Muralla Roja in Spanien

Das „Squid Game“ auf Airbnb

Von Quynh Tran
23.10.2021
, 11:15
Wiederkehrende Kulisse der Spielhölle: Die quietschbunten Farben stehen in Kontrast zu der klaustrophobischen Enge, durch die sich Wächter wie Spieler am Ende der tödlichen Spieltage zwängen.
Der Hype um die südkoreanische Netflix-Serie „Squid Game“ flacht nicht ab. Auch nicht bei Architektur-Liebhabern, die in der Filmkulisse eine Ikone der Architektur erkennen: die Muralla Roja. In dem Gebäude kann man sogar nächtigen.
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„Squid Game“ ist nicht nur die bisher erfolgreichste Netflix-Produktion – die koreanische Serie setzt aktuell angefangen vom Revival von Dalgona-Keksen bis hin zu TikTok-Challenges zu alten Kinderspielen einen Trend nach dem anderen. Bisher weniger beachtet, unterschwellig aber umso präsenter sind die wiederkehrenden Kulissen der Spielehölle – allen voran das Treppenhaus. Die quietschbunten Farben stehen dabei in starkem Kontrast zu der klaustrophobischen Enge, durch die sich Wächter wie Spieler am Ende eines jeden tödlichen Spieltages zwängen.

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Der Autor und Regisseur Hwang Dong-hyuk nimmt immer wieder auf M.C. Escher Bezug, Architekturliebhaber haben aber längst eine weitere Inspiration erkannt: Die Muralla Roja, gelegen an der spanischen Mittelmeerküste. Betrachtet man die Bilder der leuchtenden Farben und labyrinthischen, sich immer wieder kreuzenden Treppen, ist die Ähnlichkeit kaum zu bestreiten – eine Filmkulisse, die jedoch schon lange vor der Serie als Architekturikone galt. Und nun könnte sie auch zum neuesten Phänomen des Insta-Architurismo werden.

Der massive Wohnkomplex, der wie eine pinke Festung auf den schroffen Felsen der Costa Blanca in Calp thront, wurde Ende der sechziger Jahre von Ricardo Bofill entworfen, der längst zu den ikonischen Architekten der Gegenwart gehört. Die reduzierte Geometrie ist im Zusammenspiel mit den vielen Terrassen und Höfen an nordafrikanische Kasbahs angelehnt; der Grundriss ein griechisches Kreuz, das sich in den Strukturen wiederholt, und wären nicht die Farben – je nach Nutzung Rosa, Rot, Lila und Blau, würde die Muralla Roja brutalistisch anmuten. 50 Apartments beherbergt das Gebäude, nebenan ein Restaurant im Erdgeschoss sowie Pool und Sauna auf dem Dach – alles exklusiv für die Bewohner. Zutritt hat nur, wer hier wirklich lebt, dafür sorgt rund um die Uhr ein Wachmann, denn die Muralla Roja gilt schon lange als Touristenattraktion. Die einzige Möglichkeit in das Gebäude zu kommen, ist, sich in die Airbnbs und als Ferienwohnung angebotenen Apartments einzumieten.

Der massive Wohnkomplex, der wie eine pinke Festung auf den schroffen Felsen der Costa Blanca in Calp thront, wurde Ende der Sechziger von Ricardo Bofill entworfen.
Der massive Wohnkomplex, der wie eine pinke Festung auf den schroffen Felsen der Costa Blanca in Calp thront, wurde Ende der Sechziger von Ricardo Bofill entworfen. Bild: Picture-Alliance

Und genau das könnte nun mit Squid Game zu einem neuen viralen Trend werden. Fotogen genug für einen Post auf Instagram ist die Muralla Roja allemal, und dass ein virales Bild einen neuen Reisetrend mehr befeuern kann als die beste Marketingabteilung, war schon vor den Reiserestriktionen der Pandemie bekannt. So hat die Dubaier Agentur „All for the Gram“ sich auf Instagram-Destinationen spezialisiert, und Länder wie Island und Neuseeland haben mit Social-Media-Kampagnen in den vergangenen Jahren mit Erfolg mehr Touristen angelockt.

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Dass ausgerechnet ein Entwurf von Ricardo Bofill Vorlage für eine Film-Kulisse wird und zu einer neuen viralen Destination werden könnte, ist wenig verwunderlich. Seine charakteristisch megalomanischen Projekte muten oft wie Visionen von Stanislav an: Egal ob die Arcades du Lac, Les Espaces d’Abraxas oder sein Heim und Studio La Fábrica – sie alle haben etwas Dystopisches an sich.

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Neben der Muralla Roja kann man in Calp indes noch zwei weitere Bauten von Bofill sehen: Das dunkelgrüne asymmetrische Xanadu, ebenfalls ein Wohnkomplex, und der seit mehr als 30 Jahren leerstehende Social Club Manzanera, der an den Naturstein der Klippen angelehnt ist und am Wasser steht. Wind und Wetter haben ihre Spuren hinterlassen, doch vielleicht hat gerade der Hype um Architektur dazu geführt, dass das Gebäude demnächst saniert wird. Dann hat der Instagram-Architurismo vielleicht doch einen nachwirkenden Effekt – über den Post hinaus.

Quelle: FAZ.NET
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