Sennheiser Orpheus im Test

Der teuerste Kopfhörer der Welt

Von Marco Dettweiler
30.11.2015
, 10:16
© F.A.Z., Marco Dettweiler, F.A.Z., Marco Dettweiler
Sennheiser wollte den besten Kopfhörer der Welt bauen. Das hat geklappt. Es ist leider auch der teuerste geworden. Sind 50.000 Euro der Preis für den perfekten Klang?

Sennheisers neuer Kopfhörer HE 1060 kostet inklusive Verstärker 50.000 Euro. Dafür bekommt man einen Porsche Boxster. Während der Autofahrer mit seiner Anschaffung die Überholspur mieten, in Urlaub fahren oder die Kurven im Taunus kennenlernen kann, produziert der Kopfhörer von Sennheiser für seinen Besitzer lediglich Schallwellen. Nun mag nicht jeder Autos. Manche Menschen mögen die Musik so sehr, dass sie ihr Geld nicht in ein teures Transportmittel investieren und es lieber in eine edle HiFi-Anlage stecken. Dann sind 50.000 Euro gar nicht mal so viel. Das Geld ist schnell ausgegeben für Lautsprecher mit Verstärker und Wandler im High-End-Bereich. Und damit ist Sennheisers Paket vergleichbar.

Wenn es Musikliebhabern nur um den Klang geht und sie auf die körperliche Erfahrbarkeit von Schallwellen verzichten können, ist ein Kopfhörer sogar die bessere Wahl, weil die Investitionen geringer sind. Der Eintritt in den Club der exzellenten Klänge beginnt bei 1000 Euro für einen Beyerdynamic T1. Für die Premiummitgliedschaft kann man 3500 Euro (Hifiman 1000) oder gar 5000 Euro (Stax SR-009) ausgeben. Selbst wenn man einen teuren Verstärker für den Kopfhörer dazurechnet, sind die Preise für Top-Modelle von jenen 50.000 Euro noch weit entfernt, die Sennheiser nun verlangt. Kann vor allem der Klang des HE 1060 so viel besser sein?

Sennheiser ist davon überzeugt und hat einige deutsche Journalisten zu sich in die Wedemark eingeladen, um exklusiv den neuen Orpheus Probe hören zu können. Orpheus? Richtig, das war doch was. Sennheiser hatte schon einmal den besten und teuersten Kopfhörer der Welt gebaut. Im Jahr 1991 verließen lediglich 300 Exemplare die Fertigungshallen in der Wedemark, 20 000 D-Mark mussten die Besteller dafür zahlen, unter ihnen war auch Paul McCartney und sicherlich der eine oder andere Scheich.

Sennheiser wollte es nun noch einmal wissen. Das Unternehmen hat zehn Jahre lang geforscht, indem Methoden verfeinert und neue Materialien ausprobiert wurden, damit im Jahr 2015 zum siebzigsten Jubiläum des Unternehmens abermals gesagt werden kann: „Das ist der teuerste und beste Kopfhörer der Welt.“

Der Orpheus beherrscht souverän alle Disziplinen

Vor dem neuen Orpheus saßen wir also mit unseren Lieblingsliedern, die wir schon auf so vielen Kopfhörern gehört haben: elektronische Musik von Aphex Twin und Basic Channel, Rockiges von Deep Purple und Pink Floyd, Ausgefeiltes von Radiohead und Peter Gabriel, Trip-Hop und Brit-Pop von Massive Attack und Oasis. Zunächst gingen wir die übliche Checkliste durch. Wie gut sind Impulstreue, Dynamik, Bühne, Staffelung und Kontur der Töne? Der Orpheus beherrscht souverän alle Disziplinen.

Mark Knopflers Gitarrenschläge im instrumentalen Refrain von „The man’s too strong“ rüttelten so kräftig am Trommelfell, als stünde der Dire-Straits-Frontmann direkt neben uns. Die langgezogenen musikalischen Schreie von Ian Gillan in „Child in time“ spannten sich wie Drahtseile dermaßen stramm und fest vor uns, dass man sich förmlich an ihnen entlanghangeln konnte. Den Einstiegsbass von Aphex Twin trieb der Orpheus so direkt nach vorn, wie es sonst nur der T1 von Beyerdynamic schafft. Peter Gabriels geniale Band verteilte sich in „Secret world“ so auf der imaginären Bühne um uns herum, dass man auf jeden Musiker einzeln zeigen und sein Instrument sehr genau identifizieren konnte. Der Bass in „Angel“ von Massive Attack ist wirklich so tief, wie es andere Kopfhörer häufig nur andeuten, und breitet sich als breites Fundament aus, damit sich das Stück entfalten kann. Und die Mandoline von David Grisman in „The thrill is gone“ begleitet der Orpheus differenziert in höchste Lagen, ohne spitz oder klingelig zu werden.

