Kristen Stewart im Porträt

Voll präsent im Moment

Von Maria Wiesner
16.01.2022
, 08:29
Eigensinnig auch beim Styling: Kristen Stewart während eines Chanel-Events in Paris
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Vom Teeniestar zur Schauspielgröße: Kristen Stewart ist nie abgestürzt, obwohl sie früh berühmt geworden ist. Im Film „Spencer“ brilliert sie nun als Prinzessin Diana.
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Seit Dianas tragischem Unfalltod 1997 haben sich viele Filmemacher daran versucht, ihre Geschichte zu erzählen. So wie in „Spencer“ hat man sie aber noch nie gesehen. Der chilenische Regisseur Pablo Larraín führt fort, was er 2016 mit dem Kennedy-Film „Jackie“ begann: Er blickt auf die Geschichte einer weltbekannten Frau in dem Moment, als sich ihr Leben für immer verändert. In „Jackie“ spielte Natalie Portman die Gattin des erschossenen amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy, an deren Kostüm nach der Tat noch das Blut ihres Manns klebt. In „Spencer“ verbringt Kristen Stewart als Prinzessin Diana 1991 drei Weihnachtstage im Kreis der königlichen Familie auf Schloss Sandringham und überdenkt dabei ihre Ehe und ihr Leben.

Larraíns Filme bewegen sich immer entlang jener dünnen Linie, auf der Realität mit Fiktion verschwimmt wie Himmel und Wasser an einem verhangenen Tag am Meer. Schon in „Jackie“ ließ er Natalie Portman Originalaufnahmen in Fernsehinterviews nachdrehen, ließ Kostüme detailgenau herrichten und hob dann auf dieser Grundlage zur eigenen Interpretation der Figur ab. In „Spencer“ wiederholt er das, nur hat er dieses Mal in Kristen Stewart eine Komplizin an der Seite, deren Perfektion selbst Portmans Leistung in den Schatten stellt.

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Trailer
„Spencer“
Video: Polyfilm Verleih, Bild: AP

Kristen Stewart hat Diana studiert. Das wird gleich zu Beginn des Films klar. Da fährt sie im offenen Porsche durch die englische Landschaft zum Schloss Sandringham. Obwohl sie aus der Gegend stammt, kommt sie vom Weg ab. Im rot-grün-blauen Tartankostüm mit Sonnenbrille, High Heels und Handtasche von Chanel stöckelt sie in eine Bar und fragt die Anwesenden: „Wo zum Teufel bin ich?“ Die Gäste erstarren beim plötzlichen Anblick der Prinzessin. Eine Reaktion, die Kristen Stewart nur allzu gut kennt. Würde die 31 Jahre alte amerikanische Schauspielerin ihre Zeilen nicht in perfektem britischem Upperclass-Akzent sprechen, der eine intensive Beschäftigung mit der Rolle nahelegt, so könnte man meinen, sie spiele eine Szene ihres eigenen Lebens nach.

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Erste Filmrollen mit neun Jahren

Im Jahr 1990 in Los Angeles geboren, wuchs Kristen Stewart als Kind zweier Filmschaffender auf, bekam Privatunterricht und spielte schon im Alter von neun Jahren erste kleine Filmrollen. Das bereitete sie aber nicht auf das vor, was von 2008 an geschah. Mit knapp 18 Jahren übernahm sie die Rolle der Bella Swan, die sich in einen Vampir verliebt. Die Verfilmung der Jugendroman-Serie „Twilight“ feierte große Erfolge. Heranwachsende Mädchen hielten Stewart für ihre beste Freundin, pubertäre Jungs schwärmten für sie, Paparazzi lauerten ihr auf, sobald sie das Haus verließ. In einem Interview während der Pressetour zum zweiten Teil der Vampir-Saga 2009 erzählte sie einem Reporter der „New York Times“: „Was mich wirklich fertigmacht, was mich innerlich zerreißt, ist, wenn die Leute denken, ich sei rücksichtslos oder undankbar, weil ich nicht im Bikini nach draußen gehe und den Paparazzi zuwinke.“ Sie war in einer Zeit zum Teenager-Star geworden, in der sie die Abstürze junger Idole einer ganzen Generation genau verfolgen konnte. Die Fotografen der Klatschpresse lauerten Lindsay Lohan, Paris Hilton und Britney Spears auf; deren Party-Eskapaden und Fehltritte landeten sofort auf den Titelblättern der Boulevardpresse.

