, oder als Whitewashing, weil ein eigentlich schwarzer Charakter von einer weißen Frau dargestellt wurde. Blackfacing ist auch in Deutschland immer wieder ein Thema, zuletzt, als ein Kabarettist schwarz geschminkt als afrikanischer Diktator im Bayerischen Rundfunk auftrat und es Rassismus-Vorwürfe hagelte.

cis

Klingt exotisch, trifft aber auf die allermeisten Menschen auf dieser Welt zu. Der Begriff „cis“, kurz für „cisgender“ („cis“ heißt auf lateinisch „diesseits“) bedeutet nichts weiter, als dass sich ein Mensch mit dem Geschlecht identifiziert, das ihm spätestens bei der Geburt aufgrund seiner sichtbaren körperlichen Geschlechtsmerkmale zugewiesen wird. Ein Sexualwissenschaftler erfand das Wort in den Neunzigern als Gegenstück zu „transgender“, um deutlich zu machen, dass das Gegenteil von trans nicht einfach „normal“ ist. Aber Achtung: „cis“ hat nichts mit sexueller Orientierung zu tun!

Deadname

Transpersonen, die ihr biologisches Geschlecht ihrem empfundenen angleichen, ändern logischerweise auch ihren Vornamen. Der Name, den ihre Eltern ihnen bei der Geburt gaben, ist dann tot: ein Deadname. Menschen nach der geschlechtsangleichenden Operation noch mit diesem Namen anzusprechen oder ihn auch nur in einem Nebensatz zu erwähnen (Deadnaming), gilt vielen als respektlos oder gar transfeindlich. Laut deutschem Transsexuellengesetz darf der frühere Name einer Transperson nicht gegen deren Willen offenbart werden; strafbar ist das aber nicht.

FLINTA

Dieses Akronym steht für Frauen, Lesben, Intersexuelle, Nonbinäre, Transgender und Agender, also geschlechtslose Menschen. Hängt noch ein Sternchen hinten dran, steht das für all jene, die sich in keinem dieser Begriffe wiederfinden, aber unter dem Patriarchat leiden. Feministinnen der alten Garde stören sich daran, dass Frauen hier nur noch eine von vielen Gruppen sind, um die sich der Feminismus bemüht.

Gender-nonkonform / nichtbinär

Wer sich weder als Mann noch als Frau fühlt, hat eine nichtbinäre oder nonkonforme Geschlechtsidentität. Das können Intersexuelle sein, also Menschen mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen, aber auch alle anderen. In Amerika werden Nichtbinäre mit „they“ statt „he“ oder „she“ angesprochen. Vielleicht ist Ihnen schon mal ein „they“ in einer Mail- Signatur oder Twitter-Biografie begegnet? Oder auch ein „er“ oder „sie“? Dann hatten Sie es mit einem → Ally zu tun.

Identitätspolitik

Dieser Begriff wird selten bejahend und oft kritisch verwendet. Wenn (neue) Linke Fragen von Identität, Zugehörigkeit, Kultur oder Geschlecht ins Zentrum gesellschaftspolitischer Debatten stellen, stört das nicht nur Konservative, sondern auch traditionelle Linke. Die einen sehen eine unnötige Fixierung auf Minderheiten, die anderen würden lieber Fragen der Verteilungsgerechtigkeit ins Zentrum solcher Debatten stellen. Wer Merkmale wie Geschlecht oder Hautfarbe besonders betone, um Minderheiten zu mehr Rechten zu verhelfen, so ihre Kritik, erreiche mitunter das Gegenteil: eine Verstärkung der Unterscheidung und damit der Opferrolle.

intersektional

Ein Mensch kann aus verschiedenen Gründen diskriminiert werden, denken wir nur an die „lesbische schwarze Behinderte“ aus dem Lied von den Toten Hosen. Intersektionalität nimmt diese Überschneidung von Diskriminierung in den Blick. Intersektionale Feministinnen etwa verstehen sich auch als antirassistisch und antiklassistisch. Das führt zu Konflikten mit traditionellen Feministinnen wie Alice Schwarzer, die sich teils dem Vorwurf ausgesetzt sehen, rassistisch zu sein, weil sie Frauenunterdrückung und Homosexuellenfeindlichkeit in der arabischen Welt kritisieren.

kulturelle Aneignung

Ein leicht verständliches Beispiel: Die Zigarettenmarke American Spirit druckt das Konterfei eines amerikanischen Ureinwohners mit Federschmuck auf ihre Schachteln. Hier wird mit den Symbolen einer unterdrückten Kultur Profit gemacht. Aber wie steht es um Weiße, die Dreadlocks tragen oder Yoga machen? Der Vorwurf kultureller Aneignung wird heute schnell erhoben und wirkt oft überdreht.


