Apple Watch Series 6 im Test

Wie die Stunde schlägt

Von Michael Spehr
Aktualisiert am 07.10.2020
 - 16:02
Jetzt auch in Rot: Apple Watch Series 6.zur Bildergalerie
Sie misst jetzt auch den Sauerstoffanteil im Blut: Wie gut ist die neue Apple Watch Series 6 und ihre kleine Schwester, die Watch SE?

Die seit fünf Jahren erhältliche Apple Watch ist eines der Zugpferde des amerikanischen Konzerns; mit ihr wurde er zum größten Uhrenhersteller der Welt. Alljährlich wird mit dem jeweils neuen iPhone auch eine verbesserte Apple Watch präsentiert. 2020 ist Corona-bedingt alles anders: Die Apple Watch Series 6 kommt vor dem iPhone 12, und es gibt eine weitere Modellvariante, die Watch SE. Wir haben beide ausprobiert.

Die Series 6 ist optisch kaum von Series 4 und 5 zu unterscheiden, hat allerdings einen schnelleren Prozessor, der 20 Prozent mehr Leistung bringen soll. Man merkt es unter anderem an der Reaktionsgeschwindigkeit auf Eingaben und beim Hochfahren. Die Anzeige ist wie jene der Series 5 „always on“, also auf Wunsch permanent eingeschaltet, sie reduziert die Darstellung im Ruhezustand minimal. Das Display ist deutlich heller geworden, im Einsatz draußen bei Sonnenschein ist das klar erkennbar.

Wie gehabt ist die Series 6 in zwei Größen mit einer Höhe von 40 und 44 Millimetern erhältlich, bisherige Armbänder lassen sich weiterverwenden. Das Gehäuse besteht aus Aluminium, Edelstahl oder Titan, eine teure Keramikvariante gibt es nicht mehr. Das kleinste Modell aus Aluminium startet bei 420 Euro, für die Variante in Edelstahl zahlt man mindestens 710 Euro, Titan ist ab 810 Euro erhältlich. Die teureren Varianten haben ein Mobilfunkmodul eingebaut, das nicht nur für Daten und SMS gedacht ist, sondern auch Telefonie allein mit der Uhr in bester Akustik erlaubt. Erstmals gibt es eine Apple Watch in den Farben Rot und Blau. Wir bekamen zum Test eine Uhr im goldfarbenen Edelstahlgehäuse. Im Vergleich zur Series 5 fällt der Goldfarbton deutlich heller und damit dezenter aus.

Die E-Sim zieht mit um

Die erste große Überraschung während der Einrichtung war die nahezu automatische Übernahme unserer Mobilfunk-E-Sim aus der alten Uhr in die neue. Bislang musste man mit jedem Wechsel von seinem Netzbetreiber ein neues E-Sim-Profil anfordern.

Alles andere bleibt mit der Series 6 zunächst wie bei den Vorgängern: Die Apple Watch ist eine Generalistin, die Nachrichten des Handys anzeigt, viel Kommunikation ganz ohne iPhone möglich macht, Sporteinheiten aufzeichnet und sich mit der Messung von Vitalparametern als Gesundheitscoach profilieren will. Wer eine Sportuhr mit Profi-Funktionen und viel Analytik sucht, ist bei Garmin besser aufgehoben. Aber im Gesundheitssektor ist Apple stark wie nie. Nicht nur mit der hier ebenfalls verfügbaren Aufzeichnung eines Einkanal-EKGs, das zuverlässig Vorhofflimmern erkennt.

Neu ist die Messung der Sauerstoffsättigung des Blutes mit optischen Sensoren. Das können andere Sportuhren schon lange, aber Apple macht es besser und schneller. Während man bei Garmin oder Samsung rund eine Minute je Messung rechnen darf und ein Großteil der Versuche scheitert, legt die Apple Watch ihr Ergebnis nach 15 Sekunden vor und bricht eher selten mit einem Fehler ab.

So wird der Sauerstoff gemessen

Allerdings ist die Aussagekraft der Pulsoximetrie begrenzt. Gesunde Menschen haben Werte zwischen 90 und 100 Prozent. Liegt man darunter, merkt man es auch ohne Messung und Uhr. Eine kontinuierliche Erfassung ist also nicht erforderlich. Andererseits kann eine nächtliche Messung der Sauerstoffsättigung auf Phasen von Schlafapnoe hinweisen. Das macht die Apple Watch, wenn man sie nachts trägt.

