Greift Apple Spotify an?

Was Sie über Musik-Streaming wissen müssen

Von Marco Dettweiler
20.11.2014
, 12:22
Apple will angeblich mit dem amerikanischen Dienst von Beats auch ins Musik-Streaming einsteigen. Muss sich Spotify nun fürchten? Und was wird dann aus iTunes? Eine Analyse.
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Als Apple im Mai dieses Jahres Beats für drei Milliarden Dollar kaufte, fragte man sich, warum das Unternehmen so viel Geld für einen Kopfhörersteller ausgibt. Es gab zwei Antworten: Entweder geht es Apple um die Kopfhörer, da diese unter Jugendlichen sehr beliebt sind und aufgrund der Produktionsmethoden sehr gewinnbringend sind. Die Qualität konnte es jedenfalls nicht sein.

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Oder Apple zielte auf den Musikdienst von Beats ab, der in den Vereinigten Staaten weit verbreitet und anerkannt ist. Glaubt man den jüngsten Berichten der „New York Times“ und „Financial Times“, ging es Apple wohl weniger um die Kopfhörer als vielmehr um den Streaming-Dienst.

Die beiden Zeitungen melden, dass Apple den Dienst ins Betriebssystem iOS implementieren will. Jeder Besitzer eines iPhones oder iPads könnte somit direkt auf Beats zugreifen. Unter einer Voraussetzung: Er meldet sich bei dem Dienst an und bezahlt zirka fünf Dollar monatlich für das Abo. Diesen Preis will die „New York Times“ erfahren haben. Derzeit kostet Beats noch zehn Dollar im Monat.

Was ist nun der Unterschied für den Musikfan, ob er seine Lieder weiterhin mit Spotify streamt - immerhin hat der Dienst bald 50 Millionen Nutzer - oder mit Beats? Dazu muss man sich mehrere Parameter anschauen.

Wo finde ich die meisten Songs?

Ein Pfund eines jeden Streaming-Dienstes ist das vielfältige Titelangebot. Die meisten Anbieter werben mit einer Datenbank, die Millionen Lieder umfasst. Bei Spotify, Beats und Google Play Music sind es 20 Millionen, Simfy und Wimp werben mit 25 Millionen, bei Deezer kann man gar 35 Millionen Songs hören. Viele Songs bedeuten nicht immer, dass es die sind, die man hören will. Um den Marktführer als Beispiel zu nehmen. Bei Spotify findet man nahezu jeden Song, den man sucht, auch wenn Taylor Swift und einige andere Künstler ihre Lieder dort nicht mehr im Angebot haben. Beats kann also hier keinen Vorteil gegenüber den Spotify & Co. sein.

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Wie spiele ich die Musik ab?

Die meisten Dienste bieten eine Gratis- und Premiumversion an. Der Vorteil der kostenpflichtigen Variante ist nicht nur, dass sie werbefrei ist - denn die Werbung kann ganz schön nerven -, sondern dass sich die Lieder im Offline-Modus hören lassen. Ist man also unterwegs und hat kein W-Lan zur Verfügung, bietet sich auch aufgrund der begrenzten Datentarife an, einige Lieblingsalben herunterzuladen, um diese unabhängig von einer Datenverbindung hören zu können. Aber aufgepasst: Im Flugzeugmodus lässt sich Spotify nur eingeschränkt nutzen. Auch hier kann Beats nicht punkten, es ist aus Nutzerperspektive vielmehr Pflicht, den Offline-Modus anzubieten.

Die Auswahl der Geräte ist mittlerweile umfassend. Bei allen Anbietern kann man auf dem Computer, Tablet und Smartphone die Musik streamen. Wieder das Beispiel Spotify: Das Programm läuft auf Windows- und Mac-Rechnern, die App auf iOS, Android und Windows Phone.

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Wie sieht es mit der Qualität aus?

