Neuigkeiten des WWDC

Apple lässt Intel hinter sich

Von Michael Spehr
22.06.2020
, 21:25
Ein Befreiungsschlag mit großem Risiko: Apple verabschiedet sich langfristig von Intel-Prozessoren in den Mac-Rechnern. Doch für die eigenen Prozessoren aus iPhone und iPad muss sämtliche Software angepasst werden: ein Großprojekt, das sich über zwei Jahre ziehen wird.

Die Software steht im Vordergrund, wenn Apple im Sommer zu seiner großen Entwicklerkonferenz einlädt. Normalerweise trudeln mehr als 5000 Programmierer alljährlich in San José ein. In diesem Jahr fand das Ereignis Corona-bedingt nur virtuell statt. Tim Cook und seine Mitarbeiter hielten die Eröffnungsansprache in einem leeren Steve-Jobs-Theater, und vieles war aufgezeichnet. So wurde aus dem Live-Event eine Studio-Inszenierung, und das gefiel nicht jedem.

Wie immer gilt jedoch: Während der Worldwide Developers Conference, WWDC wird über die Neuheiten der kommenden Betriebssysteme informiert, es werden Trends und Rahmenbedingungen benannt, und im Herbst kommen dann die neuen Geräte mitsamt fertiggestellter Software. Die WWDC gibt also für die Apple-Welt die Richtung der kommenden Monate vor.

Die große Überraschung spielt diesmal nicht in der mobilen Welt rund um iPhone und iPad. Auch die Computeruhr Apple Watch erfährt nur wenige Verbesserungen. Die Zäsur ist die Ankündigung Apples, langfristig mit Intel und der X86-Prozessorenarchitektur zu brechen und seine hauseigenen mobilen Prozessoren in die Mac-Rechner zu bringen. Smartphone-Prozessoren im Notebook? Damit soll ein Leistungsschub einhergehen, und die mobilen Geräte rücken dichter an die Mac-Rechner. Der Plattformwechsel ist jedoch nicht nur der Wechsel des Hardwarelieferanten, sondern bedeutet auch, dass sämtliche Software angepasst werden muss. Eine Herkulesaufgabe, die Jahre dauert.

iOS 14

Keine Überraschung ist das neue iOS 14 für das iPhone, der Versionssprung erfolgt jährlich, und wie immer werden auch viele alte Geräte mit der neuen Software ausgestattet. iOS 14 konzentriert sich auf eine moderate Umgestaltung des Bediensystems und Verbesserungen in Details.

Die Oberfläche des iPhones, der Home Screen, wird umgearbeitet. Apps wandern in eine App Library, und man bekommt Vorschläge, welche Anwendung man als nächstes gebrauchen könnte. Widgets kommen künftig in verschiedenen Größen, bieten mehr Inhalte und lassen sich auch auf den Home Screen schieben. Man kann ein festes Widget-Fenster auf dem Home Screen fixieren und durch einzelne Inhalte blättern. Ferner gibt es einen Bild-im-Bild-Modus für Videos und Facetime-Telefonie.

Siri startet nicht mehr im Vollbildmodus, sondern präsentiert schneller und weniger aufdringlich die gefundenen Inhalte. Außerdem soll die Assistentin klüger werden, wieder einmal. Die Spracherkennung läuft nun auf dem Gerät, das bedeutet mehr Datenschutz. Außerdem gibt es eine neue Übersetzungs-App, die ganze Unterhaltungen übersetzen soll, ebenfalls offline, also ohne Datenverbindung. Zu Beginn sind mehr als ein Dutzend Sprachen dabei.

iMessage-Nachrichten bestimmter Personen kann man, wie bei Whatsapp, oben in der Nachrichtenliste fixieren. Gruppen-Nachrichten sollen übersichtlicher werden, so kann man etwa einzelne Personen erwähnen. Das neue iMessage orientiert sich stark an der schon lange bei Whatsapp oder Signal vorhanden Funktionalität.