Die diziplinübergreifende klangliche Anmutung ist eine wohltuende Härte und natürliche Präzision, mit der er die Konkurrenz hinter sich lässt. Sie gibt der Musik dennoch genügend Raum für emotionale Entfaltung. Bei aller Kompetenz, die Lieder in analytischer Komplexität abzubilden, reißt er den Hörer häufig mit.

Hifiman und Stax in der Nähe

Um all diese lobenden Sätze dennoch in einen Bezug zu setzen: Das muss auch sein für einen Preis von 50.000 Euro. Andere Hersteller haben ebenfalls schöne Kopfhörer. Dennoch haben diese meist die eine oder andere Schwäche. Zwei der teuersten Modelle, die wir bisher getestet haben, bewegen sich klanglich in der Nähe des Orpheus. Das sind der magnetostatische Hifiman 1000 und der elektrostatische SR-009 von Stax, der inklusive notwendigem Verstärker etwa 8000 Euro kostet. Beide bestehen ebenso alle Disziplinen ziemlich souverän. Sie wirken allerdings häufiger etwas leicht nüchtern, vornehm zurückhaltend und äußerst korrekt.

Der Orpheus ist offensiver und packt den Hörer durch seine natürliche Härte. In „One of these days“ von Pink Floyd flogen uns die stark verzerrten Gitarrenklänge so metallisch, differenziert und dennoch rhythmisch um die Ohren, wie es sein muss. Das hatte bisher noch kein Kopfhörer geschafft. Die Erfahrung mit dem alten und neuen Orpheus wie auch mit dem Stax-Hörer zeigt, dass wohl doch das elektrostatische Verfahren die beste Klangqualität liefert.

Mythenbildung und Klangmaßnahmen

Es ist müßig, bei hochpreisigen Produkten darüber zu spekulieren, warum sie so teuer sind und wie sich der Preis zusammensetzt. Schließlich wird ein Unternehmen auch die Entwicklungsarbeit mit einkalkulieren, so dass die Addition der Kosten für Material und deren Verarbeitung in der Regel weit weg sind vom Endkundenpreis. Dennoch gibt sich Sennheiser einige Mühe, um zu zeigen, dass für den Orpheus „jedes der mehr als 6000 Teile mit Bedacht ausgewählt“ wurde. Dabei gehen Mythenbildung und Klangmaßnahmen manchmal Hand in Hand.

So besteht das Gehäuse der Verstärkereinheit aus Marmor aus dem italienischen Carrara und „ist die gleiche Marmorart, aus der Michelangelo einst seine Skulpturen schuf“. Aus technischer Sicht geht es allerdings nur darum, die klangbestimmenden Elemente vor Erschütterungen zu schützen, was durch Materialien wie Marmor gewährleistet ist. Die goldbedampften Keramiktreiber und die 2,4 Mikrometer dünne, platinbedampfte Membran werden mit aufwendigen und somit teuren Verfahren hergestellt. Beides klingt nach Luxus, die Entscheidung für die Edel-Metalle fiel ebenfalls aus technischen Gründen. Die in Deutschland produzierten Ohrpolster aus Leder sitzen nicht nur bequem und sehen edel aus, sondern beeinflussen auch den Klang maßgeblich, weil sie die erzeugten Schallwellen entsprechend dämpfen.

Über die aus 99,9 Prozent versilberten Kupferkabel kann man trefflich streiten, ebenso über die Bedeutung der acht Vakuumröhren. Der komplett symmetrische Aufbau mit Class-A Mosfet-Hochspannungsendstufen ist obligatorisch für einen Verstärker dieser Klasse, die teilweise in den Ohrmuscheln verbaute Verstärkertechnik ist hingegen innovativ. Die Wandlerchips sind natürlich Sabre ES9018. Der Klirrfaktor von nur 0,01 Prozent bei einem Schalldruckpegel von 100 Dezibel und der Frequenzbereich von 8 Hertz bis über 100 Kilohertz sind konkurrenzlos. Das Design ist Geschmacksache. Auf Wunsch geht der Orpheus etwa auch in schwarzem Marmor an die Kunden.

Nur sehr wenige, die diese Zeilen gelesen haben, werden ernsthaft darüber nachdenken, sich den neuen Orpheus zu kaufen. Doch sollte jemand das Geld haben, ohne sein Haus verkaufen und seine Familie vergraulen zu müssen, macht er mit dem Orpheus einen sehr großen Schritt in Richtung perfekten Klang. Wir durften ihn einmal gehen und würden ihn liebend gern wieder machen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Dettweiler, Marco
Marco Dettweiler
Redakteur in der Wirtschaft.
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