Warum wir die Natur zum Leben brauchen

Von BERND STEINLE, Fotos MARIA IRL

20. September 2022 · Der Zusammenhang von Natur und Gesundheit wird von vielen Studien bestätigt. Doch viele Menschen können immer seltener Erfahrungen in der Natur machen – obwohl diese sogar über unsere Zukunft entscheiden können.

Sie brauchen Urlaub“, sagte Max. Max war Taxifahrer in Los Angeles, und an diesem Abend war am Flughafen eine Anwältin bei ihm ins Auto gestiegen. Sie stritten erst ein bisschen über die schnellste Route in die Innenstadt, Max setzte sich durch, und seither glitten sie nun durch das nächtliche Los Angeles, einsam und allein, als wären sie in ihrer eigenen Welt unterwegs. Sie redeten ein bisschen, schwiegen ein bisschen, und langsam entstand eine Vertrautheit, wie sie sich manchmal zwischen Fremden ergibt, die das Leben für ein paar Augenblicke zusammengeführt hat. „Mögen Sie, was Sie tun?“, fragte Max irgendwann. Ja, sagte die Anwältin, nach kurzem Zögern. Aber in der Nacht vor einem großen Prozess, erzählte sie, stürzten auch immer Zweifel und Ängste auf sie ein: dass sie verliert, als Blenderin durchschaut wird, dass die Beweise, die sie anführt, wertlos sind, ihre Argumente in sich zusammenstürzen, die Jury sie auslacht. Sie reiße sich dann wieder zusammen, feile an ihrem Statement, „und am Morgen, wenn es beginnt, ist alles wieder gut, so ist das immer bei mir“. Daraufhin Max: „Sie brauchen Urlaub.“ – „Wann haben Sie zuletzt Urlaub gemacht?“, entgegnete sie. „Ich? Die ganze Zeit. Jeden Tag. Ein Dutzend Mal am Tag.“ Max klappte die Sonnenblende runter, dahinter steckte ein Foto: eine winzige Südsee-Insel, ein paar Palmen, Sand, türkisgrünes Wasser. „Das ist meine Zuflucht. Wenn es ganz schlimm wird, gehe ich fünf Minuten lang da hin.“ Max nahm das Foto und reichte es nach hinten. „Nehmen Sie es. Sie brauchen es mehr als ich. Es hilft. Garantiert.“

Der Thriller „Collateral“ hat wenig mit Naturromantik und Südsee-Idylle zu tun – eher mit Auftragskillern und Drogenkartellen. Doch der Anfang des Films lebt von einem Effekt, der vielen vertraut erscheint: der Erfahrung, dass ein Naturerlebnis oder auch nur ein Foto, eine Erinnerung, dazu beitragen kann, uns über schwierige Situationen hinwegzuhelfen. Das klingt toll, besonders in einem Hollywood-Film, die Frage ist nur: Ist an dieser Erfahrung wirklich etwas dran? Ist sie mehr als ein Gefühl, mehr als naturbewegte Schwärmerei? Können sich Naturerlebnisse nachweislich auf unser Wohlbefinden auswirken, unser psychisches Befinden beeinflussen? Und im Umkehrschluss: Kann uns das Fehlen solcher Naturerlebnisse im schlimmsten Fall krank machen?  

Die Natur kann sich positiv auf das Wohlbefinden und die menschliche Psyche auswirken.

In den Achtzigerjahren untersuchte der Architekturprofessor Roger Ulrich die Krankenakten von 46 Patientinnen und Patienten in einem städtischen Krankenhaus im amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania. Ihnen war zwischen 1972 und 1981 die Gallenblase entfernt worden. Ulrichs Ziel: Er wollte herausfinden, ob sich ein Krankenzimmer mit Blick ins Grüne, auf Bäume, anders auf die Erholung nach der Operation auswirken würde als ein Zimmer mit Blick auf eine Mauer. Die Zimmer waren willkürlich zugeteilt worden, Patienten, die gerne ins Grüne schauten, konnten sich nicht von vornherein ein Zimmer mit Baumblick wünschen. Ulrich war selbst als Jugendlicher nierenkrank gewesen, damals hatte ihm in der langen Zeit, in der er im Bett bleiben musste, der Blick aus dem Fenster auf eine Kiefer geholfen. Nun stellte er fest: Patienten mit Baumblick hatten kürzere Krankenhausaufenthalte, bekamen geringere Schmerzmitteldosen, hatten seltener postoperative Komplikationen.

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