Seltenes Pflänzchen

Von JENNIFER WIEBKING, Fotos von STEFAN FINGER

Januar 2022 · Kränze per Kurier nach Miami und Briefings aus Paris: Darum kümmert sich Victor Breuer als Floristmeister. Immer weniger junge Menschen sehen in dem Handwerk aber eine Zukunft. Dabei könnte es sich lohnen.

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  u Beginn ein paar blumige Eindrücke aus dem eigenen Bekanntenkreis. Die Freundin deutet im Restaurant drei Tische weiter. „Da sitzt mein Lieblingsflorist.“ Eine andere, die ganz genau weiß, mit welchen Wandfarben sie leben will, sagt, so einen schönen Strauß habe sie noch nie bekommen. Eine dritte fährt quer durch die Stadt für seine Blumen.

Die Rede ist von Victor Breuer. Er ist Florist, in Düsseldorf.

Einer, der an diesem Dezemberabend nach Ladenschluss in grauer Strickjacke und hinter dem großen Brillengestell auch als Prada-Mitarbeiter durchgehen könnte. Sofern man sich das Balenciaga-Logo und die grünen Flecken auf seinen Turnschuhen einmal wegdenkt. Victor Breuer steht ja von morgens früh bis abends spät im Grünen, zwischen den Zweigen und Blättern auf dem Boden und den Blüten auf seinem Arbeitstisch, den Cymbidium-Orchideen, den Rosen in kräftigem Pink und dicken Amaryllis.

„Jede Blüte braucht ihren Freiraum“, sagt Victor Breuer.
„Jede Blüte braucht ihren Freiraum“, sagt Victor Breuer.

Das allein könnte Menschen, die in Kiel oder Mannheim leben, egal sein. Floristen gibt es an jeder Ecke. Nur ist Victor Breuer zunächst einmal Floristmeister und damit in einer Zeit, da Filialisierung und schneller Konsum längst die Blumenwelt erreicht haben, ein seltenes Gewächs. Einer, der sich den Blumen verschrieben hat, wie damals, als Floristmeister wirklich noch ein eingetragener Handwerksberuf war, wie Malermeister oder Friseurmeister. Und zugleich einer, der zeigt, wie eine Zukunft dafür aussehen kann. Wenn die Luxusmarken des Konzerns LVMH Bloggern Adventskränze schenken, dann ist er derjenige, der das Briefing aus Paris umsetzt. An Privatpersonen verschickt er auch mal nach Miami. Seine Blumen gehen überall hin in Deutschland, auch nach Österreich, regelmäßig nach London, übrigens immer nur mit einem einzigen zuverlässigen Kurierdienst seiner Wahl. „Mit einem anderen verschicken wir nicht, auch wenn es für den Kunden günstiger wäre.“

Victor Breuer ist 31 Jahre alt. Seit gerade einmal zweieinhalb Jahren führt er einen eigenen Laden – und prägt damit heute einen Berufsstand weit über die Grenzen seiner Stadt hinaus.


„In meiner Ausbildungszeit war ein locker gebundener Strauß schon wild.“
VICTOR BREUER

Das ist auch ungefähr der Zeitraum, seitdem sich Sträuße selbst für Laien sichtbar verändert haben. Dass Blumen nicht mehr nur rund und kurz gebunden werden, Blüte an Blüte und drumherum viel Grün, sodass alles zusammen eine Einheit bildet, sondern auch mal locker, die Stiele länger, die Blüten luftig arrangiert, mag sich mittlerweile auch in Kleinstädten herumgesprochen und durchgesetzt haben. Vor einem halben Jahrzehnt war es selbst in Großstädten noch unüblich. „In meiner Ausbildungszeit war ein locker gebundener Strauß schon wild“, sagt Breuer. In seinem eigenen Geschäft bindet er immer locker. Hier muten seine Blumen mehr wie Kunst an als wie Sträuße. Der Fachbegriff im Japanischen wäre dafür Ikebana, das kunstvolle Arrangieren von Blüten, sodass eine Orchidee und ein einziger Zweig für viel mehr stehen, sodass sie geradezu meditativ wirken. Seit einiger Zeit ist das ein Trend, der in anderen Teilen der Welt trotz aller Diskussionen über kulturelle Aneignung beherzt umgesetzt wird. Auch in den luftigen Sträußen von heute deutet er sich an. „Jede Blüte braucht ihren Freiraum“, sagt Victor Breuer. Jede für sich sei ein Wesen und könne wirken, es sei nur eine Frage, was man daraus mache. „So können einige wenige besondere Blüten spektakulärer und spannender sein als zehn kurz gebundene Rosen. Das sind große Wirkungsunterschiede.“ Auch das hat er an der Meisterschule gelernt. „Man kann parallel binden, vegetativ oder radial.“

