Neue Bilder von Billie Eilish

Der Körper, mit dem sie geboren wurde

Von Johanna Dürrholz
03.05.2021
, 14:32
Billie Eilish in der britischen Vogue
Wenn Popsängerinnen erwachsen werden, gibt es oft einen medienwirksamen Imagewandel: Aus Mädchen werden Frauen, deren Körper sich vermarkten lassen. Auch Billie Eilish hat sich verändert.
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Billie Eilish ist erwachsen geworden. Woran man das erkennt? Ganz einfach. Ein todsicheres Zeichen dafür, dass ein weiblicher Popstar erwachsen geworden ist, ist die öffentliche Betrachtung und Bewertung seines Körpers. Was sich zumindest manche Medien und Kommentatoren in den sozialen Medien bei einer Sechzehnjährigen noch nicht trauen, ist spätestens, wenn sie 18 ist, Usus.

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Das liegt oft daran, dass das Erwachsenwerden von jungen, erfolgreichen Frauen vermarktet wird. Ist ein Popstar nicht mehr neu auf dem Markt und muss sich also durch neue Musik und neue Werke beweisen, ist es ein erfreulicher Nebeneffekt, wenn die Künstlerin in der Zwischenzeit 19 geworden ist und keine Lust mehr hat, Zöpfe und Schulmädchenuniform zu tragen (was ja, vermarktungstechnisch gesehen, auch nicht bedeutungslos ist). Die Coming-of-Age-Story, das Eintreten in die Adoleszenz wird in der Popmusik seit jeher monetarisiert.

Auf Britney Spears’ eben bauchfreien Schulmädchenlook folgte ein unentschlossenes „I’m not a girl, not yet a woman” und dann ein sehr entschlossenes, ziemlich verschwitztes und Würgeschlangen involvierendes „I’m a slave 4 U”. Als Christina Aguilera kein Dschinni-Girl mehr sein wollte, wurde sie mit einem Paukenschlag „dirrty“, und Miley Cyrus tanzte nicht nur uneindeutig eindeutig mit merkwürdigen Riesenstofftieren, sie schwang auch nackt an einer Abrissbirne und lebte ihr Erwachsengewordensein sowieso exzessiv (und ohne jemals in Echt abzustürzen) aus. Die Liste junger Sängerinnen, die medienwirksam erwachsen geworden sind, ist lang.

Die meisten dieser Imagewandel sind exakt berechnet, wollen einen Aufschrei, und die Plattenfirmen wollen die Sexualität ihrer Stars gleich mitvermarkten. Das betrifft in besonderem Maße Frauen, obwohl sicher auch ein früherer Boygroup-Schwarm wie Harry Styles einen Wandel durchlebt hat und heute zuweilen mehr Haut zeigt als in seiner One-Direction-Phase.

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Kalkulierter Moment

Nun also Billie Eilish. Hat sie sich dem Diktat der Plattenfirmen gebeugt? Die, der es stets gelang, mit giftgrünen Haaren, schwarzen Tintentränen und übergroßen Gucci-Ganzkörperanzügen die schönste, widerspenstigste und tiefgründigste Siebzehnjährige der Welt zu sein? Zumindest ist sie nun, neunzehnjährig, platinblond. Und zeigt viel mehr Körper als es jeder oversized Designer-Fummel jemals hätte erahnen lassen. Für eine Strecke in der britischen Ausgabe der „Vogue” präsentiert sich Eilish unter anderem in einem Korsett mit Strapsen, oder in Overknee-Latex-Stiefeln. „Warum solltest du ein Korsett tragen?”, fragt Eilish im Vogue-Gespräch und gibt die Antwort für sich gleich selbst: „Mein Ding ist: Ich kann machen, was auch immer ich will.” Unter einen Instagram-Post, der sie in nachtschwarz-durchsichtiger Wäsche und Strumpfhose zeigt, wird Eilish noch deutlicher: „Ich liebe diese Bilder, und ich habe das Shooting geliebt. Tu, was auch immer du tun willst, wann auch immer du es tun willst. Scheiß auf alles andere.”

Natürlich kann Billie Eilish tun, was auch immer sie will, sie soll sogar, schließlich ist sie Künstlerin – und eine Ausnahmekünstlerin noch dazu. Die Bilderstrecke erscheint trotzdem zu einem kalkulierten Moment: Eilish veröffentlichte am Donnerstag eine zweite Single aus ihrem kommenden Album. Den Look des neuen Albums, also blonde Haare, hatte sie in den vergangenen Monaten erfolgreich versteckt. Das erste Bild der blonden Billie erzielte im März auf Instagram dann genau den gewünschten Effekt: Noch nie hat ein Bild so schnell eine Million Likes erhalten, gerade einmal sechs Minuten dauerte es. Und auch die Bilder vom Vogue-Shooting gingen durch die Decke. Das Bild von Billie Eilish im Korsett und Trechcoat hat inzwischen mehr als 18,1 Millionen Likes und 221.000 Kommentare erhalten.