Es kommt darauf an, welche Einstellungen man wählt. Bei Spotify kann man zum Beispiel die Extrem-Einstellung wählen, sodass die Musik mit einer Bitrate von 320 Kilobit pro Sekunde abgespielt wird. Das ist schon ziemlich gut und dürfte in vielen Ohren keinen Unterschied zu CD-Qualität ausmachen. Dennoch entscheiden sich momentan viele Audiophile für Anbieter wie Wimp, der in CD-Qualität streamt. So ein Abo kostet mit 20 Euro das doppelte von Spotify und die Auswahl an Songs ist geringer, was einige Stichproben ergeben haben. Es ist somit eher ein Nischenprodukt.

Wie viel kostet Musikstreaming?

Sollte es stimmen, dass Apple seinen Beats-Dienst für fünf Dollar im Monat anbieten will, wäre dies ein echter Kampfpreis. Es wäre in etwa die Hälfte von Spotify. (Studenten bezahlen im Übrigen ab sofort nur die Hälfte für den Premium-Account.) Bei gleicher Songauswahl und Qualität spräche somit viel für Beats. Allerdings gibt es einen Anbieter, der den Preis noch unterbieten kann. Amazon Music gibt es für Prime-Mitglieder gratis, es fallen somit pro Jahr 49 Euro an. Der Nachteil hier: Mit etwas über einer Million Songs ist das Angebot mit den anderen Streaming-Diensten nicht vergleichbar. So sollen unter anderem Künstler, die bei Universal unter Vertrag sind, nicht bei Prime Music zu finden sein.

Wie integriere ich Streaming-Dienste in meine HiFi-Anlage?

Dass Apple Beats sicherlich in die Musik-App integrieren wird, macht die Benutzung nicht wesentlich komfortabler als der Umgang mit einer App von Spotify, Wimp und anderen Anbietern. In beiden Fällen ist die Musik nur ein Fingertipp entfernt. Was ein wirklicher Vorteil sein könnte, ist das Zusammenwirken mit Airplay. Viele Hersteller von Audiogeräten haben bereits Airplay integriert, sodass man von seinem iPhone oder iPad direkt auf die Lautsprecherbox, den Verstärker oder Receiver streamen kann. Das ginge nun auch genauso reibungslos mit Beats. Die Anlage lässt sich auch erweitern mit entsprechenden Adaptern.

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Das direkte Streaming lässt etwa Spotify nur zu, wenn die Geräte „Spotify Connect“ tauglich sind. Dann wird das Smartphone mit der App zum „Controller“. Das Abspielen und Verwalten übernimmt dann das Gerät. So ist es etwa bei Sonos. Der Vorteil: Sonos sucht dann einen Titel nicht nur auf Spotify, sondern auch in anderen Quellen. Ohne „Connect“ spielt man die Musik auf dem iPhone ab und dieses schickt per W-Lan die Audiosignale zu Airport-Express. Das ist weniger komfortabel, funktioniert aber auch.

Was wird aus iTunes?

Apple leidet unter der Popularität der Streaming-Dienste. Es werden weniger Alben bei iTunes gekauft. Insofern war es nur konsequent, selbst einen Streaming-Dienst anzubieten. Die Frage ist nun: Was wird aus iTunes? Wer auf dem iPhone oder iPad für fünf Dollar monatlich Musik streamen kann, wird sich vermutlich kein Album mehr auf iTunes kaufen. Apple könnte den Kauf aber wieder attraktiv machen, indem sie ihre Alben in CD-Qualität oder gar in HiRes-Qualität anbieten. Dann gäbe es - zumindest für Audiophile - einen Grund, ein Album zu kaufen. Der eigentliche Clou wäre allerdings ein umfassendes Angebot von Titeln, die in hochauflösender Qualität heruntergeladen werden. Denn in diesem Markt gibt es bisher nur wenige Anbietern. Der bekannteste ist HDtracks, der erst kürzlich in Deutschland gestartet ist.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Dettweiler, Marco
Marco Dettweiler
Redakteur in der Wirtschaft.
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