Die Rolle machte sie zum Teenie-Star: Kristen Stewart mit Robert Pattinson in „Twilight - Biss zum Morgengrauen“
Die Rolle machte sie zum Teenie-Star: Kristen Stewart mit Robert Pattinson in „Twilight - Biss zum Morgengrauen“ Bild: AP

Dass Stewart das erspart blieb, liegt auch an Jodie Foster. Mit ihr drehte die damals Zwölfjährige im Jahr 2002 den Thriller „Panic Room“ unter der Regie von David Fincher. Foster, die selbst in ähnlichem Alter auf einen Schlag berühmt wurde, nämlich durch Martin Scorseses Film „Taxi Driver“, war vom Talent ihrer jungen Kollegin begeistert. Sie schärfte ihr ein, wie wichtig es sei, nun „keine Reality-Show“ zu werden. Diese Art der Aufmerksamkeit möge zunächst spaßig wirken, aber in zehn Jahren werde das anders sein. Und Foster gab ihr den Karriereratschlag, zwischen den Filmwelten des Indie- und des Kommerzkinos hin und her zu wechseln, um nicht in einem Image stecken zu bleiben.

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Ohne soziale Medien

Stewart befolgte den Rat und drehte zwar nach „Panic Room“ die „Twilight“-Saga zu Ende, gab sich jedoch trotz der riesigen medialen Aufmerksamkeit allergrößte Mühe, nicht in die Falle der „Reality-Show“ zu tappen. Als sich die Klatschreporter auf ihr Liebesleben mit dem Ko-Star Robert Pattinson stürzten (die On-Off-Beziehung dauerte fast so lange wie die Dreharbeiten der fünf „Twilight“-Teile), blieb Stewart ruhig. Auch als sich während ihrer Trennung von Pattinson und ihrem darauffolgenden Outing, bisexuell zu sein, Hass und Empörung im Netz breitmachten, reagierte sie mit kühler Gelassenheit.

Als Jodie Foster (links) 2016 ihren Stern auf dem Hollywood Walk of Fame bekam, hielt Kristen Stewart die Einführungsrede.
Als Jodie Foster (links) 2016 ihren Stern auf dem Hollywood Walk of Fame bekam, hielt Kristen Stewart die Einführungsrede. Bild: dpa

Von den sozialen Medien hält sie sich fern, sie nimmt aber durchaus wahr, was dort über sie geschrieben wird. Als sie 2017 als Stargast die New Yorker Late-Night-Show „Saturday Night Live“ moderierte, sprach sie in ihrem Eröffnungsmonolog über die Tweets des damaligen amerikanischen Präsidenten Donald Trump zu ihrer Trennung von Pattinson. „Ich bin etwas nervös, das hier heute zu moderieren, denn der Präsident schaut wahrscheinlich zu, und ich glaube, er mag mich nicht sonderlich. Woher ich das weiß? Er hat elfmal über mich getweetet.“ Dann las sie Auszüge der Beschimpfungen vor, die Trump anlässlich der Trennungsgerüchte veröffentlicht hatte (“Sei schlau, Robert, verlasse sie!“), und nahm letztlich auch die mit Humor: „Ich glaube, Donald Trump hasste mich nicht. Ich glaube, er war einfach in meinen Freund verliebt.“

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An dem kurzen Moderationsclip, der noch heute auf Youtube zu finden ist, zeigt sich, was die Öffentlichkeit an Kristen Stewart so fasziniert. Es ist nicht nur die Souveränität, mit einem Shitstorm umzugehen; bei ihren Auftritten macht sie einen authentischen Eindruck, weil sie doch auch immer ein wenig unbeholfen wirkt (die englische Sprache hat dafür das hübsche Wort „awkward“, das ein Verhalten zwischen peinlich berührt und tapsig beschreibt). Sie verhakt ihre Finger ineinander, wedelt in kleinen unbeholfenen Gesten mit den Händen, kommuniziert über ihre Körpersprache, dass sie eigentlich zu schüchtern ist, um hier vor großem Publikum Witze über ihr Privatleben zu reißen. Sie ist aber auch Medienprofi genug, um dennoch ihre Filme zu bewerben und solche Auftritte auch durchzuziehen.

© Youtube

Im Gegenzug für dieses Zugeständnis an Produktionsfirmen und Agenten nimmt sie sich andere Freiheiten heraus. Von der Wahl ihrer Rollen bis zur Wahl ihrer Kleidung setzt sie ihren eigenen Kopf durch. Den Monolog bei „Saturday Night Live“ hielt sie in einem schwarzen Spanx-Unterkleid, das sie mit einem durchsichtigen Rock aus Gittergewebe mit Lederapplikationen des Schweizer Labels Yvy kombinierte. Zur Premiere des Diana-Films „Spencer“ schritt sie 2021 beim Filmfestival in Venedig in einem mintgrünen Spitzenkleidchen über den roten Teppich und kam in besonders kurzen Chanel-Hot-Pants zum Fototermin.