Der Spiegel ist ein Erbstück seiner Großeltern, die mit Holz gearbeitet haben.
Der Spiegel ist ein Erbstück seiner Großeltern, die mit Holz gearbeitet haben. Foto: Stefan Finger
Heute steht der Spiegel in Breuers Betrieb.
Heute steht der Spiegel in Breuers Betrieb. Foto: Stefan Finger

Sträuße mit viel Freiraum hat er schon in Zeiten der runden, kompakten Bouquets dort gebunden. „Sie hatten dann schon eine akkurate Form, im 90-Grad-Winkel, aber ganz locker, mit Blüten auf verschiedenen Höhen, einige ganz hoch, andere ganz tief, sodass man durch den Strauß spazieren gehen und etwas entdecken kann.“ Heute mag das modern wirken, Breuer weiß: Neu ist das nicht. „In der Romantik war alles feiner und kleinteiliger, im Jugendstil verschnörkelter.“ Heute herrscht in Sachen Blumen so gesehen mehr Romantik als Biedermeier. „In der Mitte war im Biedermeier eine Blume und viele kleine waren drumherum. So sahen Sträuße auch vor zehn Jahren wieder aus. So sehen viele Brautsträuße aus.“ Er macht eine kleine Sprechpause. „Kann man machen, muss man aber nicht.“


„Einige wenige besondere Blüten können spektakulärer und spannender sein als zehn kurz gebundene Rosen. Das sind große Wirkungsunterschiede.“
VICTOR BREUER

Im Gegensatz zu vielen anderen in seinem Alter, die über eine besondere intellektuelle Vorstellungskraft für Kreativität verfügen, hat Victor Breuer sich im entscheidenden Moment für das Handwerk entschieden und nicht etwa für ein Designstudium. Im einen Bereich fehlen die Fachkräfte, im anderen stehen die Freelancer später Schlange. Ein Studiengang, egal welcher, ist eben noch immer gesellschaftlich besser anerkannt als die Entscheidung für eine Ausbildung. Auch Breuer hatte nach dem Fachabitur in Oberhausen zunächst vermeintlich Höheres im Sinn. „Innenarchitektur, Architektur“, sagt er. Die Wartezeit auf den Studienplatz überbrückte er mit einem Aushilfsjob im Designladen der Tante in seiner Stadt, auch Blumen gab es dort.

Sträuße, in denen das Auge spazieren gehen kann: Victor Breuer, 31 Jahre alt, bindet locker.
Sträuße, in denen das Auge spazieren gehen kann: Victor Breuer, 31 Jahre alt, bindet locker.

So kam Breuer zu den Blumen – und blieb dabei. Die Ausbildung hatte er nach einem Jahr und acht Monaten abgeschlossen, er arbeitete daraufhin als Geselle und nahm an Wettbewerben teil. Deutsche Meisterschaft, Europameisterschaft der Jungfloristen. Nach zwei Jahren schrieb er sich an der Meisterschule in Straubing ein, im Niederbayerischen. Heute existiert die Schule nicht mehr. „Der Meisterberuf ist am Aussterben“, sagt Breuer. „Viele meinen, die richtigen Fachkenntnisse brauche es nicht mehr. Der Branche hat es nicht gerade gutgetan, dass heute jeder einen Blumenladen aufmachen kann, der kein Meister ist.“

Breuer sah das mit Mitte 20 anders. „Wenn ich diesen Beruf wähle, der im ersten Moment nicht zu den bestbezahlten und hochangesehenen gehört, dann war es für mich ganz klar, für mein Gefühl und auch für mein Ego, dass ich das bis zu dem maximalen Punkt durchziehe, bis zu dem man sich weiterbilden kann.“ Dass eine Gesellschaft traditionellen Handwerksberufen nicht mehr die Bedeutung von einst beimisst, ist nur ein Teil des Problems des Fachkräftemangels. Ein anderer ist die Frage, wie sich so eine Ausbildung später bezahlt macht. „Körperlich muss man viel arbeiten, und das Bild, das sich in jüngeren Generationen abzeichnet, ist eher der bequemste Weg, mit dem man gut Geld verdienen kann.“

Seit gerade einmal zweieinhalb Jahren führt Victor Breuer einen eigenen Laden – und prägt damit heute einen Berufsstand weit über die Grenzen seiner Stadt hinaus.
Seit gerade einmal zweieinhalb Jahren führt Victor Breuer einen eigenen Laden – und prägt damit heute einen Berufsstand weit über die Grenzen seiner Stadt hinaus.