Apples Karten wird ebenfalls verbessert, auch hier legt man den Fokus auf Genauigkeit und Datenschutz. Reiseführer ziehen in die App ein, und Sonderziele sollen sich einfacher finden lassen. Ferner kommt eine Routenführung für Radfahrer, die auf starke Steigungen hinweist. Die Radnavigation beginnt in fünf amerikanischen und chinesischen Städten. Schließlich werden auch Ladestationen für Elektrofahrzeuge in den Karten gezeigt und bei der Routenführung berücksichtigt.

Apples Carplay für den Autoeinsatz sei mittlerweile in 8 von 10 Neuwagen vorhanden. Es gibt neue Apps fürs Parken oder das Finden von Schnellrestaurants sowie den digitalen Autoschlüssel. In der iPhone-Brieftasche Wallet kann man digitale Schlüssel verwalten und mit iMessage auch teilen. Dazu werden iPhone und Fahrzeug gekoppelt. Für die Autohersteller gibt es eine Carkey-Schnittstelle, als erstes ist BMW dabei.

Der App Store erlaubt schnelleres Laden von Apps mit App Clips: Apps werden orts- und anwendungsspezifisch angeboten, etwa, wenn man sich einem E-Scooter nähert. Man kann sie flink starten, mit Apple Pay bezahlen – und sie verschwinden automatisch wieder. App Clips lassen sich aus Nachrichten, im Browserfenster oder mit NFC aufrufen.

iPad OS

Das nunmehr eigenständige iPad-Betriebssystem iPad OS springt ebenfalls auf die Version 14 und hatte unlängst mit Trackpad- und Mausunterstützung bereits einen großen Sprung nach vorn gemacht. Nun wird auch hier die Bedienungsoberfläche verändert, etwa beim Betrachten von und Blättern durch Fotos. Neu ist eine Seitenleiste in vielen Apps. Anrufe auf dem iPad werden nicht mehr formatfüllend angekündigt, und die Suche nach Inhalten wurde noch einmal verbessert.

Der iPad-Stift Apple Pencil setzt zu einem Höhenflug an: Man kann in seiner Handschrift mit dem Stift schreiben, und der Text wird automatisch erkannt. In der Apple-Welt ist das neu, mit Windows gibt es eine solche Handschrifterkennung jedoch schon lange. Die Frage ist, wie flüssig und zuverlässig das Ganze funktioniert. Die Scribble genannte Funktion erkennt sogar chinesische Schriftzeichen.

Airpods

Die Ohrhörer Airpods schalten mit neuer Software schneller von einem Gerät, dem iPhone, iPad oder Mac zum nächsten um. Die Airpods Pro erhalten 3D-Raumklang, Spatial Audio genannt. Mit den eingebauten Sensoren werden Bewegungen des Kopfes erfasst, um den Klang „überall im Raum“ zu platzieren.

Watch OS

Das Uhrenbetriebssystem Watch OS macht einen Sprung auf die Version 7. Neue Komplikationen bieten den Entwicklern weitere Möglichkeiten bei der Gestaltung von Zifferblättern. Eine App kann mehrere Komplikationen zeigen. Zifferblätter kann man einfach mit anderen teilen, etwa seinen Freunden senden. Die Radnavigation kommt natürlich auch auf die Apple Watch. Als neue Sportart wird das Tanzen in die Workout-Abteilung aufgenommen. Die Aktivitäts-App fürs iPhone wird überarbeitet und heißt künftig Fitness.

Lange erwartet, kommt jetzt die Schlafüberwachung mit Watch OS. Dergleichen können andere Fitness-Uhren schon lange. Die Uhr will auf rechtzeitiges Zubettgehen hinweisen und Abendroutinen verwalten. Ferner misst sie die Schlafdauer, zeigt aber nicht unterschiedliche Schlafstadien an.

Auch eine Handwasch-Erkennung mit Anzeige der verbleibenden Waschdauer ist in Watch OS 7 implementiert. Maschinelles Lernen erkennt, ob Wasser läuft und man entsprechenden Bewegungen macht.