Mut zu außergewöhnlichen Modestatements: Stewart bei der Premiere von „Spencer“ in Venedig
Mut zu außergewöhnlichen Modestatements: Stewart bei der Premiere von „Spencer“ in Venedig Bild: EPA

Manche Stilkritiker fanden das zu gewagt, andere verbuchen sie längst unter "nonkonform". Stewart ist das schlicht egal; Moderegeln sind für sie dazu da, um gebrochen zu werden, gern mit feministischem Ansatz der Selbstermächtigung. Als sie in Cannes die hohe Treppe zum Festivalpalast in High Heels erklimmen sollte (so schreibt es der konservative französische Dresscode für Frauen vor), zog sie ihre Louboutins kurzerhand aus und lief die Stufen barfuß empor. „Wenn sie keine Männer dazu verpflichten, in Kleid und Stöckelschuhen hier hochzulaufen, dann können sie das von mir auch nicht verlangen“, sagte sie den überraschten Journalisten.

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Kein Teenie-Star mehr

In Frankreich liebt man die Amerikanerin trotzdem. Seit sie 2014 an der Seite von Juliette Binoche in „Die Wolken von Sils Maria“ zu sehen war, hat sie sich auch dort etabliert. Für ihre Rolle als junge Assistentin einer alternden Schauspieldiva bekam sie sogar den nationalen Filmpreis César. Den „Oscar Frankreichs“ hatte zuvor noch nie eine Amerikanerin bekommen. Mit dem französischen Regisseur Olivier Assayas arbeitete sie zwei Jahre später noch einmal für den Fantasy-Thriller „Personal Shopper“ zusammen. Bei diesen Rollen fällt auf, dass sie dem Rat Jodie Fosters folgt und Mainstream-Kinoauftritte mit Arthouse-Rollen mischt. Vor allem aber hat sie sich in den europäischen Filmen vom Image des Teenie-Stars freigespielt. Es brauchte Künstler wie Assayas, die ihr Raum gaben, dem eigenen Talent zu vertrauen und eine Arbeitsweise zu entwickeln, die es zum Strahlen bringt. In einem Gespräch mit Lars Eidinger, mit dem Stewart in „Personal Shopper“ zusammengearbeitet hatte, zeigte er sich überrascht davon, wie sehr seine Kollegin im Moment verharren konnte, wie präsent sie in jeder Szene war.

Keine Lust auf High Heels: Beim Filmfestival in Cannes boykottierte die Schauspielerin 2018 die Kleidervorschriften für den Zugang zum Festivalpalast.
Keine Lust auf High Heels: Beim Filmfestival in Cannes boykottierte die Schauspielerin 2018 die Kleidervorschriften für den Zugang zum Festivalpalast. Bild: AFP

Über ihre Schauspieltechnik sagte Stewart einmal, es gehe nicht nur darum, „eine Leistung abzuliefern, sondern vom eigenen Spiel völlig schockiert zu sein und den Regisseur genau das einfangen zu lassen. Das kriegst du nur hin, wenn du dich komplett bloßstellst. Für mich ist es das Größte, wenn sich dabei etwas zeigt, von dem ich selbst gar nicht wusste, dass es in mir steckt“.

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Laut der Filmdatenbank IMDb hat Kristen Stewart mit gerade einmal 31 Jahren schon in 56 Filmen mitgespielt. Selten sei sie mit ihrer Leistung zufrieden, erzählte sie unlängst einer britischen Zeitung. „Spencer“ gehört demnach zu den fünf guten Filmen, die sie im Lauf ihrer Karriere gemacht hat. Sie gibt sich tatsächlich mehr Blöße als in vielen ihrer anderen Rollen. Dianas fragile Psyche zeigt sich in ihren Essstörungen, wenn sie sich nachts heimlich in die Küche schleicht und beginnt, Torten in sich hineinzustopfen, während sie beim Essen im Kreis der königlichen Familie immer wieder auf die Toilette rennt, um sich zu übergeben. Stewart gelingt es, eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs zu spielen, die dennoch ihre Würde behält. Auch das ist ein Trick, den sie im Lauf ihrer Karriere gelernt hat: das Wagnis, sich selbst bloßzustellen, um die Figur nicht bloßstellen zu müssen.

Jodie Foster hatte ihr 2002 prophezeit, sie sei zu intelligent, um lange Schauspielerin zu bleiben. Sie sehe sie eher als Regisseurin. Foster sollte auf lange Sicht recht behalten. Als im Lockdown Filmschaffende wie Paolo Sorrentino, Maggie Gyllenhaal und Naomi Kawase für das Projekt „Homemade“ begannen, Kurzfilme über die Quarantäne zu drehen, nahm auch Stewart die Kamera in die Hand. Ein eigener Spielfilm, in dem sie Regie führen wird, ist in Arbeit. Seit November ist sie mit der Drehbuchautorin Dylan Meyer verlobt. Und für die Rolle in „Spencer“ sagt man ihr Chancen auf die Nominierung für einen Oscar voraus. 2022 könnte man noch viel hören von Kristen Stewart.

Quelle: F.A.Z. Magazin
Autorenporträt / Wiesner, Maria
Maria Wiesner
Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“.
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