PoC / BPoC / BIPoC

Diese Abkürzungen stehen für „People of Colour“, „Black and People of Colour“ sowie „Black, Indigenous and People of Colour“. Sie werden inzwischen auch in Deutschland verwendet, vor allem von Menschen, die besonders darauf bedacht sind, mit ihrer Wortwahl niemanden vor den Kopf zu stoßen. An der Abfolge dieser Abkürzungen zeigt sich ein Problem politisch korrekter Sprache: Sie altert extrem schnell. PoC, ein in den Sechzigern von den Black Panthers geprägter Begriff, galt so lange als optimale Bezeichnung für nichtweiße Menschen, bis jemand meinte, die Schwarzen (B) und später die Indigenen (I) innerhalb dieser Gruppe besonders sichtbar machen zu müssen. Was wohl als nächstes kommt?

privilegiert / white privilege

„Check your privilege“ lautet ein Kampfruf → woker junger Menschen. Sie meinen: Weiße, ganz besonders aber → alte weiße Männer, sind sich ihrer Stellung in der Gesellschaft gar nicht bewusst. Werden sie angestarrt oder abfällig behandelt, können sie sicher sein, dass es nicht an ihrem Geschlecht oder ihrer Hautfarbe liegt. Kommen sie mal zu spät oder kleiden sich nachlässig, würde das nie mit ihrer Ethnie in Verbindung gebracht. Erscheint Ihnen nebensächlich? Das aber sicher nicht: In Amerika bedeutet „white privilege“ auch, dass eine Polizeikontrolle nicht potentiell lebensgefährlich ist.

Safe Space

Sogenannte Schutzräume sollen diskriminierungsfrei sein und Minderheiten ungestörten Austausch über ihre Erfahrungen ermöglichen. Es gibt sie heute an amerikanischen und britischen Universitäten sowie in manchen Unternehmen. Teils gilt auch ein ganzer Campus als Safe Space. Dann werden zum Beispiel kontroverse Redner ausgeladen, die Minderheiten → triggern könnten. Debatten über Safe Spaces drehen sich deshalb oft auch um Redefreiheit. Kritiker sehen sie gefährdet, wo Menschen vor jeglicher Zumutung abgeschirmt werden sollen. Wie so oft wird es also schnell grundsätzlich.

TERF / SWERF

Noch zwei Akronyme aus dem Spektrum des → intersektionalen Feminismus oder Queerfeminismus. Sie stehen für „Trans-Exclusionary Radical Feminism“ beziehungsweise „Sex Work Exclusionary Radical Feminism“. Für die neuen Feministinnen gehören Transfrauen dazu, ohne Wenn und Aber. Wer wie Joanne K. Rowling befürchtet, dass der Abschied vom biologischen Geschlecht in letzter Konsequenz den Abschied von Quoten und → Safe Spaces für Frauen bedeutet, gilt ihnen als TERF. Und wer wie Alice Schwarzer Prostitution als frauenfeindlich betrachtet und Pornografie ablehnt, als SWERF.

Token

An Computern helfen Token bei der Authentifizierung. In Debatten über soziale Gerechtigkeit werden so teils Angehörige einer Minderheit in prominenter Stellung bezeichnet. Der „Quotenschwarze“ im Film heißt auf Englisch „token black person“. Seine Anwesenheit, so die Kritik, verschleiert die eigentlich noch bestehende Diskriminierung. Wer jemanden als Token bezeichnet, wirft ihm also vor, der Mehrheitsgesellschaft als Feigenblatt zu dienen. Oft trifft dieser Vorwurf Leute, die einer Minderheit angehören und trotzdem keine Fans der → Identitätspolitik sind.

trans*

Bei Transsexuellen und Transgendern stimmt die Geschlechtsidentität nicht mit dem eingetragenen Geschlecht überein. Manche machen eine geschlechtsangleichende Operation, andere nicht. Eigentlich einfach. Doch um die richtige Bezeichnung gibt es Streit. Sind Transfrauen Frauen, die bei der Geburt ein Mann waren? Oder muss es trans Frau heißen, weil es ja auch lesbische Frau heißt und nicht „Lesbischfrau“? Ist der Begriff nicht diskriminierend, weil eine Transfrau einfach eine Frau ist, auch wenn sie bei ihrer Geburt nicht so aussah? Sollte man trans* mit Sternchen schreiben? Und wenn man Frauen* schreibt: Inkludiert man dann Transfrauen oder unterstellt, dass sie nicht zu den Frauen gehören? Und hilft es dem Feminismus, wenn Frauen ohne Sternchen aus dem Diskurs verschwinden?

Trigger

In der Traumaforschung werden Reize wie Geräusche oder Gerüche als Trigger bezeichnet, die ein unverarbeitetes Trauma wachrufen können. Manchen aber gilt alles als Trigger, was Minderheiten und ihre → Allies verstören könnte; rassistische Sprache oder Szenen sexueller Gewalt etwa. Büchern und Serien werden deshalb heute oft „Trigger-Warnungen“ vorangestellt. Allerdings haben Studien gezeigt, dass Trigger-Warnungen wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung wirken – und wir uns nach einer solchen Warnung eher von Gewalt oder Frauenfeindlichkeit verletzt fühlen.


woke

So wie → Identitätspolitik wird auch dieser Begriff heute oft von seinen Gegnern verwendet. Dann ist abfällig von der „Woke-Bubble“ oder von „Woke-Twitter“ die Rede. Bei den Anti-Rassismus-Protesten 2014 in der amerikanischen Stadt Ferguson war #Stay- Woke aber ein beliebter Hashtag. Als woke bezeichnen sich Menschen, die sensibel für Diskriminierung sind, einen wachen Blick für Ungerechtigkeiten haben. Die Wortneuschöpfung erinnert an das englische Wort für „wach“.


ALLEINSEIN UND RADIKALISMUS: Die Einsamkeit der Generation Z
OHN CLEESE KLÄRT AUF: Cancel Culture in leichter Sprache