Privatsphäre

Jenseits der Software-Updates stellt Apple noch einmal seine Privatsphären- und Datenschutzprinzipien dar: Minimierung der Datenerfassung, Verarbeitung von Daten nur auf dem jeweiligen Gerät und mehr Sicherheit. „All das steckt in unserer Hardware, unserer Software und unseren Diensten“, sagte Craig Federighi. Tracking in Apps soll schwieriger werden. Apps müssen fragen, bevor sie Daten an Drittanbieter senden.

Homekit und Apple TV

Das smarte Heim mit Apples Homekit wird offener. Amazon, Google und Apple wollen zusammenarbeiten. Automationen werden direkt nach dem Hinzufügen eines neuen Homekit-Geräts gezeigt, und Kameras erhalten Aktivitätszonen sowie eine Gesichtserkennung. Man bekommt also einen Hinweis, wer zu Hause an der Tür klingelt. Die Apple TV-Box für das Fernsehgerät erhält ebenfalls die Bild-im-Bild-Technik und unterstützt den neuen Xbox-Controller.

Mac OS

Das neue Betriebssystem für die Apple-Rechner heißt Big Sur und bringt viele Symbole aus iOS auf den Mac. Mehr Klarheit bei einfacherer Benutzbarkeit heißt die Maxime, es gibt Widgets ähnlich wie in iOS und iPad OS. Auf dem Mac gibt es künftig ein Kontrollzentrum, und Push-Nachrichten werden gebündelt.

iMessages, Apple Karten und der Safari-Browser erhalten grundlegende Überarbeitungen und neue Funktionen. Safari werde schneller als Chrome, sagt Apple, und biete mehr Datenschutz als das Google-Pendant. Safari überwacht gespeicherte Kennworte und prüft, ob sie Teil eines Hacks waren. Künftig kann man sich anzeigen lassen, wie man von einer Webseite getrackt wird.

Der Wechsel zur ARM-Plattform

„Heute ist ein historischer Tag für den Mac“, leitete Tim Cook die große Überraschung ein: Apple stattet den Mac künftig mit seinen eigenen Prozessoren aus, verlässt langfristig die X86-Architektur und setzt unter dem Namen „Apple Silicon“ auf die ARM-Plattform.

Im iPhone und iPad laufen bereits Apples hauseigene und selbstentwickelte ARM-Prozessoren, und ihr größter Vorteil besteht darin, dass diese Systeme sehr energieeffizient und schnell arbeiten. In wenigen Jahren wurde die Rechenleistung des iPhone um den Faktor 100 erhöht, sagt Apple, und die Grafikleistung sogar um den Faktor 1000.

Eine Trennung von Intel und der X86-Welt bedeutet für Apple: Man nutzt die eigene Hardware und ist nicht mehr auf externe Anbieter angewiesen. Performance und Power seien die Schlagworte, und Software könne leichter von einer Plattform auf die andere gehoben werden. Apple-Entwicklungen wie die Secure Enclave als geschützter Speicherbereich ließen sich auf neue Macs übertragen.

ARM-Rechner für Windows gibt es schon lange. Ihr größtes Problem ist die eingeschränkte Software-Kompatibilität. Sie sind deshalb ein Nischenprodukt. Der Vorstoß von Apple, eigene ARM-Mac-Rechner auf den Markt zu bringen, ist gewagt, weil auch hier gilt, dass bisherige Mac-Software nicht läuft. Deshalb bedarf eine Umstellung viel Vorlauf, gute Information für die Entwickler und Hilfestellung bei der Portierung.

Schon jetzt sollen indes Apple Apps wie Final Cut Pro oder Logic Pro nativ auf dem ARM-Mac laufen, Microsoft und Adobe arbeiten an der Portierung ihrer Software. Bis der Wechsel auf die ARM-Plattform vollzogen ist, werden zwei Jahre vergehen, sagt Tim Cook. Als neue Kompatibilitätsschicht kommt Rosetta 2 zum Einsatz. Der Name ist angelehnt an den Stein von Rosetta, der wesentlich zur Entzifferung der Hieroglyphen beitrug. iPhone- und iPad-Apps sollen nahezu ohne Veränderung auf den neuen Mac-Rechnern laufen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spehr, Michael (misp.)
Michael Spehr
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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