Auch dafür ist Breuer ein seltenes Gegenbeispiel. Geld verdient er heute mit seinem Laden, in dem Adventskränze für 400 Euro das Stück entstehen, in dem sich Brautpaare melden, die von vornherein keine Budgetgrenze für die Blumendekoration ihrer Hochzeit nennen oder einfach nur sagen: Machen Sie mal.

Denn die optische Inszenierung des eigenen Lebens wird immer wichtiger, und dafür braucht es Blumen, zur Zierde. Auch so haben sich die Blumen verändert, auch deshalb haben sich die wie zufällig arrangierten luftigen Sträuße entwickelt, in denen viel mehr Mühe und Können steckt, als das auf den ersten Blick sichtbar ist. Dazwischen Trockenblumen und Eukalyptus, die zwei großen Trends der vergangenen Jahre. Breuer lacht. „Eine Weile war es wirklich so: Ich nehme Eukalyptus mit einem Blumenstrauß.“ Das sei langsam wieder vorbei. „Es gibt auch Bräute, die hier reinkommen und sagen: Ich möchte auf keinen Fall Eukalyptus oder Pampasgras.“

„Man kann parallel binden, vegetativ oder radial!“, sagt Victor Breuer.
„Man kann parallel binden, vegetativ oder radial!“, sagt Victor Breuer. Foto: Stefan Finger
„Ich mag es, spannungsreiche Formspiele zu kreieren, extreme Blüten miteinander zu kombinieren oder einen echten Farbguss.“
„Ich mag es, spannungsreiche Formspiele zu kreieren, extreme Blüten miteinander zu kombinieren oder einen echten Farbguss.“ Foto: Stefan Finger

Hin und wieder verwendet Breuer aber weiter beides. „Ich mag es, spannungsreiche Formspiele zu kreieren, extreme Blüten miteinander zu kombinieren oder einen echten Farbguss.“ Er zeigt auf eine Auswahl Gerbera in einer Vase. „Auch so etwas Unspektakuläres kann neben einer exotischen Orchidee ganz verrückt aussehen.“

Und es macht etwas her auf Instagram und Pinterest. Segen und Feind zugleich seien sie, sagt Breuer über die sozialen Netzwerke. Segen, weil die Foto-Verbreitung, allen voran über Instagram, die einfachste Art von Werbung ist. Weil so sehr viele Kunden kommen. Weil Breuers eigene Bilder für viele eine Referenz sind und er daraufhin ihre Wünsche umsetzen kann. Auch über Instagram ist Breuer bekannt geworden.


„So wie wir alle sind auch Rosen nicht perfekt. Bildbearbeitung ist ein großes Problem für die Natur.“
VICTOR BREUER

Und die sozialen Netzwerke seien ein Fluch, sagt er, weil vieles eben nicht das ist, wonach es aussieht. „So wie wir alle sind auch Rosen nicht perfekt. Bildbearbeitung ist ein großes Problem für die Natur“, sagt er. Zigmal hat er allein im vergangenen Jahr Fotos von Brautsträußen gezeigt bekommen, von denen klar gewesen sei, dass darin keine frischen Blumen, sondern Seidenblumen verarbeitet worden seien, damit sie zum Farbthema der Hochzeit passten. „Und wenn über einem Brautstrauß 25 Filter liegen, was in 98 Prozent der Fälle so ist, dann gibt es diese Blume halt nicht in diesem Beigeton.“

Es sei oft heikel, wenn eine Kundin hereinkomme und sage, sie wünsche sich eine Blume in Beige. Victor Breuer erzählt dann von der einen Rosenfirma, die edle Englische Rosen in dieser Farbwelt produziere. „Es ist ein schwieriger Punkt, die Kundinnen und Kunden an der Stelle auf einen Nullpunkt zu bringen und zu sagen: Das ist alles wunderschön, aber das gibt es so nicht. Es sei denn, sie haben 120.000 Euro übrig – dann können wir das gerne machen.“ Auch Heiraten war einfacher, als es Instagram noch nicht gab. „Instagram fordert“, sagt Breuer. Da braucht es dann vor allem Menschen, die ihr Handwerk wirklich verstehen.


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