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Wie viel Luxus muss sein?

Von Jennifer Wiebking
16.11.2021
, 16:09
Die Tasche von Yves Saint Laurent, der Gürtel von Hermes, die Rolex rechts, die Apple Watch links: Statussymbole gewinnen immer mehr an Bedeutung, aber warum?
Luxusobjekte sind immer präsenter im Alltag. Und sie werden teurer. Einige sind auf Jahre hinaus nicht zu bekommen. Warum messen wir ihnen so viel Bedeutung bei?
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Drei Alltagsbeobachtungen: Die Frau, die in Düsseldorf mit ihrem kleinen Hund an der Leine in den Zug steigt und Richtung Frankfurt fährt, sieht aus, als ginge sie zu einer Dior-Modenschau – im blauweißen Dior-Poncho, mit blauweißem Dior-Shopper, selbst ihr Hund trägt das Dior-Oblique-Muster. An einem anderen Ort, auf einem Spielplatz, trägt die Mutter eines Anderthalbjährigen an einem der letzten sonnigen Herbsttage im schmuddeligen Stadtsand Chanel-Sandalen und Chanel-Stepptasche. Und auf einem E-Roller an der Hauptstraße stadtauswärts fährt ein junger Typ im Valentino-Logo-Shirt vorbei. Die Liste ließe sich beliebig fortführen. Statussymbole scheinen ein großes Ding zu sein, zumindest für ein gewisses Milieu. Einige von ihnen werden auch immer teurer. Eine Chanel-2.55-Stepptasche zum Beispiel kostete Ende der neunziger Jahre 1010 Euro. Wer sie heute neu kaufen möchte, muss 6850 Euro zahlen. Sofern sie verfügbar ist. Viele andere Statussymbole sind es nämlich gerade nicht. Bestimmte Rolex-Modelle zum Beispiel. Wer beim Juwelier anruft, bekommt schon mal die Information, bei einer Submariner mit grüner Lünette oder einer Sea-Dweller Deepsea sei mit einer Wartezeit von gut drei Jahren zu rechnen. Bei der Batman (Lünette in Schwarzblau) sollen es sogar fünf Jahre sein. Und der Erwerb einer Pepsi mit rotblauer Lünette ist möglicherweise aussichtslos, zumindest in diesem Leben.

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Der Bedarf übersteigt die Produktion um ein Vielfaches. Dass Luxushäuser nicht wie Hersteller von Spülmaschinensalz das eine an das andere anpassen, ist verständlich. Was soll Luxus noch bedeuten, wenn er überall zu haben ist – und es offenbar genügend Menschen gibt, die ihn sich leisten können? Entscheidender aber ist die Frage, warum uns Statussymbole überhaupt so viel bedeuten, dass sie im Alltag so präsent sind, dass sie immer teurer werden, dass sie so gut wie nicht mehr verfügbar sind? Sicher, es gibt auch Gegenbewegungen. Menschen, die früher begeistert in die Fußgängerzone gegangen sind und heute Konsum als Verschwendung von Ressourcen betrachten. Oder die seit Jahren nichts Neues mehr gekauft haben. Es soll auch Leute geben, die bewusst sparen und sich dann doch einmal etwas richtig Teures leisten. Aber auch für sie und viele andere sind und bleiben materielle Dinge offenbar etwas, das ein Leben nach innen wie nach außen als erfolgreich und erstrebenswert markiert.

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Jennifer Wiebking - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jennifer Wiebking
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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