Wichtig ist die Pulsoximetrie als Warnung vor der Höhenkrankheit im Hochgebirge. Mit der Höhe sinkt der Luftdruck, daher ist in der Atemluft weniger Sauerstoff enthalten. Der Körper muss mehr rote Blutkörperchen mit sauerstoffbeladenem Hämoglobin bilden, und das dauert. Selbst gut trainierte Bergsteiger können durch zu schnellen Aufstieg höhenkrank werden.

Wer sich entscheidet, die Uhr auch nachts zu tragen, anstatt ihren Akku auf dem Ladepuck induktiv zu betanken, benötigt eine andere Lade-Strategie. Doch zum Glück hält der Kraftspender der Series 6 deutlich länger durch, und er ist schneller betankt. Mit ein bis zwei Sportprogrammen am Tag reichte bei uns ein kurzes Laden nach dem Frühsport und ein einstündiges vor dem Zubettgehen. Doch insgesamt gibt die Auswertung des Schlafs nicht viel her, Schlafphasen werden zum Beispiel nicht unterschieden.

Neue Sportprogramme

Der Pulssensor wurde etwas verbessert. Die Uhr misst zwar überragend genau die Herzfrequenz, aber sie tendiert zu Aussetzern, wenn das Band nicht ganz exakt anliegt, was bei uns während des Laufens und Radfahrens immer wieder auftritt. Die GPS-Erfassung der zurückgelegten Strecken ist wie bei der Series 5 einsame Spitze. Hinsichtlich der Genauigkeit kann keine andere Sportuhr mithalten, auch schwierige Herausforderungen wie das Laufen im Wald ohne freie Sicht zum Himmel werden bestens genommen. Allerdings stellte sich bei uns gleich der Health-GPS-Datenbankfehler ein, den Apple derzeit repariert.

Einige Sportprogramme sind neu hinzugekommen, bei den bestehenden hat sich nicht viel geändert. Noch immer gibt es zum Start einer Trainingserfassung den albernen Countdown, den Apple nach fünf Jahren in den Ruhestand hätte schicken können. Eine automatische Pausenfunktion gibt es nur fürs Laufen, aber nicht für die Radsportler. Neu sind viele Kleinigkeiten, etwa die Messung der bipedalen Abstützungsdauer, die Auskunft über das Gleichgewicht beim Gehen gibt, und die Erfassung eines asymmetrischen Gangs.

Uhr ohne iPhone, das geht auch

Eine der wichtigsten Neuerungen ist die Option, eine Apple Watch für ein Familienmitglied zu konfigurieren, das kein eigenes iPhone hat, etwa einen Senior oder ein Kind. Gesundheitsdaten oder die Sturzerkennung werden an das Handy des Familienoberhaupts gesandt, und dieser kann zum Beispiel während der Schulzeit den Start von Uhren-Apps blockieren. Auf diese Weise will Apple neue Zielgruppen erschließen, und das ist auch die Strategie hinter der Watch SE, die mit 290 Euro startet und im Vergleich mit der Series 6 auf das „Always on“-Display wie auch auf die Erstellung eines EKGs und die Messung der Sauerstoffsättigung verzichten muss, aber davon abgesehen viel Technik aus der Series 5 mitbringt, unter anderem deren Prozessor. Die Watch SE ist nur im Aluminiumgehäuse erhältlich und als Einstiegsgerät empfehlenswert. Aber, dieser Seitenblick muss sein, eine Huawei Watch GT 2 Pro mit Saphirglas und Titangehäuse wirkt edler und kostet auch nur 300 Euro.

Insgesamt haben uns an der Series 6 die hellere Anzeige und der schnellere Prozessor gefallen. Die Messung der Sauerstoffsättigung ist keine Revolution, und die Schlafanalyse bleibt schwach. Dass man die Uhr auf jeder Handy-Qi-Ladestation betanken kann, bleibt ebenso wie eine noch längere Akkulaufzeit ein Wunsch für die Zukunft. Die herausragende Verarbeitungsqualität und ihre vielen Talente als Generalistin machen auch die diesjährige Apple Watch zu einer attraktiven Begleiterin am Handgelenk.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spehr, Michael (misp.)
Michael Spehr
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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