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Man könnte nun sagen: Billie Eilish war auch vorher, in dezidiert nicht körperbetonten Outfits ein Superstar, sie war ein Rolemodel für junge Mädchen, das ihnen zeigte: Nicht euer Körper entscheidet über euren Wert. Warum muss sie nun mithilfe von Strapsen und Strümpfen und Latex-Gedöns erwachsen werden? Allein, auch als sehr junges Mädchen war ihr Körper ständig Thema. Wer über was bestimmt und es auf welche Weise bespricht, was gesellschaftlicher Konsens ist, ist auch dank multipler Ausspielwege und sozialer Medien nicht mehr so leicht festzulegen. Billie Eilish jedenfalls hat Kommentare und Sprüche zu ihrem Aussehen schon länger ertragen müssen, auch, als sie noch in kurzen Skaterhosen und mit blau gefärbten Haaren über die Bühne hüpfte. Dass sie extrem unter den Spekulationen, wie sie unter ihrer weiten Kleidung wohl aussehen möge, unter Hass und Hetze, gerade auf ihr Aussehen bezogen, litt und leidet, hat Eilish immer wieder gesagt. Sie hat in der Vergangenheit etwa Screenshots gepostet von Nachrichten, in denen sie als fett bezeichnet wurde, oder Zeichnungen, die sie übertrieben dick zeigen.

Im Mai 2020 veröffentlichte Eilish den Kurzfilm „Not my responsibility”, in dem sie Bodyshaming und das Gerede über ihren Körper thematisierte: „I feel you watching always”, sagt sie, und: „Do you want me to feel smaller?”, und: „The body I was born with, is it not what you wanted?”, und: „Do you want me to be quiet?” Die Bewertung und Abwertung weiblicher Körper in der Öffentlichkeit ist ein beliebtes Mittel, Frauen zum Schweigen zu bringen. Sie gefällig zu halten. Sie sollen nett sein, nicht begabt. Sie sollen schön sein, aber nicht zu schön. Wenn sie sexy sind, sollen sie keine eigene Meinung äußern oder überhaupt haben. Herkömmliche Kategorien waren immer schwer auf eine Frau wie Billie Eilish anzuwenden, und das verstört viele Menschen.

„Es gibt keine Entschuldigung!”

Eilish aber macht weiter, obwohl sie Unsicherheiten in Bezug auf ihren Körper als maßgeblichen Faktor für ihre Depressionen bezeichnet hat. Neben den Vogue-Bildern gibt es nun jedenfalls auch noch einen neuen Song, „Your Power”, ein sauber produziertes Akustikgitarren-Popstück, in dem es um die hochproblematische Beziehung einer jungen Frau mit einem älteren, mächtigeren Mann geht. „I thought that I was special / You made me feel / Like it was my fault, you were the devil” heißt es da etwa. Die Erfahrungen seien nicht ihre eigenen in der Musikbranche, erklärt Eilish im Vouge-Interview. Ihr Produzent ist seit jeher ihr ältere Bruder Finneas. Doch „ich kenne kein Mädchen und keine Frau, die nicht schon eine komische Erfahrung oder eben eine wirklich schlimme Erfahrung gemacht hat”, so Eilish. Im Refrain appelliert sie an die Mächtigen: „Try not to abuse your power”. Übergriffe passierten überall, nicht nur in der Musikindustrie. Und es passiere eben allen Frauen und Mädchen, auch solchen, die besonders selbstbewusst seien. Auch Eilish selbst hat entsprechende Vorfälle erlebt, heißt es in der Vogue.

So ist Eilishs Imagewandel ein Befreiungsschlag im doppelten Sinne: Sie ist älter geworden. Und niemand hat das Recht, ihr etwas anzutun – egal, wie freizügig sie sich kleidet, egal, wie blond ihre Haare sind. Sie setzt da ganz auf Vorbilder wie Cardi B oder Meghan Thee Stallion, die Eilish schon in ihrer Grammys-Rede gelobt hatte und die auf sexuelle Selbstbestimmung pochen. Im Vogue-Interview antizipiert Eilish derweil mögliche Kritik: „Du beschwerst dich darüber, dass Minderjährige ausgenutzt werden – und zeigst dann deine Brüste?” Wieder gibt Eilish die Antwort selbst: „Ja, das tue ich, M****f****! Ich mache das, denn es gibt keine Entschuldigung!”

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Duerrholz, Johanna
Johanna Dürrholz
Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin
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